Was gesagt werden muss

Manchmal ist es ganz gut, wenn man sich selbst beherrscht und nicht sofort auf den Publizieren-Button drückt, sondern erst einmal den im Zorn in die Tastatur gehämmerten Beitrag speichert, um ihn dann einige Zeit später redigiert zu veröffentlichen. Auch dann, wenn man sich eigentlich gar nicht großartig in die Urheberrechtsdebatte einklinken wollte. Aber da ich gerade nichts zu tun habe und gespannt bin, was Sebastian zu dem Thema sagt, muss es dann jetzt doch sein. Denn mich kotzt es an, wie sich die Piraten als die Stimme der Vernunft und der Freiheit darstellen, während sie eigentlich nur anderen ihr Werte- und Weltbild aufoktroyieren wollen.

Gleich vorneweg: Die Piraten wollen das Urheberrecht nicht abschaffen. Oh nein, natürlich nicht. Sie wollen es nur derart entkernen, dass es am Ende wert- und nutzlos ist. Da wäre eine komplette Abschaffung wenigstens ehrlich! Aber gemach, gemach, alles der Reihe nach.

Zuerst möchte ich darauf hinweisen, dass ich in vielen Punkten mit den Piraten übereinstimme: Dass Abmahnen ohne Auftrag durch einen Rechteinhaber überhaupt möglich ist, ist nicht nachvollziehbar; warum Erben 75 Jahre lang von den Früchten anderer Arbeit leben können dürfen, ist auch nicht wirklich logisch begründet; und dass ein Urheber auch immer Herr über die Verwertungsrechte seiner Werke sein sollte, ist nicht wirklich kontrovers. Nein, es sind drei Punkte, die mich an den Ideen der Piraten stören. Der erste ist die Verteufelung von Verwertungsgesellschaften. Der zweite ist das totale Entkernen des Urheberrechts im Internet. Und der dritte ist die arrogante und spöttische Art, mit der Gegenargumente vom Tisch gefegt werden, anstatt sich mit ihnen auseinanderzusetzen.

Fangen wir also an, die Punkte einen nach dem anderen abzuarbeiten. Als erstes eben die Verwertungsgesellschaften. Ich verstehe den Punkt der Piraten, auch wenn ich ihn für unwichtig erachte. Muss es wirklich sein, dass durch „Verwaltungsausgaben“ am Ende ein lächerlich geringer Betrag bei den Urhebern ankommt? Nein, muss es natürlich nicht. Und die Piraten werden ja auch nicht müde, immer wieder Alternativen aufzuzählen, wie man trotzdem als Künstler Geld verdienen kann. Ich finde es auch absolut in Ordnung, wenn man sagt: „Ich zahle nur Künstlern Geld, die auf die GEMA verzichten!“ Persönlich kann ich diese Haltung zwar nicht nachvollziehen, aber wir leben glücklicherweise in einem freien Land, in der mich nicht jeder erst um meine Erlaubnis fragen muss, um nach seiner Façon glücklich zu werden.

Was mich jetzt allerdings aufregt ist, dass die Piraten noch weiter gehen, als nur den Künstler zu boykottieren, der sich in die verlockenden Arme des Rundum-Sorglos-Pakets der Verwertungsgesellschaften begibt. Nein, ihm muss diese Möglichkeit gleich gänzlich genommen werden! Denn die GEMA ist abgrundtief böse (und die Musikverlage und die Plattenfirmen, Pardon, Musikindustrie – warum eigentlich nicht gleich musikalisch-industrieller Komplex? – und wer sonst noch so alles derzeit mitverdient). Und da die Piraten ja scheinbar per Definition die Guten sind, haben sie das Recht, moralisch verwerfliches Verhalten auszumerzen. Ein Musiker, der findet, dass das Modell Verwertungsindustrie trotz aller inzwischen absehbaren Schwächen weiterhin am Verlockendsten ist, darf gar nicht erst die Möglichkeit dazu haben! Und ich verstehe leider nicht, warum. Wenn ich als Musiker einfach stur bin und sage, dass mir Direktvermarktung gestohlen bleiben kann und ich Filesharing scheiße finde und jeden Abmahne, der auch nur zwei Zeilen Text aus meinen Liedern auf seiner Website veröffentlicht – bitte, nur zu! Freunde macht man sich damit zwar keine, aber jeder hat das Recht darauf, den Weg zu gehen, den er selbst für den besten hält, solange er andere nicht einschränkt.

