Das eigentliche Problem der deutschen Comedy

Ich habe gestern zufälligerweise die heute-show gesehen, die ich bisher weitestgehend gemieden habe, da ich schon die Daily Show für gehypt und Jon Stewart für mehr als überbewertet halte. Warum also die deutsche Kopie (die ja auch nur schlappe wie viele Jahre gebraucht hat, um umgesetzt zu werden? Acht?) angucken? Die Erkenntnis nach einer knappen halben Stunde mit dem angeblichen Feigenblatt für gute deutsche Comedy: Naja, ging so. Einige Ideen waren ganz okay, aber prinzipiell habe ich wieder nur die ganze Zeit dagesessen und mich gefragt, warum deutsche Comedy es scheinbar nicht hinkriegt, gute Pointen zu machen.

Denn ich glaube nicht daran, dass Deutsche per se humorlos sind. Die, die das kolportieren, sind die gleichen Deutschen, die komplette Scrubs-Folgen auswendig aufsagen können, die Simpsons früher, als sie noch gut waren, mochten und devot Monty Python folgen. Es sind die selben Leute, die Modern Family und The Big Bang Theory im Original gucken, damit sie nicht warten müssen, bis endlich die auf deutsch synchronisierte Folge im deutschen Fernsehen läuft. Und wenn ich mich in meinem Freundeskreis so umgucke, dann sind das eine Menge Leute. Deutsche haben also sehr wohl einen ausgeprägten Sinn für Humor, der von simplen Fäkalhumor über Schadenfreude bis zu hintersinniger Satire reicht. An der uns allgemein zugesprochenen Humorlosigkeit (die wohl auch eher aus unserer Vergangenheit als Militärstaat und unserer No-Nonsense-Attitüde im Geschäftsleben rührt) kann es also nicht liegen, dass deutsche Comedy für mich oft belanglos bis peinlich ist.

Dabei gab und gibt es auch durchaus gute Comedy im deutschen Fernsehen. Klaas und Joko finde ich persönlich ganz gut und auch einige Adaptionen von Formaten aus dem Ausland (Pastewka, Stromberg, Switch, Mein neuer Freund, Old ass bastards) sind meiner Meinung nach gut gelungen – auch wenn Switch in letzter Zeit darunter leidet, dass Scripted Reality schon per se Realsatire darstellt und darum schlecht überzeichnet werden kann. Dazu kommen dann noch einige Leute, auf die man sich eigentlich immer verlassen kann, wie Olli Dittrich, Bastian Pastewka, Anke Engelke, Christian Ulmen und die beiden meiner Meinung nach unterschätzten Atze Schröder und Tom Gerhardt, deren Sachen normalerweise originell und gut geschrieben sind. Wenn man etwas weiter zurück geht, fallen mir noch mehr Beispiele für originelle und gute deutsche Comedy ein: Nikola, RTL Samstag Nacht, Freitag Nacht News, die Wochenshow in der Besetzung Lück/Engelke/Pastewka/Rima, Ritas Welt, Schillerstraße…

Bevor jetzt kommt, „X war/ist aber gar nicht lustig, deutsche Comedy ist immer scheiße, warum sind wir keine Engländer, wääh“, möchte ich noch einmal darauf hinweisen, dass es ja auch nicht darum geht, dass alles super-witzig ist (das ist schließlich Geschmackssache), sondern ob es originell und gut umgesetzt ist. Und da kommt dann die beiden eigentlichen Problem der deutschen Comedy zutage, wie man es exemplarisch an der heute-show erkennen kann.

1. Schlechte Schauspieler

Gute Comedians zeichnen sich vor allem durch zwei Eigenschaften aus: Timing und das Ernstnehmen ihrer Charaktere. So ist zum Beispiel Dittsche ein Loser, aber er kämpft um seine Würde. Und Würde ist wichtig – wenn die Würde der Figur nicht gewahrt wird, ist es nicht mehr lustig, sondern nur noch traurig. Oder sogar belanglos, wenn der Schauspieler nicht einmal dazu in der Lage ist, die Figur plastisch darstellen zu können.

Und leider Gottes ist das in der durchschnittlichen deutschen Comedy-Sendung die Regel, denn offensichtlich denkt man in deutschen Fernsehredaktionen, dass man talentierte Schauspieler nicht mit Humor abspeisen darf. Nein, da darf sich dann auch einmal die Schlagersängerin versuchen. Ist ja nur Comedy. Kein Wunder, dass nichts dabei raus kommen kann, wenn man das Feld irgendwelchen B-Promis überlässt!

