Auf der Suche nach einem Freund für das Ende der Welt

Kurz bevor ich am Samstag also nach Stuttgart zurückkehre, nach immerhin dann doch acht Monaten, ziehe ich derzeit noch einige Runden in Deutschlands schönsten Ecken (hehe). So es denn klappt, gibt es hier vielleicht eine Bilderschau, vorerst aber mal eine kleine Filmkritik, denn in der Garnisonsstadt Schweinfurt zog es eine Freundin und mich nach einer Ewigkeit mal wieder in eine Sneak Preview, in der es den Film mit dem etwas hip-sperrigen Titel Auf der Suche nach einem Freund für das Ende der Welt zu sehen gab.

Es ist kein Spoiler wenn ich schreibe, dass in diesem Film die Welt untergeht. Es ist die erste Information, die wir erhalten: Ein Space-Shuttle, die letzte Chance der Menschheit, hat bei seiner Mission versagt und es bleiben nurmehr drei Wochen Zeit, bis ein gewaltiger Asteroid auf die Erde krachen und alles Leben auslöschen wird. Zeit zu resignieren, findet nicht nur die Regierung, sondern auch die Ehefrau des Protagonisten Dodge, die ihre Chance endlich gekommen sieht und sich aus dem Staub macht.

Dodge (Steve Carell) ist ein mittelalter Versicherungsangestellter, dessen Leben so langweilig ist, dass die Apocalypse tatsächlich das Aufregendste ist, was ihm je passiert ist (wie arm). Eben jenes Ende erträgt er mit stoischer Ruhe, denn eine Welt ohne jegliches Leben ist ihm nicht fremd. Er geht daher weiterhin jeden Tag in sein Büro, welches leerer und leerer wird – „Die Stelle als Chief Financial Officer ist frei. CFO? Wer will? Keiner?“. Seine Abende verbringt er damit, seiner einizigen wahren Liebe nachzutrauern: Olivia, mit der er zehn Jahre zusammen war; bzw. damit, Mundharmonika zu spielen oder mit dem Versuch, sich mit Fensterreiniger umzubringen.

Seine lebenslustige Nachbarin Penny (Keira Knightley) ist gerade dabei, ihren Slacker-Freund zu verlassen, wegen dem sie die letzte Chance verpasst hat, ihre Familie noch einmal zu sehen. Weil das als Charakter-Hintergrund ein wenig dünn ist, mag sie außerdem Schallplatten und leidet an Narcolepsie, was im Film keine Rolle spielt, aber der Autorin und Regisseurin Lorene Scafaria kurz vor Schluss eine bequeme Möglichkeit bietet, ein Logikloch zu stopfen.

Es kommt, wie es in solchen Filmen eben kommt und nach einiger Zeit befindet sich das ungleiche Paar auf einem Roadtrip, um gemeinsam doch noch das jeweilige Ziel zu erreichen: Dodge möchte seine Olivia noch einmal sehen, Penny ihre Familie. Nach zahlreichen Etappen finden beide ein Happy End.

Wo fange ich an? Es fällt wahnsinnig schwer, diesen Film einzuordnen, und noch schwerer tue ich mich damit, ihn zu bewerten (weswegen ich das am Ende auch lasse). Auf der Suche… beginnt eindeutig als Komödie. Direkt nach Verkündung des nahenden Weltuntergangs wird im Autoradio Wouldn’t it be nice der Beach Boys gespielt, es gibt wahnsinnig komische Szenen in der Versicherungsanstalt, dieser Spence-Typ aus King of Queens feiert mit Dodge eine drogen- und sexreiche Party. Dodge fängt sich einen Hund ein, und da auf dem hinterlassenen Zettel nur Sorry steht, heisst er eben Sorry. Es gibt viel zu lachen in der erste halben Stunde des Films. Und doch… Steve Carell spielt Dodge von der ersten Sekunde an als depressiven, ruhigen, traurigen Charakter, er ist wie ein dunkler Fleck in einer grellen Umgebung und ein erster Hinweis darauf, wohin der Film mittelfristig steuert (der zweite Hinweis ist dann wohl der Mann, der sich vom Hochhaus direkt auf Dodges Auto stürzt). Es ist diese Zwei-Tonalität, die den ersten Teil des Films wirklich faszinierend macht. Man will sich nicht auf die Schenkel klopfen, man will Dodge auf die Schulter klopfen und fragen, ob man sich Sorgen machen muss (was angesichts der Umstände ein wenig albern scheint).

