Angry Teng: Live in New York

Auf YouTube gehe ich mittlerweile nur noch, um unter deutschen Hip Hop-Videos die Kommentare zu lesen. Unter älteren Videos (also allem vor 2010) wird bejammert, dass das doch noch richtiger Hip Hop gewesen sei, mit Hirn und Herz und nicht so ein Scheiss wie heute, während unter aktuelleren Werken… keine Ahnung, ich verstehe nicht, was dort gesprochen wird.

„I used to be with it, but then they changed what ‚it‘ was. Now, what I’m with isn’t it, and what’s ‚it‘ seems weird and scary.“

Jedenfalls staut sich bei der Lektüre regelmäßig jede Menge Menschenhass auf, deshalb mache ich das ja überhaupt. Man muss hassen können, um zu wissen, dass die Liebe lohnt. Da ich von Natur aus zu Hass unfähig bin, braucht’s eben diesen Katalysator. Angry Teng hingegen braucht dafür wohl kein YouTube, der ist einfach dauerwütend, und das natürlich völlig zu recht. Auf seinem zweiten Album, Live in New York, wird deshalb mal wieder gegen alles und jeden geschossen.

Und wie schon auf dem Vorgänger Nich‘ zu fassen geht es dabei nicht dumpf gegen die Szene, die Bullen, die Studentenrapper respektive die Gangsterrapper, sondern gegen die richtigen wie Kriegstreiber, Gewinnler oder auch selbstzweifelnd gegen sich selbst. So genau lässt sich das alles nicht auseinanderhalten, Tengs Texte driften wie gewohnt schnell ins Abstrakte, so dass man nur anhand eingestreuter weltlicher Vokabeln wie Bertelsmann oder der Flatrate bei 1&1 daran erinnert wird, was überhaupt gerade besprochen wird. Teng schrieb mir, dass die Jugendlichen immer ein wenig ratlos vor seiner Musik stehen, und das wird hier nicht anders sein. Es ist keine massenkompatible Musik, und Teng wird wohl nie die Menge Applaus erhalten, die ihm von Rechts wegen zustünde. Sei’s drum. Einzigartig sein heisst eben auch, alleine dazustehen, und das heisst eben auch, irgendwann aufzufallen. Zu hoffen wär’s.

Derzeitiger Lieblingstrack auf dem Album ist das grandiose Koffer voller Geld. Ein Song, der beweist, dass man sich sehrwohl differenziert zum islamistischen Terror und seinen Ursachen, falscher Toleranz und ebenso falscher Intoleranz äußern und trotzdem (oder deshalb) einen ziemlichen Hals kriegen kann.

Seine eigene Herkunft bespricht Teng in Menschengötter (Der Bücherwurm – halb Kartoffel, halb Wüstensturm), stellt jedoch klar, wo seine Sozialisation liegt – im Magic zocken, fernsehglotzen… ist er der, der seinen Bizeps zeigt, genau der, der man denkt, oder doppelt so tätowiert, oder doch eher der conscious rapper? Man weiß es nicht, man kommt nicht hinterher.

Hatten die Fanta 4 mit Tag am Meer wenig subtil klar gemacht, dass sie dem ewigen Motto „Legalize it“ wohlwollend gegenüberstehen, war das bei Tengs Evergreen Salamander schon vertrackter: Gut möglich, dass es dort um Drogen ging, aber praktisch unmöglich, zu wissen, um welche. Seinen legitimen Nachfolger findet Salamander in Waldkind, einem Song, den man sich in Endlosschleife legen sollte, falls an sich in einem Wald verirrt. Es ist, also ob die Eskapismus-Magazine Landlust oder Landidee ein 3D-Bild als Gimmick beilegen würden, das man nur unter Einflussnahme psychodelisch wirkender Pilze erkennen kann.

Und hatte Nich‘ zu fassen mit Kaffe und Kuchen auch die humoristische Schiene nicht zu kurz kommen lassen, findet sich hier das abenteuerliche Zombies!!! wieder, mit dem die Zombiekalypse endlich auch musikalisch einmal würdig aufgearbeitet wird. Minuspunkt: Den Versuch, den Nachrichtensprecher selbst oder durch einen Kumpel zu vertonen, hat Sido schonmal irgendwann verkackt, und Angry Teng hier eben auch. Der einzige, der es richtig gemacht hat, war einst Falco.

Ich bin ein einfacher, hart arbeitender Mann, der seine Steuern zahlt und abends Quizshows guckt. Ich weiß nicht viel von der Welt. Ich kenne mich zum Beispiel überhaupt nichts mit Beats aus. Daher möchte ich garnicht viel darüber sagen. Es wird eher konservativ vorgegangen, soweit ich das beurteilen kann. Vieles klingt jazzig angehaucht, es gibt Synthiestreicher, Pianosounds. Es wird angenehm überraschend viel gescratcht, ich dachte, diese Kunst ist mittlerweile ausgestorben. Und gnädigerweise wird nicht auf den Elektro-mnml-wasauchimmer-Zug aufgesprungen, die Gefahr, dass Angry Teng irgendwann billige Atzenmusik macht, um sich hinterher in peinlichen Werbeclips für myvideo.de verdingen zu müssen, ist wohl eher gering. In Feuer meine ich im Hintergrund einen Reime-Chor aus Rödelheim Hartreims Song, eben, Reime herauszuhören (RHPs fast 20 Jahre altes Album Direkt aus Rödelheim ist übrigens sehr gut gealtert, was an der ebenfalls erdig-jazzigen Produktion liegt – eine gute Entscheidung Tengs also, diesen Weg zu gehen), ach der Satz war ja noch garnicht fertig, also: Wahrscheinlich hat das garnichts mit RHPs Reime zu tun, sondern es wird ganz anderes zitiert und ich mache mich lächerlich, aber das ist eben das, was mir aufgefallen ist.

Einen Ausschnitt aus Angry Tengs Live in New York gibt es hier zu sehen:

Seiten, auf denen man das Album erwerben oder den Künstler stupsen und gruscheln kann:

Zeitgeister
Angry Teng
Angry Teng auf Facebook

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Eine Antwort zu Angry Teng: Live in New York

  1. SirPreiss schreibt:

    Hier wird es in Kürze ein interview mit Angry Teng zum Album geben:
    http://sirpreiss.wordpress.com/2012/03/21/release-angry-teng-live-in-new-york/
    Gruß,
    SirPreiss

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