Labile Seitenlage

Uns selbst erscheint ein Wolkenbruch ja immer sehr plötzlich. In Wirklichkeit aber hat der Regen eine sehr beschwerliche, minuten-, wenn nicht gar stundenlange Reise hinter sich. Eigentlich mag man überhaupt nicht darüber nachdenken. Der gemeine Regentropfen, der uns beim Aufprallen auf die Fensterscheibe erschrickt, hat aus unserer Sicht nur den Sekundenbruchteil einer… Sekunde (v. Veröffentl. n. überarb.) gelebt.

In Wirklichkeit aber verläuft das Leben des Tropfens weit ereignisreicher, als uns bewusst ist. Und dies nicht einmal so deprimierend abwärts, wie man meinen könnte. Es kennt Höhen und Tiefen, und diese sogar beim Vornamen (z. B. Hoch Egon oder Tief Berta). Der Tropfen wird durch die Luftschichten, die Sedimente des Himmelreiches, umhergewirbelt. Die Luftschichten selbst werden dabei durch den Tropfen definiert, sie werden durch so genannte Feuchtesprünge voneinander getrennt. Wirbelt der Tropfen umher, verschieben sich auch die Luftschichten. Ein beeindruckendes Schauspiel, das jedoch unsichtbar stattfindet (insofern vielleicht doch nicht so beeindruckend, vielleicht gar stinklangweilig). Stabile Luftschichten definieren sich außerdem darüber, dass sich die Temperatur auf 100 Meter um weniger als ein Grad Celsius verschiebt, während in labilen Luftschichten die Schwankungen über diesem Grad liegen. Rein statistisch tritt irgendwann der Fall ein, dass der Temperaturunterschied genau ein Grad beträgt. In diesem Fall lösen sich darin befindliche Regentropfen in nichts auf, denn eine Schicht, die weder stabil noch labil ist, ist streng genommen überhaupt nicht existent. Es gibt Forschungen, wie man sich dieses Phänomen, gemeinhin als Fata Morgana bezeichnet, in der Agrar- und Tourismusindustrie zunutze machen kann.

Der Tropfen weiß von alledem nichts. Dennoch sieht der Tropfen während seiner Reise weit mehr von der Welt als die meisten ihrer Bewohner. Prallt er auf den Boden, tut er sich mit anderen Tropfen durch die unbändige Kraft der Kohäsion zusammen, um sich in Rinnsalen und Pfützen einen Weg in die Erde zu suchen. Sich zu verkriechen, sich zu beerdigen. Die Welt, das hat er erkannt, ist kein schöner Ort. Der ständige Regen treibt ihn in die Depression. Und selbst nach seinem Tod sieht der Tropfen die Radieschen nicht nur von unten, er ernährt sie sogar noch. Sein eigentlicher Lebenszweck beginnt erst nach seinem Tod. Als Mittler zwischen Pflanze und Nahrung wie dem Stickstoff, den er aus seinen zahlreichen Ammoniumverbindungen befreit, dient der Tropfen einem höheren Zweck, um hinterher wieder gen Himmel zu fahren. Der Tropfen als Gott, Gott ist schon ein armer Tropf.

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