Und in dem Augenblick, in dem die eigentliche Handlung erst losgeht, also mit dem Beginn des Roadtrips, verschiebt sich das Genre völlig. Klar, es gibt immer mal wieder trocken-humorige Einsprengsel (eine bestens ausgerüstete Einheit von Soldaten hält sich für die Post-Apokalypse einen Fuhrpark Smarts), aber im gesamten Mittelteil ist das Films tatsächlich ein klassisches Roadmovie, wobei der Film etwas daran krankt, dass die Fahrt überwiegend durch langweilige Vorstädte führt. Aber sei es drum, die Roadmovie-Tropen werden abgeklappert. Die Mitfahrt bei einem altersweisen Mann, der Abstecher in ein Diner, der Besuch bei einem alten Freund. Dieser Mittelteil ist der schwächste des Films, weil im Grund sehr wenig passiert. Der Besuch bei Pennys altem Freund (ein Soldat der oben genannten Einheit) nimmt relativ viel Raum ein und ist sehr zentral, letztendlich aber für den Storyverlauf völlig belanglos. In dieser Phase findet auch kaum Annäherung zwischen Dodge und Penny statt, was hinsichtlich des Endes des Filmes eine reine Verschwendung ist, denn diese Annäherung wird nachher in wenige, und damit unrealistische, Minuten gepresst. Man merkt hier sehr deutlich, dass Auf der Suche… Scafarias Regiedebut ist: Das fehlende Gespür für Tempo und Charakterentwicklung sind große Mängel des Films.

Im letzten Drittel wandelt sich Auf der Suche… dann zu einer waschechten Romanze. In äußerst knapper Zeit finden Dodge und Penny im jeweils anderen die große Liebe. Es mag natürlich sein, dass ich hier Scafaria unrecht tue und genau diese knappe Zeit beabsichtigt ist, um zu verdeutlichen, dass der drohende Weltuntergang eben nun einmal zu solchen Entwicklungen beiträgt – dass das letzte Drittel des Film auch gleichzeitig die letzten drei Wochen auf der Erde repräsentiert, in der hektisch derlei Entscheidungen getroffen werden. Aber ich glaube es nicht, dafür ist der Film insgesamt nicht clever genug. Es gibt auch in diesem Drittel einige wahnsinnig tolle Szenen. Am Strand, als Dodge und Penny einige Tage inmitten von Gleichgesinnten verbringen und mit Kindern spielen (und zumindest so ein wenig auch Eltern sein können). Das Abendessen auf dem Hof. Und dann diese Schlussszene, die das Potential hätte, eine der wirklich schönsten Szenen ihrer Art zu sein. Sehr kitschig zwar (und es gab im Kino einige Seufzer), aber dennoch. Nur: Leider bleiben die Emotionen komplett auf der Strecke, weil die Liebe nicht glaubwürdig ist. Weil die Entwicklung nur behauptet wird, aber nicht gezeigt.

Thematisch ähnelt die Schlussszene der aus diesem einen Ultravox-Video. Ach ja:

Ultravox – Dancing With Tears In My Eyes

Was hat mich dieses Video damals mitgenommen. Weil es in vier Minuten mehr Emotionen aufbaut als Auf der Suche… in zwei Stunden. Hier wurde eine dicke Chance verpasst.

Auf der Suche nach einem Freund für das Ende der Welt wird als Dramedy bezeichnet. Das ist schon in Ordnung, weil eine Komödie zwar von sich auch schon immer auch die Tragik beinhaltet, aber doch nicht in dem Maße. Schade: Auf der Suche nach dem richtigen Ton kommt ein Film trotz einiger grandioser Szenen doch ein wenig arg ins Straucheln, so dass wir das Kino am Ende ärgerlich-versöhnt verließen. Klingt paradox? Schaut erst einmal diesen Film.

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