Über Spiegel-Leserbriefe

Ich grüße aus Flensburg! Gerade eben erst innerhalb von Stuttgart umgezogen, musste ich auch diese Wohnung schon wieder für ein paar Monate verlassen, um einen Schuhkarton an der Grenze zum dänischen Telefonnetz zu beziehen. Bis knapp September werde ich in dieser Stadt, bekannt für ihre typischen Punkte, mein Praxissemester absolvieren.

Dieses geht erst in der kommenden Woche los, und bis dahin bleibt nichts zu tun. Es ist so langweilig. Es ist so unsagbar langweilig, dass ich mir sogar mal wieder einen Spiegel gekauft habe. Soweit ist es schon! Nun, ich bin nicht einmal auf Seite 10 und schon möchte ich darüber schreiben. Es sind die Leserbriefe, die mich dazu veranlassen.

Offenbar gab es in der letzten Ausgabe eine große Geschichte über die Reichen Deutschlands, die in der Parallelgesellschaft Leserbriefschreiber für Diskussionsbedarf sorgte, bzw. für Dampfablassbedarf, denn eine Diskussion findet in dem Rahmen nicht statt. Sie findet ja auch nicht in den gruseligen Threads auf Spiegel Online statt, in denen sich ja überwiegend, wenn nicht gar ausschließlich, Irre aufhalten (und obwohl es doch sogar noch unter jedem Artikel heisst: Diskutieren Sie!).

Jedenfalls, nicht weniger als drei Sebastians war es ein Bedürfnis, sich zu der Titelgeschichte zu äußern, wobei das Verhälntis sozial-linker zu fiskal-rechter Thesen 2:1 steht. Was ist das mit diesen ganzen Sebastians? Wo kommen die alle her? Und was ist das überhaupt für ein Kartoffelname? Der eine Sebastian, der die Reichen vor dem Kommunistenmob in Schutz nimmt, teilt typisch aus: „Ausgerechnet in dem Land, in dem einer dem anderen nicht die Butter auf dem Brot gönnt, entfachen Sie mit Ihrem Titel eine völlig sinnfreie Neiddebatte. Vielen Dank auch!“ Zu den Dingen, die ich nicht leiden kann, gehören unter anderem Duckmäuser, die bei jeder kapitalimuskritischen Äußerung gleich unterwürfig eine „Neiddebatte“ aufziehen sehen. Und Menschen, die das Wort Duckmäuser benutzen. Klingt wie Lustiges Taschenbuch, ist aber: typisch Deutsch!

Mein Lieblingsleserbrief dieser Ausgabe folgt gleich darauf, dieser schließt mit: „Ungleichheit ist keine Ungerechtigkeit, sie gehört zum Leben dazu. Das muss man aushalten können.“ Nun kann man sich denken, aus welcher Ecke Meldungen kommen, die verlangen, dass man die Ungleichheiten, Ungerechtigkeiten und Unwuchten dieser Gesellschaft „aushalten“ können „muss“, nämlich mutmaßlich aus eben jener, in der es sich ganz gut aushalten lässt. Unterstützt wird meine These durch den Namen, der da tatsächlich lautet: Alphonsine Müller. Dieser Name, bei dem sich das Don praktisch von alleine ergänzt, klingt so sehr nach Zahnarztgattin, dass einen das weiße falsche Lächeln dieser Frau beinhahe blendet. Über die Diskriminierung aufgrund elitär anmutender Namen darf sich meinetwegen im SpOn-Forum echauffiert werden.

Noch bevor sich dem nächsten Thema gewidmet wird, muss Werbung geschaltet werden, die sich eben an jene richtet, die die meisten Sebastians wohl gerne am nächsten Baum aufgeknüpft sähen. In der vielleicht hochkomischsten Ganzseitenanzeige aller Zeiten wirbt der Reiseanbieter Studiosus dafür, doch einmal Enos Welt erleben zu dürfen. Wer oder was ist Eno? Googelt man Enos Welt, findet man schnell ein YouTube-Video einer Schulklasse 10b, in der Kinder mutmaßlich 10. Klasse-Unsinn treiben.