Hier werden jetzt die Piraten einhaken und mich darauf hinweisen, dass hier ja gerade eben andere eingeschränkt werden, die schließlich keinen unbegrenzten Zugriff mehr auf das Allgemeingut Kultur haben. Aber das sehe ich absolut anders. Welchen Schaden habe ich denn davon, dass ich mir ein Metallica-Album nicht anhören kann, da ich es mir finanziell nicht leisten kann und das Herunterladen im Netz illegal ist? Ich habe vielleicht eine Einschränkung der Lebensqualität. Aber wird mir irgendein Grundrecht genommen? Nein. Ich kann mich darüber ärgern, ich kann mir das Album auf anderem Wege besorgen, aber ich habe keinerlei Grundlage dafür, zu behaupten, dass ich Zugang zum Album haben MUSS. Metallica hat dagegen jede Grundlage zu sagen, dass sie nicht möchten, dass auch nur ein einziges Lied ohne ihre indirekte Zustimmung veröffentlicht wird. Schließlich haben sie die Rechte daran.

Jetzt mag man sich daran stören, dass jemand es unsäglich erschwert, an seine Werke heran zu kommen – aber ein Begründung, warum man dann stehlen sollte, sehe ich darin einfach nicht. Womit wir zum zweiten Punkt kommen, der totalen Entkernung des Urheberrechts durch das Legalisieren von Filesharing zum Privatgebrauch. Denn es ist eben nicht dasselbe, ob ich einem Freund eine Mix-CD brenne oder mir bei ThePirateBay.org ein Album von einem wildfremden Menschen ziehe. Um ersteres geht es doch auch gar nicht, das lässt die meisten doch ohnehin kalt. Und wenn es jemanden nicht kalt lässt, dann sollte man sich überlegen, ob man ein solches Arschloch nicht in Zukunft ignorieren sollte, statt ihm auch noch Geld in den Rachen zu werfen. Denn das ist die wahre Macht der Verbraucher!

Übrigens, auch die ganzen Argumente, dass Filesharing Werbung ist, sind zwar wahrscheinlich richtig, aber keine Begründung für ein gänzliches Verbot des Abmahnens. Schließlich darf jeder Künstler selber entscheiden, wie er für sich Werbung machen möchte (bzw. diese Entscheidung an eine Verwertungsgesellschaft abgeben, wenn ihm dies als die für ihn – aus welchen Gründen auch immer – beste Lösung erscheint). Und wenn er Filesharing scheiße findet, ist es sein gutes Recht, auf diese Art von Werbung zu verzichten!

So weit, so gut. Bis hierher sind es einfach nur unterschiedliche Ansichten, über die man vortrefflich diskutieren und streiten könnte. Möge der faire Austausch von Argumenten den Geist beflügeln und zu einer Lösung führen, bei der alle Gewinnen! Tja, wenn dem nur so wäre…

Denn jetzt kommt Punkt 3, die unsägliche Arroganz der Piraten in der Diskussion. Denn sie werden leider nicht auf mich eingehen. Stattdessen darf ich mir arrogante und herablassende Sprüche anhören, ob ich denn wüsste was ein Browser ist und ob ich denn die Replik per Brieftaube erhalten möchte. Jeder, der es wagt, die Meinung der Piraten nicht zu teilen, steht im Generalverdacht, rückständig zu sein und einfach nicht die modernen Zeiten zu verstehen. Ich habe es schlicht noch nicht gecheckt, aus welcher Richtung der Wind jetzt weht. Doch, liebe Leute, habe ich – und ich glaube eben, dass es kein Rücken- sondern Gegenwind für die Zukunft unserer Gesellschaft ist. Und ich würde gerne mit euch darüber reden. Aber wehe, ich komme dabei auf die Idee, in einer Analogie das Internet mit Brot zu vergleichen. Das wird mir dann süffisant unter die Nase gerieben, während sich die Piraten vor Lachen auf die Schenkel klopfen können. Wie rückständig! Brot! Da brauche ich dann auch gar nicht mehr auf Argumente eingehen, die meine so moderne Position schwächen, wie sie etwa Sven Regener in seinem inzwischen sattsam bekannten Radiointerview angeführt hat. Warum sollte ich denn erklären, was denn nun genau der Unterschied im Sinne des Urheberrechts zwischen einer iPhone-App und einem Lied ist? Oder warum es nicht angehen kann, dass man Musikvideos von Element of Crime nur auf der bandeigenen Homepage, nicht aber auf YouTube sehen kann? Oder wieso Sven Regener nicht das Gefühl haben muss, dass sein Kram nichts wert ist und ihm ins Gesicht gepisst wird, sondern man eigentlich sein bester Freund ist? Oder warum es kaum noch Independent-Labels in Deutschland gibt? Nein, das ist alles verlorene Liebesmüh – schon ein Blick auf das Alter von Sven Regener macht klar, dass er ein Ewiggestriger sein muss, bei dessen Äußerungen man genervt die Augen verdrehen darf.

