Wer A sagt, muss auch B sagen

Jeder sieht’s, jeder riecht’s, jeder kennt’s – Mitmenschen (in aller erster Linie jedoch Journalisten), die in Ermangelung von Kreativität oder im Glauben, ihre Leser- oder Zuhörerschaft leidet unter ADS und müsste deswegen alle drei Wörter auf einen aufmerksamkeitsheischenden Eyecatcher treffen, die seltsamsten Klischees und Phrasen heranziehen. Eigentlich könnte man damit ja leidlich leben, wie zum Beispiel beim Sportteil der Süddeutschen Zeitung, wo sich regelmäßig seltsame Vergleiche oder „lustige“ Wortspiele mit einem Zitat einen Fußballers finden lassen, die die Lesefreude zwar trüben, aber nach der Lektüre wenigstens schnell wieder vergessen werden können.

Doch leider sind nicht aller Journalisten so unglaublich kreativ im Verzapfen von Blödsinn. Manche Journalisten sind sogar so unkreativ, dass in einem der Verdacht aufkeimt, dass es in diesen Studiengängen, in denen man „irgendwas mit Medien“ lernt, eine Pflichtlektüre gibt, die sich mit aufpeppenden und ungewöhnlichen Attributen beschäftigt. Eine Pflichtlektüre muss es schon aus dem einfachen Grund sein, dass sich gewisse aufpeppende und ungewöhnliche Attribute immer wieder finden lassen. Leider.

Allerdings bin ich kein Berufsnörgler, sondern ausschließlich Amateurnörgler und weiß aus eigener Erfahrung zu berichten, dass nicht jedem die Kreativität in die Wiege gelegt wurde. Leider Gottes kann es eben nur einen Max Goldt geben und viele, die wie ich neidisch seine Texte lesen, und nicht viele Max Goldts und einen, der neidisch alle ihre Texte liest. Aus diesem Grund möchte ich jetzt auch gar nicht sagen, dass man jegliche Sprachklischees vermeiden soll. Ich möchte vielmehr, dass einfach nur einmal konsequent der verzapfte Mist zu Ende gedacht wird.

Die folgende zwölf Phrasen und Stereotypen sollten daher immer um die von mir hier angegebenen, den Geist der ursprünglichen Klischees aufgreifenden Ergänzungen erweitert werden:

Die Betonung der Schönheit weiblicher Opfer männlicher Gewalt sollte ergänzt werden durch: „Der Täter ist schon vorher mit Gewalt gegen Frauen aufgefallen, allerdings waren die Opfer hässlich, weswegen die öffentliche Empörung sich in Grenzen hielt.“

Die Verwendung des Begriffs US-amerikanisch im offensichtlichen Zusammenhang mit der USA sollte ergänzt werden durch: „Gleichzeitig verließ der EU-mexikanische Präsident seinen DF-mexikanischen Amtssitz, um den EU-mexikanischen Bundesstaat Mexiko zu besuchen.“

Firmenchefs, die ihre Angestellten dazu anhalten, die Kunden zu duzen, sollten ihren Freunden gegenüber sagen: „Da ich nicht zwischen geschäftlichen und privaten Beziehungen trenne, wird es dich kaum überraschen, dass ich für unsere Freundschaft eine Kosten-Nutzen-Analyse aufgestellt habe – wie ich es auch bei meinen Kunden zu tun pflege!“

Die Bezeichnung der Grünen als linke Partei sollte ergänzt werden durch: „Der politische Begriff ‚links‘ bezeichnet eine Bewegung, der es um den Erhalt von Werten und Natur geht und die statt auf Massenproduktion zur Befriedigung der Bedürfnisse der Massen auf hochspezialisierte und daher teurere Lösungen setzt, auch zum Preis, dass damit der Lebensstandard für Menschen mit geringerem Einkommen sinkt. Getragen werden linke Positionen vor allem vom Bürgertum wie Beamten, leitenden Angestellten und Freiberuflern, aber auch von Landwirten.“

Die Bezeichnung der FDP als politisch tot sollte ergänzt werden durch: „Damit befindet sich die FDP in der gleichen Position wie die Grünen nach dem verpassten Wiedereinzug in den Bundestag 1990, das Jahr, seit dem die Grünen bundespolitisch keine Rolle mehr spielen.“

Das Zitieren von Sportpersönlichkeiten mit wortwörtlicher Wiedergabe ihres Dialekts (insbesondere bei Joachim Löw) sollte ergänzt werden durch: „Ein aufgeregter zehnjähriger stotternder Fan sprach nach dem Spiel aus, was alle dachten: ‚D-d-d-d-das w-w-war a-a-aber schp… schp… spannend!'“

Die Verwendung des Begriffs Superstar für jeden Musiker, der bereits im Fernsehen aufgetreten ist, sollte ergänzt werden durch: „Im Anschluss interviewte Superstar Günther Jauch den Superstar der deutschen Politik, Angela Merkel.“