Ich selbst kann mir das Video nicht ansehen, weil ich hier mit einer Datenvolumenbegrenzung auskommen muss. Kann mir jemand in die Kommentare schreiben, was da vor sich geht? Danke.

Bei Eno könnte es sich auch um den Menschen handeln (can’t spell it without Menschenhandel), der einen auf der Seite beinahe lebensgroß anstrahlt und mutmaßlich bei Zahnarzt Dr. Müller in Behandlung ist. Bevor jetzt tatsächlich alle zum nächsten Kiosk rennen, die Anzeige schmückt derzeit auch die Firmenseite von Studiosus.

Nach einer Doppelseite, in der für Jack Wolfksin geworben wird (zwar können sie zwei Seiten bedrucken, aber trotz enormen Potential ihre Jacken immer noch nicht im Doppelpack anbieten), räumt der Spiegel eine ganze Seite seinem hauseigenem Skandal um Georg Diez, dem vielleicht langweiligsten Menschen der Welt, und Christian Kracht ein. Dabei geht es wohl um eine Kritik, in der Georg Diez eben jenem Kracht eine Tendenz etwas zu weit nach rechts nachsagt, eine Debatte, die es nur mühsam bis nach außerhalb des Spiegelversums geschafft hat und noch ein wenig am köcheln gehalten wird. Zum Vergleich, die Walser-Bubis-Debatte brachte es, mit allen von Frank Schirrmacher zusammengestellten Beiträgen, auf knapp 700 Seiten.

Mittig dieser Seite findet sich ein sehr absurdes Foto von einem Mann, der mit einem beigen Mantel in einem Gebüsch steht und traurig dreinschaut. Hinter ihm befindet sich ein ausrangierter U-Bahn-Wagen mit zahlreichen Graffitis. Ein Perverser? Fast, es ist Christian Kracht, und der U-Bahn-Wagen soll der ansonsten nach Intellektualität schreienden Pose einen Anstrich von Popliteratur verleihen. Für dieses Foto lohnt es sich dann fast doch, zum Kiosk zu rennen.

Zur diesmaligen Links-Rechts-Debatte äußern sich zahlreiche Menschen mit Leserbrief-typischen Namen wie Rex, Griewatz, Weissweiler oder Gas(!), erwähnenswert ist aber nur der Brief des Zürcher Verlegers Patrick Frey, der aber wohl Gott sei Dank nichts mit dem rechten Verleger der Nationalzeitung, Gerhard Frey, zu tun hat. Letzterer hätte Krachts Pläne, über die Nazi-Kolonie Nueva Germania zu publizieren, wohl nicht abgelehnt, und auch nicht so schön konsequent wie eben der gute Patrick Frey: „Ich las ein, zwei Texte von Woodard, und dann wurde mir das alles derart unangenehm, dass ich gar nicht mehr zurückschreiben oder argumentieren wollte, sondern die Kommunikation abrupt abgebrochen habe.“

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4 Antworten zu Über Spiegel-Leserbriefe

  1. Amenogold schreibt:

    Eno ist ein pubertierender Jugendlicher der in diesem Video vermutlich gemobbt wird.

  2. Sebastian schreibt:

    Das tut mir leid.

  3. Nawerwohl schreibt:

    Du hast meine Nummer, wenn dir Langweilig ist. Und genug Videomaterial für 5x dein Praxissemester ist auch vorhanden. 😉

  4. Sebastian schreibt:

    Du musst ja vormittags auch arbeiten. Aber ich ja ab nächster Woche auch, von daher ist das nicht wild. Mein neuer Masterplan (den alten habe ich über den Haufen geworfen) beinhaltet ohnehin, wieder mehr print zu lesen. Habe ich in letzter Zeit erschreckend wenig gemacht.

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