Über Gottes Kinder

Die Erfahrungen mit Kindern prasseln derzeit nur so auf mich ein. In Echt, auf der Arbeit und in Diskussionen über sie. Daher kann man ja ruhig mal ein paar Worte über sie verlieren. Ich glaube, hier wurder noch nie über Kinder geredet. MIT Kindern, nun, das ist nochmal ein ganz anderer Schnack.

Aber wo beginnen? Vielleicht erst einmal bei der Feststellung, dass Kinder in der Tat grausam sein können. Ich präsentiere, von meinem heutigen Arbeitstag, Beweisstück A:

Ich kann kurz vor dem Ende meines Praxissemesters, das ich zu einem Gutteil in der Kinderbibliothek verbracht habe, ruhigen Gewissens behaupten, dass es sich bei dem Hund um ein ABSOLUT FRIEDLICHES Tier gehandelt hat. Ich war nicht dabei, als es passierte, aber wahrscheinlich hat es sich nicht einmal gewehrt, als es auf das Wikingerschiff gepflockt wurde, weil man gerade eine kuschelige Galleonsfigur benötigte. Kinder trauen sich grundsätzlich nicht, gegen gleichgroße anzutreten. Schon, weil halt 95 % aller Menschen größer sind. Haha. Aber zum Beispiel den Löwen und das Krokodil haben sie in Ruhe gelassen.

Beweisstück B wäre vielleicht ein Absatz aus diesem Interview mit Marina Weisband, die irgendwas bei den Piraten macht, aber da kommt man ja nicht hinterher, jedenfalls:

Ich hatte ja gedacht, ich sei falsch. Mit zwölf Jahren bin ich mit einem Klemmbrett zu jedem meiner Klassenkameraden hingegangen und habe ihn gefragt, was er an mir hasst, und die ganzen Punkte habe ich dann in einer Liste gesammelt, um mich nach den Wünschen der anderen zu verändern. Und erst mit den Leuten, die ich im Internet gefunden habe, hat sich das gedreht. Die haben mir gezeigt, dass ich okay bin, wie ich bin. Das hat mich gerettet. Denn ich hätte mich sonst angepasst. Ich wäre auch eines dieser Kinder geworden, die schlecht in der Schule sind und das cool finden, andere ausgrenzen, weil sie die falsche Schuhmarke tragen, irgendwelchen Hobbys nachgehen, weil die gerade hip sind. Und ich wäre garantiert nicht bei den Piraten gelandet.

Ich kann also jedem Kind nur einen Tipp geben: Wenn ihr gemobbt werden, geht ins Internet und sucht euch da einen Freund. Am besten einen Piraten.

Punkt 2: Warum fangen manche Leute mitten im Artikel an, eine Liste daraus zu machen?

C) Die Diskussion gab es neulich auf Twitter und kurz davor habe ich einen Onlinecomic gelesen, der folgende gewagte These aufgestellt hat: Kinder sind nicht fantasievoll. Und es stimmt. Man sagt immer, Kinder haben ach so viel Fantasie und können Dinge sehen, die wir nicht sehen. Aber schauen wir uns das doch mal an. Wenn Kinder spielen, was spielen sie dann? Wen stellen sie dar? Ein kurzer Abriss der letzten Jahrzehnte:

60er

70er

80er

90er

Ich weiß nicht, was Kinder ab den 2000er spielen, da habe ich den Faden verloren (hehe). Worauf ich hinaus will, ist, dass alle diese Figuren eines gemeinsam haben: Sie wurden von Erwachsenen erfunden und gezeichnet (gut, gezeichnet evtl. von Kinderarbeitern in Asien, aber ihr wisst, was ich meine). Kinder denken sich überhaupt nichts selbst aus, das ist alles noch von Erwachsenen übernommen. Und wenn sie sich mal was ausdenken, dann ist das überall auf der Welt ein Haus und oben rechts eine Sonne mit Gesicht. Weltweit. Das ist ja auch nachvollziehbar, everything is a remix, und Kinder haben nicht viel mehr zu remixen als Gesichter und Sonnen. („Während es ach so erwachsen ist, Menschen mit Spinnen zu remixen oder was?“)

Es ist Herbert Grönemeyer also unbedingt zu widersprechen, wenn er fordert „Kinder an die Macht“, und auch sonst immer. In dieser Welt würde ich nicht leben wollen.

