Der mit dem Wolf tanzt

Kaum ein Abend vergeht, an dem die einzige offizielle Tussi on Tour Stretchlimousine! nicht durch unsere Straße schleicht. Aus der Deckenluke lugen junge Luder, die ihre neu gewonnene Freiheit herausschreien, ein durchgehendes woohoo hallt durch die Schlucht. Die bestandende Realschulabschlussprüfung, den 18. Geburtstag, die bevorstehene Ehe. Ich weiß nicht, worüber sie sich freuen. Und sie wissen nicht, dass sie jeden Abend an mir vorbei fahren, in wechselnder Gestalt, aber stets gleichem woohoo. Sie wissen auch nichts von den Autoprolls, die sich unsere Straße zum Aufheulen der Motoren ausgesucht haben, von diesem Corsa mit Discobeleuchtung, der seinen Bass jeden Abend so fett aufdreht, dass ich Angst um meine Fenster habe, mit dieser beschissenen Musik, dass ich Angst um seinen Geisteszustand habe. Sie alle wissen auch nichts von den Junkies, die sich jeden Tag vor meinem Fenster kloppen und Bierflaschen auf die Straße schmeissen, weil Ätze mal wieder Scheisse gelabert hat und meine Wohnung nun mal zwischen Umschlagplatz und Netto liegt, oder auch von der Baustelle, die seit eigentlich schon immer, mindestens aber zweieinhalb Jahren vor meiner Wohnung besteht, ein Einkaufszentrum kommt da hin, was auch sonst. Dass ihr einfach mal ein Bild davon bekommt:

baustelle

A, das bin ich, genau an der Ecke. Die Kirche steht nicht mehr, die hamse abgerissen, das Haus direkt vor meinem Bett wurde entkernt, mit einem einzelnen Presslufthammer, der dafür aber über Wochen 12 Stunden täglich gehämmert hat. In der Lücke dazwischen stand auch mal ein Haus. Eigentlich war alles voller Häuser. Jetzt ist alles voller Kräne, einer davon hat ein Loch in unser Dach gerissen, so dass in einem unserer Bäder das Wasser durchbrach wie einst der Russe. Die Idylle, die die Fenster zu anderen Seite versprechen, trügt. Die Tübinger Straße wurde in meinen beiden Jahren hier nicht weniger als drei mal aufgerissen und wieder zugeschüttet, weil irgendein Bauarbeiter seinen Schraubenschlüssel hat liegen lassen oder was. Jetzt ist die Straße wieder zu und die türkische Kneipe, über der ich wohne, kann endlich wieder bis 3 Uhr nachts schlechte Livemusik spielen. Ist ja auch Sommer, da gibt es ja auch viel vorbeikommene Laufkundschaft, die bedient werden möchte.
Falls diese der Hunger packt, kann bei uns geklingelt werden, macht ja eh jeder, und mein Mitbwohner hat sicher wieder ein Fischfilet im Ofen, da er eingeschlafen ist und es nach vier Stunden backen vergessen hat, wird er es sicher nicht vermissen. Sterben müssen wir eh bald alle, wenn man unserem Gasofen Glauben schenkt. Da braucht es nur einen falschen Funken, die regelmäßig durch explodierende Glühbirnen im Flur geliefert werden. Andererseits, Wasser zum Löschen tropft genug aus unseren Leitungen.

Was ich sagen will ist folgendes: Ich muss hier raus. Ich bin fertig. Die Wohnung, der Lärm, sie haben mich zu einem psychischen Wrack gemacht. Der mit dem Wolf tanzt-Style will ich irgendwo hin, wo sonst keiner ist. Jede Brandenburg-Reportage, die mir erklärt, dass wegzieht, wer kann, ist ein Werbefilm, ein Fantasyfilm, ach was, ein Erotikfilm für mich. Brandenburg wird langsam sowas wie ein Fetisch. Wie es wohl ist, eine Minute mal nichts zu hören? Bei offenem Fenster zu schlafen?

Irgendwas ist immer.

Irgendwas ist immer.

Und wer weiß, vielleicht liegt dieser Augenblick nicht mehr so fern. Das Studium kam, surprise surprise, zu seinem natürlichen Ende, the future is unwritten und ich bin deutschlandweit einsatzbereit. Aber in eine Innenstadt, so viel steht fest, werde ich nie wieder ziehen. Wünscht mir Glück, verbliebene Getreue. Und noch mal wer weiß, vielleicht fange ich ja sogar wieder an zu „bloggen“. Nennt man das noch so? #belieber #xbone

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11 Antworten zu Der mit dem Wolf tanzt

  1. Frank schreibt:

    Des sind natürlich Extreme, mit denen du da zu kämpfen hat, trotzdem kann ich deinen Impuls nach Ruhe nachvollziehen. Gibt es denen schon konkrete Pläne, abseits des Herumgeblödel mit henscheck neulich Abend auf Twitter? Freunde von mir ziehen jetzt jedenfalls nach Leipzig und finden es toll da.

  2. Sebastian schreibt:

    Das war natürlich nur Geblödel. Ich habe halt ein paar Bewerbungen laufen, hoffen wir mal, dass es dann auch recht bald konkret wird. Ich bin da grundsätzlich ganz flexibel, über Leipzig habe ich auch schon nachgedacht. Oder wieder Norddeutschland. Meinetwegen sogar Stuttgart, aber dann Randgebiet.

  3. Sebastian schreibt:

    Oder Berlin! 🙂

  4. Jochen Hoff schreibt:

    Meist reibt man sich am meisten an dem was man sehr liebt und nur das kann richtig weh tun. Brandenburg ist toll. Nur das da nicht der Wolf tanzt, sondern sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen. Nach drei Wochen kennst du alle Geschichten in deinem Umfeld und nach 12 Wochen die Fahrtstrecke nach Berlin auswendig.

  5. Frank schreibt:

    Dann kommste halt nach Berlin, Bursche. Wärst hier sehr willkommen. 🙂 Hier ist allerdings überall ein bisschen Innenstadt.

  6. herrpunktmarkus schreibt:

    Als Landbewohner führe ich naturgemäß oft das Stadt vs. Land-Gespräch. Es ist spricht nicht immer viel für das Land, eins aber immer: Ruhe.

  7. Helmut schreibt:

    Achtung: Auch Dörfer haben Landstraßen und Bundesstraße die zu den Diskotheken in der nächstes Kreisstadt führen!

  8. Ivy schreibt:

    Mir wurscht wo du hinziehst, auch wenn Stuttgart an dir nur gewinnen konnte… Hauptsache du bloggst.

  9. Sebastian schreibt:

    Tjaha, im Gegenatz zu… na? Von dir liest man ja leider auch nüscht mehr.

  10. Ivy schreibt:

    Schätzelein, ich bin alt, ich schreibe nicht nicht mehr, sondern nur langsamer 😉 Aber ehrlich – Tübinger Strasse ist die Hölle, du könntest genauso gut mitten im HBF wohnen. Falls das hier eine Abstimmung wird – nimm Ostfildern, die Flugzeuge nerven irgendwann echt nicht mehr…

  11. Sebastian schreibt:

    Ostfildern ist glaube ich eine GANZ GANZ schlechte Idee 😉

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