Ein entsprechendes Beispiel lieferte also gestern auch die heute-show. Es geht darum, dass Stefan Raab das Kanzlerduell moderieren wird. Auftritt Gernot Hassknecht, der es nicht schafft, die ihm angedachte Rolle des Wutbürgers auszuspielen. Im Grunde beschränkt er sich darauf, wutschnaubend zu wiederholen, was ihm sein Gegenüber Ulrich von Heesen an den Kopf wirft – dabei aber immer brav wartend, bis der ausgesprochen hat, damit die Aufregung noch künstlicher wirkt als sie es sowieso schon tut. Die gruseligen Dialoge führen dann auch gleich über zum nächsten Problem…

2. Schlechte Bücher

Dietrich Hollinderbäumer, der Darsteller von Ulrich von Heesen, ist nämlich keineswegs talentfrei, wie er als Vater von Bastian Pastewka in Pastewka beweist. Aber wenn die Dialoge sich auf In-Jokes und naheliegende Witzchen beschränken, statt etwas aus dem Thema zu machen, dann nützt auch Talent nicht mehr. Der ganze Dialog beschränkte sich darauf, die Frage auf einen reinen Generationenkonflikt herunter zu brechen (mit dem zusätzlichen Twist, dass ausgerechnet Ulrich von Heesen für die Jugend sprach), um abschließend ein paar Namen runter zu rattern, die noch ungeeigneter wären als Stefan Raab. Das eigentliche Potenzial im Thema wurde nur nebenbei gestreift: Die gleichen Personen, die 2002 ein Kanzlerduell als Untergang des Abendlandes geschmäht haben, verteidigen jetzt plötzlich dieses Hochamt der politischen Berichterstattung vor der Vereinnahmung durch Stefan Raab – nur, um dabei auszublenden, dass es wohl kaum ein für unser politisches System irrelevanteres Format als das Kanzlerduell gibt, da der deutsche Bundeskanzler letztendlich von noch nicht einmal 0,001% der deutschen Bevölkerung gewählt wird: den Abgeordneten des deutschen Bundestags.

Aber anstatt Hassknecht als empörten Bildungsbürger einen klagenden Monolog halten zu lassen, in dem er aufzeigt, wie das Kanzlerduell in direkter Linie dem Geiste Goethe und Schillers entsprungen ist und dieser Metzgergeselle das benötigte Format, dass es für epische Schlagabtausche wie den zwischen Merkel und Steinmeier 2009 (wir alle erinnern uns noch gut daran) bedarf, vermissen lässt, um dann irgendwelche Anforderungen an einen Moderatoren zu stellen, die zwangsläufig einige Kandidaten von der erwähnten Aufzählung zulassen würde (und das alles natürlich mit der Inbrunst der Überzeugung und absolut ernst vorgetragen), gibt es gebrüllte Sätze wie „Hat er [also von Heesen, der Verf.] mich gerade alt genannt???“. Wow, das ist wirklich intelligent, subtil und durchdacht!

Warum scheitern deutsche Drehbücher so häufig daran, hintergründigen Humor zu verkaufen anstatt billiger und offensichtlicher Pointen? Sind es die Verantwortlichen in den Produktionsstudios, die Angst davor haben, intelligenten Humor nicht verkaufen zu können an ein Fernsehen, das nur auf Quote schaut, und darum ihre Drehbuchschreiber bevormunden? Oder sind deutsche Drehbuchschreiber nicht kreativ? Ich befürchte ersteres, da es ja immer wieder gute Comedy gibt (und auch gute Autoren wie Laabs Kowalski), die dann allerdings meistens irgendwo versendet wird, anstatt sie zu entwickeln.

Was kann man jetzt als Lehre daraus mitnehmen? Nicht viel, höchstens, dass gute deutsche Drehbuchschreiber sich weigern sollten, platte Witzchen für schlechte Schauspieler zu schreiben. Aber wozu; damit dann schlechtere Drehbuchautoren ihren Job übernehmen? Vielleicht müssen wir uns auch einfach damit abfinden, dass gute Comedy in Deutschland immer nur ein Nischenprodukt sein wird – genauso wie gute Dokumentationen und Reportagen, gute Talkshows und gute Fernsehfilme.

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6 Antworten zu Das eigentliche Problem der deutschen Comedy

  1. bullion schreibt:

    Das größte Problem dürften wohl tatsächlich die Bücher sein. Dabei gibt es bestimmt ein paar talentierte Autoren und auch Schauspieler. Leider jedoch verlassen sich immer alle auf die Standard-Comedians – und die sind nicht wirklich komisch, finden aber Anklang bei der Masse.

  2. Frank schreibt:

    „Denn ich glaube nicht daran, dass Deutsche per se humorlos sind. … Deutsche haben also sehr wohl einen ausgeprägten Sinn für Humor, der von simplen (sic) Fäkalhumor über Schadenfreude bis zu hintersinniger Satire reicht.“ Uiuiui, da lehnst du dich aber sehr aus dem Fenster, sind das nicht sehr gewagte Aussagen? Und was ist jemand, der „mehr als überbewertet“ ist? Müsste es nicht weniger als überbewertet heißen? Oder mehr als unterbewertet? Ach nee.

