I walk the line

So ist das, wenn man nach Norddeutschland zieht: anders als Kitsch geht gar nicht. Jede Beschreibung des Ist-Zustandes ist auch gleichzeitig Metapher für irgendwas. Ja, ich bin tatsächlich an ein neues Ufer gezogen, die Horizonte sind hier nunmal weit usw. was soll ich machen? Jedenfalls, Rendsburg! Zuletzt war ich hier vor zwei Jahren, hatte aber wenig gesehen, weil: Durch die ganze Stadt zieht sich eine blaue Linie auf dem Boden, der ich damals prompt und im Stechschritt gefolgt bin, um ihrem Geheimnis auf die Schliche zu kommen. So fixiert war ich von ihr, dass ich überhaupt nicht nach links oder rechts schaute (lyrische Übertreibung, aber sonst funktioniert die Pointe nicht). Hinterher stellte sich heraus, dass die blaue Linie wohl an den Sehenswürdigkeiten von Rendsburg vorbei führt, die ich dann natürlich verpasst habe. Auf die Idee muss man erst einmal kommen: Dem potentiellen Touristen vorgeben, auf welche Weise er eine Stadt zu entdecken habe. Also ob das nicht gerade auch ein Reiz des Städterkundens sei, ein wenig verloren zu gehen, ab und zu eine Karte zu konsultieren, sich ansonsten aber von den Einflüssen der Stadt selbst treiben zu lassen, „da, dieser Winkel, der sieht schön aus, da gehen wir jetzt mal lang“. Stichwort Serendipität, Leute. Der Glückstreffer beim ziellosen Stöbern ist ein Wert für sich. Habt Vertrauen in eure Stadt, sie scheint mir nach den ersten paar Tagen des hier wohnens durchaus ansehnlich. Der Kanal, die Eider und ihre vielen kleinen Abzweigungen machen Rendsburg fast zum „Venedig des Nordens“ (gut, so wie auch Amsterdam, Berlin, Brügge, Emden…). Rendsburg ist eine wunderschöne Stadt. Ihre Erbauer haben die Sehenswürdigkeiten aber nicht an einer Schnur entlang und Touristenbedürfnissen folgend gebaut, und so schlängelt sich die Linie plemplem und zickzack irgendwie so durch die Gegend, und das nicht dezent, sondern HÄSSLICH HÄSSLICH HÄSSLICH und aufdringlich. Konsequenter wäre im Übrigen eine blaue(!) Linie, die feierlaunige Menschen abends sicher von Kneipe zu Kneipe führt.

Ohne jetzt, haha, Parallelen ziehen zu wollen, aber mich erinnert die Linie an die Monorail-Episode der Simpsons. Irgendein Stadtmarketingexperte hat eine Idee, verkauft sie eloquent, worauf sie beklatscht und dann von denselben Händen durchgewunken wird. Und Rendsburg wird zu einem zweiten Northern Haverbrook, andere Städte machen diesen Quatsch jetzt nach, weil offensichtlich von denen keiner hier her gefahren ist, um sich das mal anzugucken.

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2 Antworten zu I walk the line

  1. LaRotta schreibt:

    Der Vergleich ist doch gelungen. Da kann man sich die Diskussionen im Gemeinderat doch direkt bildlich vorstellen. Guten Start im August dann.

  2. Sebastian schreibt:

    „Und was ist mit uns denkfaulem Arbeitsgemüse?“ – „Ihr bekommt Jobs, drückt auf die Düse!“ Dann mach ich das mal. Vielen Dank 🙂

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