Aussicht

Eigentlich wollte ich nur ein wenig an die Luft und lesen. Ich setzte mich auf eine Bank am Schlossplatz, aber die stand blöd in der Sonne, also saß ich dort nur ein paar Minuten, bevor die Hitze mich weitertrieb. Um einen ruhigen Platz zu finden, ging ich weiter bis zur Staatsgalerie. Dort in der Nähe sind die Springbrunnen, ich setzte mich an einen und las dort weiter. Dieser Platz lag wiederum sehr im Schatten und an einer windigen Stelle, so dass es mir hier zu kalt wurde. Also ging ich weiter. Irgendwann saß ich dann am Kiosk bei den Grillplätzen und aß eine Portion Pommes mit Mayo. Es war jedoch zu viel Betrieb, so dass man dort auch nicht sitzen und lesen konnte. Also ging ich weiter. Jetzt war ich schon im Rosensteinpark, welcher größer ist als man denkt, so dass ich mich ein wenig veirrte. Was komisch war, ich hatte ja immerhin kein Ziel. Ich ging einfach geradeaus und war irgendwann an dieser gewundenen, schönen Brücke, und da dachte ich, da kann man ja auch mal wieder rübergehen.

Also ging ich drüber und war dann schon im nächsten Park, der aber nicht einmal Bänke hat, ich wollte doch eigentlich nur lesen und war jetzt schon kilometerweit gegangen. Ich kam auf einen Hügel, von dem man eine tolle Aussicht hat. Auf dem Hügel stehen Bäume, die sind mir vorher nie aufgefallen. Jedenfalls, eine tolle Aussicht. Aber ich wusste, dass es nur eine Brücke weiter einen wirklich tollen Park gibt, mit vielen Wasserspielen und den bequemsten Bänken Stuttgarts, also ging ich dort hin und las mein Buch zu Ende, dann aber auch gleich 130 Seiten am Stück. Und jetzt fehlte mir ein wenig die Perspektive. Die Strecke zurückgehen wollte ich nicht, also ging ich den Weg weiter und kam an einer Parkbankgarnitur (nennt man die so?) vorbei, die böse, da gute, Erinnerungen hervorrief. Der Tisch wirkte ohne Knoppers-Verpackung und Erdbeermilch irgendwie leer, und von der Bank fangen wir erst gar nicht an. Ich ging einen Hügel hinauf, von dem ich damals sagte, dass man da überhaupt nicht rauf darf, weil der so privat aussieht, aber das wusste ich jetzt ja auch besser. Und von einer Sekunde auf die nächste wurde es surreal.

Der Höhenpark Killesberg ist der unwirklichste Ort der Welt. War man eben noch im schlichten Grünen, ist man im nächsten Augenblick umgeben von Kleinlokomotiven, einem Karussel aus der Jahrhunderwende, alten Zirkuswagen und Bronzeskulpturen von Pferden, sowie sehr, sehr bunt angelegten Blumenbeeten. Wäre ein Jongleur auf Stelzen an mir vorbeigezogen, oder ein Junge, der ein Rad mit einem Stock vor sich her schubst, es wäre nur konsequent. Völlig überfordert ging ich auf den 40 Meter hohen Killesbergturm, ein wackeliges Gerüst von ausgewiesener Reduktion in der Ästhetik, und genoss auch hier die Aussicht. Der bebaumte Hügel, der ja auch eine tolle Aussicht hat, war von hier zu sehen, aber nur sehr klein, der Turm hier bietet viel mehr.

Was ich also sagen will, ist folgendes: Man kann gar nicht anders, als weitergehen. Manchmal ist es zu warm, manchmal zu kalt, dann zu laut, manchmal geht man weiter, weil man nicht weiss, was man sonst tun soll, und dann wird es einem zu bunt und man geht in die Vertikale. Aber auch das ist ja weitergehen, irgendwie. Und dann steht man oben und erkennt, dass auch die Höhepunkte, die man früher hatte, vielleicht noch getoppt werden können. Das weiss man ja vorher nicht.

Als wir wiederum nicht wussten
was zu tun, wohin sich wenden
liefen wir stundenlang umher
auf den Alleen und am Ende
kamen wir zu einem Park
an dessen Tor zwei Sphinxen wachten
so verbrachten wir die Zeit
mit dem Gefühl von leichtem Schwindel
setzten uns auf eine Bank
deine Hand Schloss meine Augen
und der Tag verschwand im Dunkel

Womit man halt immer rechnen muss ist ein Sonnenbrand.

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6 Antworten zu Aussicht

  1. uli schreibt:

    Forrest Gump in Stuttgart. Wie schön.

  2. MuGo schreibt:

    Ich dachte immer, du magst Tocotronic nicht – und dann packst du dieses Kleinod aus…

  3. Sebastian schreibt:

    Ich weiss nicht, was ich faszinierender finde: Dass Du dir irgendwann mal Gedanken darüber gemacht hast, ob mir Tocotronic gefällt, oder dass Du zu dem Schluss kamst, dass dem nicht so ist.

  4. MuGo schreibt:

    Naja, wäre doch schade, wenn man auf alles eine Antwort hätte…

  5. Sebastian schreibt:

    Danke, hab’s ersetzt 🙂

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