Die Verwendung des Begriffs Kult im Zusammenhang mit einem Gegenstand, der nur von wenigen geschätzt wird (insbesondere alte Pornofilme, Off-Mainstream-Comedians und bizarre Musik), sollte ergänzt werden durch: „Ähnliches gilt auch für Adolf Hitler, der wegen seines Kult-Buches ‚Mein Kampf‘ bis heute von einem kleinen, aber verschworenen Anhängerkreis verehrt wird.“

Die Frage, ob die Menschheitsgeschichte aufgrund eines Fossilienfunds umgeschrieben werden muss, sollte ergänzt werden durch: „Gleichzeitig kündeten Historiker an, dass die Geschichte der Beatles möglicherweise neu geschrieben werden müsste, nachdem bekannt wurde, dass sich John Lennon und Bob Dylan am 2. Oktober 1967 auf einen Kaffee getroffen haben.“

Der Untertitel ‚Bilder aus glücklicheren Tagen‘ unter alten Bildern von nun behinderten oder schwerkranken Personen sollte ergänzt werden mit: „Leider ist die Betroffene kein rührseliges Beispiel für eine tapfere Soldatin, die sich allen Widerständen zum Trotz durchgekämpft hat, sodass man fast glauben könnte, dass sie ein ganz normaler Mensch ist, sondern ein echt unappetitlicher Anblick, mit dem kein gesunder Mensch konfrontiert werden möchte.“

Die Hervorhebung der toleranten Multi-Kulti-Atmosphäre in Kreuzberg sollte ergänzt werden mit: „Anschließend verabschiedete sich der weltoffene und gewandte junge Mann. Er müsse jetzt ein paar Schwaben klatschen: ‚Die kommen hierher mit ihrer Intoleranz und machen uns unseren schönen Kiez kaputt – da muss man doch einfach mal Grenzen aufzeigen!'“

Das Bespötteln der schlechten Englischkenntnisse von Zugbegleitern der deutschen Bahn sollte ergänzt werden mit: „Natürlich erwarte ich von mittelalten Menschen mit Volks- oder Realschulabschluss, die womöglich noch in einem kommunistischen System aufgewachsen sind, in dem Russisch als erste und oft einzige Fremdsprache gelehrt wurde, dass sie nach ihrem Englisch-Crashkurs im Vorfeld der Fußball-WM 2006 genauso eloquent und weltgewandt in Englisch parlieren können wie ich! Schließlich musste ich mir als Absolvent eines humanistisch-altsprachlichen Gymnasiums meine Englischkenntnisse genauso hart erarbeiten – im Gegensatz zu diesen Pseudo-Intellektuellen vom neusprachlichen Gymnasium!“

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7 Antworten zu Wer A sagt, muss auch B sagen

  1. Sebastian schreibt:

    Ich finde deine Herangehensweise an diese Thematik spannend. Ich fange zwar nicht an zu zittern und habe auch keine neugierige Angst, wie es wohl weiter geht, aber der Ausdruck „interessant“ ist einfach nicht originell genug.

  2. MuGo schreibt:

    So schlimm?

  3. Sebastian schreibt:

    Im Gegenteil!

  4. MuGo schreibt:

    Ich möchte noch ein weiteres Klischee hervorheben: Die Erwähnung der toleranten Multikulti-Atmosphäre in Kreuzberg sollte nicht ohne einen Hinweis darauf auskommen, dass Schwabenklatschen eine pure Notwendigkeit ist, da schwäbische Touristen einfach mal die Krätze sind!

  5. MuGo schreibt:

    So, ich habe mir mal erlaubt, den Artikel auf den neusten Stand zu bringen – wie ich das mit der Bahn vergessen konnte, ist mir ein Rätsel, denn dieser neue intellektuelle Zeitvertreib „Ich bashe Leute, die scheinbar nicht mit den von mir erwartete geistigen Fähigkeiten mithalten können – weil ich es kann!“ ist für mich leider nichts anderes als „spätrömische Dekadenz“ (O-Ton von diesem Minister von dieser Partei).

  6. Sebastian schreibt:

    Max Goldt hat glaube ich einmal geschrieben, dass der wesentlicheste Unterschied zwischen der ersten und der zweiten Klasse das wissende einander Zunicken der Passagiere ist, wenn das Zugpersonal wieder einmal Schwierigkeiten mit der englischen Sprache hat.

  7. MuGo schreibt:

    Es würde auf jeden Fall gut zu ihm passen, wenn er es geschrieben hat. Dieser Blick für die Kleinigkeiten ist es schließlich, was ihn zu einem derart begnadeten Beobachter des Alltags macht. Und dass er die Dinge wie von mir gefordert zuende denkt, ist ebenfalls eine seiner Stärken…

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