Berlin – Tag & Nacht

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An dieser Stelle möchte ich einmal eine Lanze brechen, auf dass mir beide Hälften aus der Hand gerissen werden und mit ihnen meinem Ruf als geistig gefestigter Erwachsener in den Leib gerammt wird. Es geht um die RTL2-Sendung Berlin – Tag & Nacht, die heute für den Fernsehpreis nominiert wurde, was selbstverständlich zu einem kleinbürgerlichen Shitstorm führte, bzw. in Verbindung mit dem Tod Marcel Reich-Ranickis für exakt einen schlechten Witz in tausendfacher Ausfertigung sorgte.

Es ist nämlich so: Berlin – Tag & Nacht ist eine sehr gute Serie. Was für den von der Arbeit geschlauchten Vorbeizapper nur schwer zu erkennen ist, jedoch für den Kenner (mich) eindeutig, ist die Tatsache, dass es in der RTL2-Spätnachmittagsschiene sehr große Qualitätsunterschiede gibt, die von extrem mies (X-Diaries) über mies (Köln 50667) bis hin zu fantastisch (Berlin – Tag & Nacht) reichen.

Dass das so ist, kann von mir jetzt erklärt werden. Es gibt zwei große Vorwürfe, die der Sendung gemacht werden. Während sich die einen an der Machart stören, stören sich die selben an den Inhalten. Reden wir also zunächst über die Machart. Berlin – Tag & Nacht wird in der Wikipedia als Pseudo-Doku-Soap bezeichnet, was der Sache nur halb gerecht wird. Es wird natürlich mit Elementen von Doku-Soaps oder auch Scripted Reality-Formaten gespielt. Insbesondere dabei natürlich die zwischengeschnittenen Interviews, die teils mitten in einer Szene stattfinden, oder die alles verfolgende Shouldercam inklusive schlechter Beleuchtung. Ebenso ist recht offensichtlich, dass im Drehbuch wohl eher grobe Szenevorgaben („Marcel stellt Sunny wegen dem Geld zur Rede“ o. ä.) stehen denn echte Dialoge. Im Gegensatz zu früheren Sendungen dieser Art kann hier aber zu keinem Zeitpunkt der Vorwurf gemacht werden, dass die Produzenten Authentizität vermitteln wollen. Es ist lediglich eine (wenn auch billige) Produktionsform, die heute gleichberechtigt neben klassischer Soap-Produktion wie Gute Zeiten, Schlechte Zeiten steht und dieser in Teilen sogar überlegen ist: Die Dialoge wirken, wenn schon nicht tiefsinnig (zu den Inhalten gleich), so doch zumindest nicht hölzern auswendig gelernt. Hinzu kommt, dass die Macher mit der Produktionsform gerne auf der Meta-Ebene spielen, wenn zum Beispiel eines dieser Interviews geführt wird, während zwei Personen in einem Zimmer eingesperrt sind und die zweite Person sich süffisant ins Bild schiebt und sagt: „Dir ist klar, dass ich alles hören kann, oder?“ Es ist dieser Schuss Selbstironie, der Berlin – Tag & Nacht eine Stufe über die anderen Produktionen hebt. Es gibt sicher auch niemanden, der das alles irgendwie für echt halten würde, weswegen der in den erbosten Kommentarspalten dieser Welt oft geäußerte Vorwurf „Für wie blöd halten die den Zuschauer eigentlich“ immer nur eine Person trifft, nämlich den Kommentator selbst. Mit was für Menschen es man dort zu tun hat, wird deutlich, wenn man eine Meinung liest wie: „Demnächst wird vielleicht noch das „Testbild“ in der Kategorie „Beste Farbauswahl“ vorgeschlagen.“ Es sind Menschen, die glauben, dass es noch ein Testbild gibt, die die Sendung schlimm finden.

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Ebenso stört man sich an den groben, übertriebenen, prolligen Inhalten. Das große Missverständnis ist der Glaube, dass hier übertriebene, unglaubwürdige Geschichten erzählt werden. Nein. Und es sind natürlich nicht die großen Dramen, die hier verhandelt werden. Es sind wirklich nur kleine, belangelose Erlebnisse, die hier stattfinden. Bescheuerte Wetten, ein falsches Wort, das zum Streit führt, ein missratener Job als Promoter oder die Schwierigkeiten, eine Würstchenbude zu eröffnen. Aber eben selten vertauschte Väter oder Entführungsquatsch. Es ist sehr bodenständig im positiven Sinn. Im Abtun als Proletenfernsehen schwingt stets auch immer eine gehöriges Maß Überheblichkeit mit, weil man in seinem eigenen Leben keine Geldsorgen zu thematisieren hat.
Es ist auch durchaus gewitzt, wie Berlin – Tag & Nacht aktuelle Themen aufgreift wie sonst vielleicht nur die Lindenstraße. Wie eine ganze Folge der Bundestagswahl gewidmet und dem Publikum der Wahl-o-mat nähergebracht wird. Eine Chance, die Breaking Bad verpasst hat!

Die Darsteller mögen sehr eingeschränkte Typen darstellen. Aber deswegen stechen einige positive Ausnahmen eben doch hervor. Aus einem Alexander „Florian „Schmidti“ Schmidt“ Freund könnte ein im Semmelrogg’schen Sinn interessanter Schauspieler werden, Lutz „Joe“ Schweigel strahlt eine gewisse depressive Schwermut aus, die ernstzunehmen ist und immer dann wirkt, wenn er mal wieder von seiner ostdeutschen Vergangenheit eingeholt wird. Frank „Piet“ Winter sollte, würde es nach mir gehen, in jeder TV-Produktion überhaupt auftreten.

Der Twist ist, dass alles, was da oben steht, in gewissen Sinne Quatsch ist. Berlin – Tag & Nacht ist keine Sendung für die Ewigkeit, und im Laufe der Zeit wiederholen sich die Geschichten dann doch. Man kann die Sendung ein Jahr gucken und sollte dann vielleicht wieder aussteigen, denn dann heißt es neue Runde mit neuer Besetzung. Etwas mehr Liebe zum Detail würde dem ganzen gut tun, so wäre es doch ein Anfang, wenn in der Shishabar auf dem Hausboot nicht ausschließlich leere(!) Plastik(!!)bierflaschen serviert würden. All der Schwächen bin ich mir bewusst. Aber all der Stärken offenbar keiner der Kritiker.

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