    Aber auch abseits der Allgemeinplätze finde ich den Text eher lahm. Man kann doch nicht die Witzischkeit einer Gesellschaft am Humorauswurf für den kleinsten gemeinsamen Nenner, nämlich dem Fernsehprogramm, festmachen. Da kannste dir auch Bravo Hits 80 anhören und über den schlechten Musikgeschmack der Deutschen mosern. Da ziehe ich jetzt leider gar nichts raus, aus dieser Abhandlung, außer dass du X magst und Y nicht und andere auch oder auch mal nicht oder andersrum. Doch, ich muss mir mal wieder irgendwas anschauen, was der Ulmen macht, das ist ja meistens ganz lustig.

  3. MuGo schreibt:

    @Frank:

    Aber das Problem ist doch, dass auf Sendungen wie die heute-show verwiesen wird, wenn es um „gute Comedy aus Deutschland“ geht. Aber sieht denn das keiner von den wasweißichwievielenmillionen Zuschauern, dass das unterste Schublade ist? Ich will es ihnen ja nicht wegnehmen, aber man kann doch wenigstens ehrlicherweise sagen, dass man es guckt, weil es einen nicht überfordert…

    Dazu das der Artikel kein Meisterwerk ist: Geschenkt – aber du hättest ihn ja auch nicht lesen müssen 😉

  4. Sebastian schreibt:

    Wenn man Twitter und Facebook dazunimmt, sind es jetzt mindestens drei Leute, die dachten, das sei von mir. Ist das echt so unauffällig mit dem Autorennamen? Gerade in der Fusszeile ist das doch relativ prominent. Da muss ich mal drüber nachdenken, wie man das vielleicht noch schöner abheben kann.

    Vor allem möchte ich jetzt nicht in so eine Disatanzierungsverlegenheit kommen und ständig sagen „Das war ich nicht“, weil das so klingt, als ob ich mit dem Eintrag nichts anfangen kann. Das ist nämlich nicht so. Im Detail möchte ich natürlich widersprechen. Zum Beispiel finde ich die Daily Show nach wie vor toll und gucke sie immer wieder mal. Nur halt nicht regelmäßig, weil mich die schiere Menge an dem wirklich pointierten Witz überfordert. Das gibt es hier so einfach nicht. Aber der Tenor stimmt eigentlich schon. Das Problem hierzulande ist, dass die wirklich guten Sachen selten mal nach oben gespült werden. Und ich muss gestehen, selbst davon kommt dann bei mir nicht soviel an. Weil zum Beispiel der Comedy-Freitag bei mir als möglicher Einschaltgrund komplett verbrannt ist, wenn ständig sowas wie die dreisten 3 mit dem furchtbaren Mirja-Markus Majowski-Profitlich läuft. Und dann sehe ich eben auch sowas wie Pastewka nicht.

    Mit der heute show kann ich nicht viel anfangen, weil Oliver Welke zwar hinter der Kamera wirklich tolle Sachen gemacht hat, aber einfach in der Rolle nicht taugt. Weil er kein Tempogefühl hat und, MuGo schreibt es, die Gags nicht über das lustige Betonen des bereits Bekannten hinausgehen. Dafür hat die Sendung dann Sonneborn, der tatsächlich „internationales Niveau“ erreicht, und das kann man sich dann ja wunderbar auf YouTube angucken.

    Ich finde es übrigens sehr spannend, was so im Dunstkreis von Joko & Klaas gerade passiert. Ich finde die super und mag, dass sie Olli Schulz mitziehen, der im letzten Jahr für einige der lustigsten Momente, die sich je hatte, gesorgt hat. Schulzkowski, das Auseinanderreissen dieser wirren Pick Up Artists, was weiß ich. Ebenso bin ich großer Böhmermann-Fan. Unter dem Strich bin ich eigentlich sehr zuversichtlich, weil im Moment so ein Wandel zum Guten hin stattfindet. Wenn ich dem Artikel also etwas vorwerfen würde, dann, dass er sich mit den Feinden von gestern rumschlägt, obwohl die längst geschlagen sind.

    Ganz dick zustimmen möchte ich MuGos Vorwurf, dass man zu oft Schauspielern und nicht Comedians das Feld überlässt. Das war schon das Problem bei Samstag Nacht, da waren im Grunde Olli Dietrich und Wigald Boning die einzigen vom Fach. Und heute ist dann eben Gernot Hassknecht so eine Figur (die ja übrigens 1:1 der Daily Show-Figur Lewis Black entlehnt ist).

    Außerdem, das sage ich ja auch immer wieder, speziellerer Kram wie Studio Braun ist ja für uns alle verfügbar, wir sind ja nicht mehr auf TV angewiesen. Und Fraktus war einfach mal die lustigste deutsche Komödie seit Zwei Nasen tanken super (den ich ganz unironisch toll finde).

  5. Sebastian schreibt:

    Ach ja, Ulmen ist auch immer gut, das „Who wants to fuck my girlfriend“ ist bestimmt spitze, habe ich aber noch nicht gesehen. Da ist dann auch die indirekte Gagausbeute aus empörten Tweets schon sehr hoch.

  6. MuGo schreibt:

    Siehste, Fraktus, danke! Ich wusste doch, dass es da noch diesen einen Film gab, den ich unbedingt sehen wollte…

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