Warum ich aber überhaupt auf die Idee kam, mal über Kinder zu schreiben, war eine Diskussion heute auf Facebook über Religion, denn wo in aller Welt sollte man sich sonst zusammenfinden um über Gott zu sinnieren? Solch ein Ort müsste erst noch erfunden werden. Es ging um diesen fürchterlichen, fürchterlichen, wirklich fürchterlichen Artikel auf Zeit.de, der wie folgt anfängt:

Neulich beteten wir für einen sterbenskranken Bauarbeiter, der kurz darauf aus dem Krankenhausbett aufstand, seinen Tropf in die Hand nahm, auf den Flur hinauslief und rief: »Ich bin geheilt! Ich bin geheilt!«

was mich so sprachlos zurückließ, dass Jesus persönlich mich nicht hätte sprechend machen können wie einen mundlahmen. Schreiben konnte ich aber und so stellte ich zur Diskussion:

Über eine Frage grüble ich seit einiger Zeit: Wenn etwas furchtbares geschieht, zum Beispiel knapp 20 Prozent HIV-Infizierte in Südafrika (christlich verwurzelte Ablehnung von Kondomen, auch das ist „Jesus in Action“ (sic!)), heisst es imme
r, Gott habe einen Plan, da steckt was höhreres dahinter, das kann man nunmal nicht beeinflussen und das hat alles seine Richtigkeit.

Und dann aber: Wenn etwas tolles geschieht, zum Beispiel die Wunderheilung im ersten Absatz, dann war es immer die Kraft der Gebete. Also: Wenn man Gott um etwas bittet, dann tut er es manchmal auch. Oder auch nicht. Betende Menschen gehen also durchaus davon aus, dass man Gott in seinem großen Plan umstimmen kann. Sie glauben also auch, dass der Plan so perfekt vielleicht doch nicht ist.

Meine Frage ist nun also: Was denn nun?

Und zur Antwort kam dann irgendwann etwas, was ich so oder ähnlich immer mal wieder höre, nämlich: „Als Kind haste vielleicht auch geglaubt, dein Vater wär „allmächtig“ und hast ihn trotzdem gefragt, ob er dir nicht doch ein Eis kauft ;)“ Und das leuchtet natürlich sofort ein, nach fünf Sekunden nachdenken aber schon nicht mehr. Weil, wie oben bereits ausgeführt, Kinder sind vielleicht garnicht der Maßstab, nach dem wir uns alle richten sollten. Vielleicht sollten wir uns bei der Bewertung unseres Seins einfach mal wie Erwachsene benehmen und uns nicht auf eine Stufe stellen mit Menschen, die Gesichter auf Sonnen malen, wie creepy ist DAS denn? Als Kind habe ich alles mögliche geglaubt. „Als ich ein Kind war, / redete ich wie ein Kind, / dachte wie ein Kind / und urteilte wie ein Kind. Als ich ein Mann wurde, / legte ich ab, was Kind an mir war.“ Die Korinther geben mir da auch Recht.

Kinder sind eigentlich schon ganz in Ordnung. Ich selbst war ja auch jahrelang Kind. Aber es sind halt auch keine Wunderwesen. Es ist ein recht verbreitetes, aber albernes Verhalten, bei (Denk-)Fehlern auf Kinder zu zeigen und zu sagen: Die machen das aber auch. Das ist nämlich ziemlich kindisch.

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Eine Antwort zu Über Gottes Kinder

  1. MuGo schreibt:

    Ach je, das mit dem Glauben, das ist so eine Sache…

    Ich steige normalerweise an der Stelle aus, wo Gott mich zwar bedingungslos liebt, aber trotzdem ein paar ganz klitzekleine, kaum nennenswerte Hausregeln aufgestellt hat, an die ich mich halten kann oder eben auch nicht – aber wenn ich es nicht tue, überlegt es sich dann doch lieber noch mal, ob er mich nicht vielleicht doch mit Liebesentzug bestrafen sollte.

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