The Tree of Life

In großen Abständen steigt Terrence Malick zu uns herab, um einen bildgewaltigen, überwältigend guten und in der Regel völlig unansehbaren Film zu drehen. Den Kriegsfilm „Der schmale Grat“ habe ich aufgrund seiner zähen Erzählweise, die Clint Eastwood wie einen Guy Richie auf Speed erscheinen lässt, in vier Teilen gesehen und halte ihn trotzdem für einen der besten Beiträge zu diesem Genre. Bezeichnenderweise behandelt er ebenso wie Eastwoods Doppelpack Flags of our Fathers/Letters from Iwo Jima den Pazifikkrieg zwischen Japan und den USA. Offenbar eignet sich dieses Thema für durchdachte, ruhige Ansätze zwischen den meist krawalligen Beiträgen zum Irak- oder Vietnamkrieg.

Auch das Entführungsdrama Badlands, eine Bonnie- und Clyde-Geschichte, muss eher ertragen als angesehen werden, und überzeugt dennoch durch diese unglaublich schönen Bilder. Aus praktisch jeder Szene eines Malick-Filmes kann man ein Panoramaposter basteln, das sich vorzüglich in einer Kunststudenten-WG machen würde.

Und nun hat sich Terrence Malick keiner geringeren Aufgabe verschrieben, als in einem Film die Entstehung und den Sinn des Lebens zu erklären. Kann keiner sagen, ich wusste nicht, worauf ich mich da einlasse.

Es ist ein grandioser Kniff, der in The Tree of Life gleich zu Beginn eingesetzt wird: Am Anfang war das Chaos. Einer kurzen Momentaufnahme eines Bildes, welches wohl das Universum (oder auch den Menschen?) vor seiner Geburt abbilden soll, folgt eine sehr wirre, chronologisch völlig verworrene Szenenabfolge, die den Protagonisten Jack O’Brien an verschiedenen Stationen seines Lebens zeigt: Als erwachsenen Architekten, der sich mit seinem Vater aussöhnt, als Kind, der mit seinem Bruder spielt, als Teil einer Familie, die eines ihrer Kinder verliert.

Diese ersten 100.000.000 Millionen Jahre des Filmes sind nicht zuletzt dank ihrer kryptischen Monologstücke weitgehend unverständlich, sind aber wohl erforderlich, um den Zuschauer die Idee hinter dem ganzen zu erläutern. Nach einer weiteren, äußerst beeindruckenden Sequenz, die die Entstehung des Universums und unserer Erde zeigt (und dem Vernehmen nach ohne CGI erstellt wurde), einer kuriosen Dinosaurier-Szene und einem Kometeneinschlag kommt Struktur in den Film und erzählt wird die Geschichte einer normal-spießigigen Familie in den USA der 50er Jahre.

Obwohl man dem Verlauf des Lebens dank der chronologisch richtig erzählten Ereignisse (Geburt, Kleinkindheit, „Last Summer“, beginnende Adoleszenz und Rebellion) nun folgen kann, lassen sich die Figuren als Symbole nicht 1:1 übertragen. Man kann nicht sagen, dass der Junge Jack für den Menschen steht, oder für die Existenz als solches (wir sind hier ja nicht bei Lost). Als zu Beginn der Bruder stirbt, schreit es natürlich in einem „Brudermord! Kain! Abel!“, aber der Film gibt das im weiteren Verlauf einfach nicht her. Und man mag auch versucht sein, den Vater als strenge Gottfigur zu sehen, oder die Mutter als Maria voller Gnade (immerhin wird gleich zu Beginn der Kampf Gnade gegen Natur thematisiert). Aber möchte man das durchziehen, verheddert man sich irgendwann.

Ich habe daher versucht, die Figuren in jedem Kapitel abhängig von ihrem Kontext neu zu interpretieren, und weiche wahrscheinlich weit von gängigeren Interpretationen des Films ab. Kommen wir doch einmal zurück zu den Eltern.

Wie erwähnt, werden sie im Film als die Gegensätze Natur und Gnade positioniert, vielleicht funktionieren sie aber zumindest im Mittelteil auch als die zwei Seiten der Grenze, an der sich der vor der Pubertät stehende Jack befindet:

Brad Pitt spielt den Vater, welcher im Verlauf immer verbitterter wird und als strenge Vaterfigur fungiert, die sich immer weiter von den Kindern entfernt und sogar verhasst wird. Seinen Traum, Musiker zu werden, hat er längst aufgegeben, nicht jedoch seinen Traum, als Erfinder groß rauszukommen. Er reicht zahlreiche verspielte Patente ein, ohne jedoch Erfolg zu haben. Er repräsentiert die erwachsen gewordene Seite von Jack, die immer ernster werden muss, aber den alten Träumen nachhängt, wissend, dass diese nie in Erfüllung gehen werden. Er ist gerade raus aus der Kindheit und sehr wütend darüber.

Die Mutter ist die nach wie vor Kind gebliebene Seite von Jack. Sie ist unbekümmert, befreit von allen Pflichten und spielt lieber den ganzen Tag. Den Ernst schiebt sie so lange vor sich hier, bis es wirklich gar nicht mehr anders geht (und erinnert damit nicht nur optisch an Kate Winslet im tollen Film Children). Sie sieht das Erwachsenwerden vor sich dräuen und stemmt sich mit aller Gewalt dagegen.

Diese Interpretation bricht den Film aber eben doch wieder runter auf den einzelnen Menschen, was ja explizit nicht der Fall sein soll – der Film soll doch das große Ganze symbolisieren.

Wenn man Jack nun also doch auf die Menschheit als solches hochrechnen muss, stellt sich eben die Frage, wo diese denn nun steht. Der nachvollziehbare Teil des Filmes endet damit, dass die Familie aufgrund eines neuen Jobs des Vaters umziehen muss. Der nachvollziehbare Teil. Hinten dran hängt noch eine Bildfolge, die viele Menschen am Strand zeigt, und in der sich alle wiederfinden, der tote Bruder als Kind, Jack als Erwachsener, Jack als Kind, der Vater als lieber Kerl… der Himmel eben.

Die meisten Kritiker störten sich vor allem am Ende, welches doch recht eindeutig eine religiöse Komponente in den Film bringt. Ich finde das nur konsequent. The Tree of Life möchte nicht den Sinn des Lebens erklären, sondern die Entwicklung bis heute dokumentieren. Am 5. milliardensten Tag erschuf der Mensch Gott, das lässt sich nun einmal nicht wegleugnen, und da wir darüber immer noch nicht hinweggekommen sind, endet der Film eben auch dort und nicht zwei Schritte weiter bei der Erkenntnis und der Aufklärung. Die Religion als vorläufiges Ende der Geschichte, das ist der Punkt, an dem Menschheit gerade steht.

Meine Güte, ist das alles wirr und konfus. Beim zweiten Lesen verstehe ich nicht einmal mehr die Hälfte. Dieser Text sollte nicht als ernsthafter Versuch einer Interpretation gewertet werden, sondern als brainstormartige Reflexion eines Kinofilms, der mich ein wenig überfordert hat. Löschen wollte ich das jetzt allerdings auch nicht.

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