Cola Zero

Einmal war es so heiß, dass ich mich – sonst stets eingeengt fühlend von der allgegenwärtigen Werbung – selbst über einen Cola Zero-Promostand freute, der vor dem Supermarkt aufgebaut war. Dort konnte man sich eine kleine Dose eben jener kalorienfreien Limonade für lau geben lassen. Es ist vielleicht eine perfide Taktik, Kunden von längst eingeführten Produkten kosten zu lassen, als wäre es der heißeste Scheiß, um sie ja nicht von der Leine zu lassen und sie niemals vergessen zu lassen, wer das Sagen auf dem Limonadenmarkt hat. Nun ja, mich haben sie jedenfalls und mein Plan war, kurz meine Einkäufe zu erledigen und mir dann eine Dose „abzugreifen“, um sie gemütlich auf dem Nachhauseweg zu trinken. Und das war der Fehler.

Umsonst gibt es nichts, und wenn, dann nur zu den restriktiven Bedingungen des Ausgebenden. In diesem Fall war das ein armer Promojobber, der irgendwie in diese Szene hineingeraten war und voller Hass für diese Arbeit steckte und außerdem voller Angst, von seinen Kollegen (also Kollegen-Kollegen, nicht Arbeitskollegen) erkannt und verlacht zu werden. Sein Job war es, jeden Menschen mit ein und demselben Spruch anzuschnauzen, der in etwa ging, Wollen auch Sie Coca Cola Zero probieren? Coca Cola Zero! Das leckere Erfrischungsgetränk! Der junge Mann Anfang 20 war ganz klar Verantwortungsethiker und er wich keinen Millimeter von diesem Spruch ab, denn so wurde es ihm ganz offensichtlich beigebracht und so wird es gemacht. Weil er diesen Spruch aber schon hunderte Mal aufgesagt hatte, war es schon kein Unterton der Verachtung mehr, der in diesen Wort mitschwang. Es war pure Missachtung für jeden, der den Fehler machte, seinen Weg zu kreuzen. Ich war nun dieser eine Typ, der nicht nur zufällig vorbeikam, sondern ganz wissentlich und willentlich in seine Richtung ging, weil ich ganz explizit eine Dose Cola wollte. Die Schwierigkeit war zunächst, die richtige Ansprache zu finden. Denn was sagt man in so einem Fall? Ja wohl kaum „Gibt es hier Cola Zero?“ „Ich hätte gerne eine Cola“ klingt auch irgendwie nach Bar, und „Gibt es hier was umsonst?“ wäre mir ebenfalls unangenehm gewesen. Schon völlig überfordert von dieser Situation schaltete ich in meinen mir gottgegebenen Naivitätsmodus, für den ich bekannt bin und in dem ich einfach lächelnd auf eine Situation zugehe und schaue, was dann passiert. Ich stellte mich also lächelnd vor diesen aggressiven Menschen und es passierte einige Sekunden nichts. Er war es nicht gewohnt, dass jemand vor ihm stehenbleibt, sein Schlachtruf Wollen auch Sie Coca Cola Zero probieren? Coca Cola Zero! Das leckere Erfrischungsgetränk! war ja schließlich das Mittel, Menschen zum Stehenbleiben zu bewegen (häh?). Wir standen uns also gegenüber in der Hoffnung, der jeweils andere möge von seinem vom Schicksal vordefinierten Weg diesen einen Millimeter abweichen, um diesen Blogeintrag Richtung Ende führen zu können. Es war der Promojobber, der mich anbrüllte, ob ich auch eine Coca Cola Zero wolle. Coca Cola Zero! Das leckere Erfrischungsgetränk! Und ob ich wollte, immer her damit, gib mir mal so eine Dose!

Aber dann: Er gab mir eine Dose und zeigte auf einen Müllsack neben dem Stand und sagte: „Die leere Dose brauche ich dann wieder.“ Ladies and Gentlemen, es wird unangenehm. Denn es gibt hier in Deutschland das ungeschriebene Gesetz, dass derlei ungeschriebene Gesetze zwingend zu befolgen sind. Wenn er die Dose wieder braucht, braucht er sie wieder! Da lässt sich nicht dran rütteln, das wurde ihm vorher gesagt, dass die Dosen nachher abgezählt werden, damit er nicht alle Getränke für sich selbst abgreift oder verkauft. Ich konnte also gar nicht nach Hause gehen, ich musste jetzt die paar Minuten neben ihm stehen und unter seinen Argusaugen diese Cola austrinken und genießen.

Ich ließ meinen Blick schweifen und jetzt sah ich sie: Überall um mich herum standen Menschen wie ich, Menschen, die vom Sirenengesang des Promojobbers in den Aktionsradius des Cola Zero-Standes hineingesogen wurden und die alle an ihrer Cola Zero nippten, die zu kalt war, um sie, was soll’s, dann doch schnell hinunterzustürzen und dann abzuhauen. Wir standen da als eine verschworene Gemeinschaft von Menschen, die hier unmöglich weg konnten, denn die Dose braucht er wieder. Wir sagten kein Wort, es war auch keines nötig. Einige von uns kamen gerade vom Einkauf, einige wollten gerade in das Geschäft hinein. Egal, was unsere Pläne waren, hier war ein Zeitloch, aus dem es kein Entrinnen gab. Wir dachten alle dasselbe: Ich wollte nur kurz eine Cola und nicht minutenlang hier rumstehen. Es bringt ja auch nichts, jetzt anzufangen mit irgendwelchen Themen, denn natürlich gab es eine Fluktuation der Protagonisten, und worüber sollte man sich auch unterhalten? Dass es heiß war wussten wir ja alle, damit hat es ja angefangen. Also standen wir in etwa zu fünft in diesem unangenehmen Schweigen in einer Art Kreis, in dem jeder etwas anderes Interessantes suchte, worauf er starren konnte.

Diese Dose Cola Zero war gleichzeitig das längste Getränk, das ich je getrunken habe. Die Größe? Ich weiß es nicht. Immerhin stieß ich bei der Recherche aber auf auf dieses Forum, so dass es sich dann doch irgendwie gelohnt hat.

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