Malte Welding: Versiebt, verkackt, verheiratet – Vom Leben nach dem Happy End

Harald Schmidt hat einmal gesagt, dass Pfarrer ihre Predigten mit etwas ganz weltlichem beginnen, um das Eis zu brechen, z. B. „Ich habe Michael Douglas nackt gesehen“, bevor sie mit dem langweiligen Teil fortfahren.

Man ist ja versucht, ähnliches zu tun (was hiermit dann auch erledigt wäre). Malte Welding jedenfalls lässt den nackten Michael Douglas in seinem neuen Buch erst auf Seite 188 auftreten:

»Der männlichste aller Duscher ist übrigens Michael
Douglas«, sagte Paul.
Ich nickte und tunkte Brot in ein Tellerchen voll Olivenöl :
»Douglas duscht wie ein Normanne in der Gischt, der mit
bloßen Händen einen Blauwal an Land zieht.«

So reden die Menschen in Maltes neuem Buch Versiebt, verkackt, verheiratet – Vom Leben nach dem Happy End, um darüber hinwegzutäuschen, dass ihr Leben ein tristes ist. Roman, Paul und Ben sind drei Brüder, die den schweren Teil eigentlich schon hinter sich dachten: Sie alle sind in einer Beziehung. Roman hat Mia geehelicht, Paul hat mit Greta die Arschtreterin, die er braucht, und der junge Ben turtelt verliebt mit seiner Julia herum. Happy End.

Or is it???

Malte Welding, offenbar inzwischen der Briefonkel der Nation, hat mit Versiebt.. sein zweites Buch veröffentlicht, in dem er sich dem Leben nach dem scheinbaren Happy End widmet. Das letzte Werk hat mir ganz gut gefallen (genützt hat’s halt nichts), da wollte ich dieses nicht ungelesen lassen. Es geht natürlich wieder um die Liebe, oder eben um das, was die Protagonisten dafür halten und gerne hätten. Denn bei allen dreien (und dem gemeinsamem Freund Jimo) liegt Einiges im Argen. Roman und Mia hätten gerne ein Kind, leider muss man dafür Sex haben, und dieser kommt in ihrer Beziehung nicht vor. Greta verlässt Paul ganz zu Beginn, kurioserweise zu dem Zeitpunkt, an dem er sich aus seinem Schluffidasein befreit und sich selbständig gemacht hat. Also doch eigentlich der Mann wurde, den sie immer wollte. Und Ben… keine Ahnung, der kommt sehr kurz vor, dafür gibt es eine flüssig zu lesende Dreier-Szene gegen Ende, in der er zum Zuschauen verdammt wird. So richtig läuft’s da wohl also auch nicht. Jimo hingegen ist ein Frauenschwarm, der von Party von Party mäandert und vielleicht gerne was festes hätte, aber er sieht halt zu gut aus #firstworldproblems.

Der Aufbau ist wie beim Vorgänger dieser aus Amerika rübergeschwappte Sachbuchstil, bei dem halbprosaisch die Anekdoten erzählt werden, um dann in ein paar Absätzen die Hintergründe zu beleuchten. Und wie auch schon zuvor wird nicht alleine auf Liebesforscherkoryphäen zurückgegriffen, sondern es wird munter in der Populärkultur um Rat gefragt. Louis CK bleibt, Don Draper ist rausgeflogen. Hinzugekommen ist dafür Walter White uswusf. Die Geschichten sind für die Betroffenen natürlich sehr schlimm, für den Leser aber überwiegend hochkomisch. Die Stärke liegt in den Dialogen und Abschweifungen in die Niederungen der Wirklichkeit (klingt jetzt ein bisschen wie Tageszeitungsfeuilleton, ist aber nunmal so). Einer meiner Lieblingsabsätze steht relativ zu Beginn und motiviert mich, mein altes Hobby Forenarchäologie mal wieder aufzunehmen:

»Das Allerschlimmste am ganzen Schwangerwerdenwollen sind die Kinderwunschforen im Internet. Es ist, als hätte sich die Evolution was dabei gedacht, wenn sie Leute keine Kinder kriegen lässt«, sagte Roman. »Samen heißen dort ›Spermis‹, Sex heißt ›herzeln‹ und der Partner entweder ›Männe‹ oder ›Schatzi‹ oder ›der Meinige‹.
Die herzeln also pünktlich mit ihrem Männe zum vorgegebenen Zeitpunkt, ist auch ganz schön, aber irgendwie auch viel Druck, weil die Spermis ja an den richtigen Ort müssen, und so ist der Pieps vom Männe dann ned so gaaaaanz hart. Dann schreiben diese Spatzenhirne JEDES MAL einen Zwinkersmiley dahinter oder ein G mit Sternchen. Weißt du, was das heißt? Grins!
Warum schreiben die, dass ihr Mann keinen hochkriegt, und dann ›grins‹? Und wie kürzen die wohl Schwangerschaft ab? – Und die kürzen es übrigens IMMER ab, weil sie ja den ganzen Tag nur darüber reden und das Wort sonst tausendmal am Tag schreiben müssten. – Sie schreiben statt Schwangerschaft SS. SS!«

Dieser Absatz ist Teil einer Leseprobe, derer es auf Maltes Blog derzeit einige gibt. Das lesen lohnt sich deshalb, weil das Marketing für das Buch ansonsten im Wesentlichen aus diesem Video besteht:

Der aufmerksame Leser erkennt natürlich, wie schon im Vorgänger, ein paar der Figuren und kann ihnen Gesichter zuordnen. Der übergeschäftige Werber mit dem iBook, der dauernd Popkulturprominenz bei sich rumlungern hat, Gott, wer soll das schon sein? Und der blonde, langhaarige Nachwuchsschriftsteller, der dauernd Franzosen zitiert, von dem habe ich auch ein Buch zu Hause rumliegen, ist ganz nett. Als nächstes wünscht man sich da ein Reisebuch, einfach mal raus aus Berlin, wie wär’s, Malte?

Den größten Teil des Buches nimmt wohl die Geschichte von Paul und Greta ein. Das ergibt Sinn, Paul war über Jahre die fiktive Figur, mit der Malte Spreeblick bestückt hat. Ein paar der Geschichten kennt man so dann auch. Aber da sie von dort mittlerweile verschwunden scheinen, ist es nicht schlecht, sie nun auch auf Papier zu wissen. Die Geschichte dieser beiden ist dann übrigens auch die deprimierenste, weil doch eigentlich alles klappt. Außer eben DAS. (Was? Eben!)

Da ich nach wie vor ein großer Freund von Maltes Schreibe bin, möchte ich eine Kaufempfehlung aussprechen. In Richtung Malte jedoch möchte ich auch eine Empfehlung aussprechen, und zwar die, es mal mit Vollprosa zu versuchen, und dann gerne auch mal zu einem anderen Thema. Das könnte gut werden. Und wenn nicht, sich dann doch wenigstens jemand anderen für die Vergabe der Buchtitel zu sorgen.

Das Buch könnt ihr gleich hier bestellen. Das ist kein Affiliate-Link, ich weiß garnicht, wie das funktioniert. Die Empfehlung ist also ehrlich gemeint.

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