Diese Arroganz, liebe Piraten, ist es, die mich am meisten ankotzt. Ihr nehmt niemanden ernst, der eine andere Meinung als ihr selber vertretet, sondern schüttet Häme und Verachtung über diese Leute aus. An manchen Stellen mag das durchaus angebracht sein, aber wenn ihr wirklich einen gesellschaftlichen Diskurs anstrebt, dann solltet ihr nicht offensichtlich vor euch hertragen, dass ihr keine andere Position als eure eigene akzeptieren werdet und auch weder zu Kompromissen bereit seid noch euch erklären wollt. Ist es so schwierig, mit jemanden, der seine bisherige Lebensgrundlage in Gefahr sieht, ins Gespräch zu kommen und zu sagen: „Hey, ich verstehe, dass du besorgt bist – aber ich möchte dir jetzt gerne erklären, warum wir glauben, dass du auch nach der Umsetzung unserer Vorschläge weiterhin von deiner Kunst leben kannst; wahrscheinlich sogar besser als bisher!“ Derzeit klingt es eher wie: „Wer zu blöd zum Scheißen ist und noch nicht einmal einen Flattr-Button auf seine Website setzt, sollte mal schön die Klappe halten, wenn die Netizens über Themen für Erwachsene reden!“ Und das, liebe Piraten, steht euch nicht zu. Ihr wollt eine gewaltige gesellschaftliche Umwälzung – da sollte man Skeptiker ernst nehmen, gerade wenn sie selbst betroffen sind.

In diesem Sinne: Viel gesagt, wenig bewirkt. Aber endlich einmal Dampf abgelassen. Und jetzt gerne mehr Meinungen zum Thema!

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3 Antworten zu Was gesagt werden muss

  1. Sebastian schreibt:

    Jetzt fühlte ich mich fast schon in der Bredouille, weil ich mich immer darüber lustig mache, dass auf jedem Wald- und Wiesenblog ein eigener, diesmal aber wirklich alles abschließender Eintrag zum Urheberrecht steht. Und jetzt auch noch hier. Aber zum Glück ist das ja überwiegend Piratenbashing, und das ist schon wieder in Ordnung.

    Zu den ersten Punkt will ich daher überhaupt nichts sagen, weil mich das alles so sehr ermüdet. Beim dritten Punkt kann ich aber nur zustimmen, die Diskussionskultur ist schon ziemlich für den Arsch. Ach, aber eigenntlich kann ich da auch überhaupt nichts hinzufügen, besser als Du das gemacht hast geht das ja nicht, das ist alles sehr schön auf den Punkt gebracht. Aber ich verfolge das wirklich nur auf Twitter, die Twitterpiraten sind bestimmt ganz anders als der Rest. Weil die auch alle 19 sind, es gibt keine schlimmeren Menschen als 19-jährige. Die wissen alles.

    „Ololololol, wie dumm #shitstorm #fail #piraten“

  2. MuGo schreibt:

    Scheitert daran, dass ich weder ein abgeschlossenes Hochschulstudium noch irgendwelche Ahnung über die Berliner Verkehrspolitik habe (im Zweifelsfall beschissen, damit liegt man in Deutschland in jedem Politikfeld auf jeder Ebene ziemlich gut).

    Aber wie soll ich den Laden denn von innen zersetzen? Antisemitische Tiraden? Den Holocaust leugnen? Frauen aus dem öffentlichen Leben verbannen? Alles doch schon da gewesen bei den Piraten…

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