Bibliotheken und Architektur

Von der neuen Stuttgarter Bibliothek 21, welche in wenigen Monaten eröffnet wird und deren Bau trotz des Namens in den Stuttgart 21-Wirren komplett untergeht, hört man nicht viel Gutes. Kritisiert wird vor allem die sehr schlichte Ästhetik, das Gebäude ist immerhin von aussen nicht mehr als ein Quader mit Schießscharten. Die „Straßenmeinung“ ist eindeutig: Das Gebäude ist hässlich und erinnert eher an Gefängnis, während das alte Gebäude am Wilhemspalais ein wahrer Prachtbau und eben „typisch Bibliothek“ ist.

Die Bibliothekare selbst sind begeistert vom Raum, der den Büchern gegeben wird, 500.000 Medien finden dort offiziell Platz, und ähnlich wie Gefängnisse sind auch Bibliotheken in der Lage, mindestens das doppelte des ausgezeichneten Raumes zu nutzen. Auch auf technischer Seite gibt es ein paar tolle Ideen. So werden zum Beispiel alle noch so obskuren Beiträge, die jährlich auf dem Internationalen Trickfilmfestival in Stuttgart laufen, dort an Abspielstationen zu sehen sein – zusätzlich zu den Kino-Trickproduktionen, die auch ganz regulär auf Datenträgern ausgeliehen werden können.

Das Konzept des Innenraumes habe ich mir x-mal angesehen und verstehe es immer noch nicht. Im Prinzip ist die Bibliothek hohl, oben gibt es einen Trichter und unten noch eine Empfangshalle, und zwischen drin einen Lesesaal oderirgendwieso, ich hab’s halt nicht verstanden. Die Bücher scheinen mir jedoch sehr an den Rand gequetscht und ein störendes Element zu sein – in einer Bibliothek, wohlgemerkt.

Ich versteige mich jedenfalls zu der Behauptung, dass der Bau am Normalnutzer vorbei geht und in erster Linie ein Spielplatz für den Architekten ist (der auch sehr exklusive Wünsche hat, was zum Beispiel die Bestuhlung angeht). Sind Architekten denn in erster Linie Künstler? Oder gibt es im Studium Wahlmodule, in denen Rechtfertigungen für hässliche Gebäude gelehrt werden, die man dann im Nachhinein anwenden kann?

Ich habe Felix Schwenzel,der irgendwann mal Architektur studiert hat, gefragt, ob man das Schönreden von hässlichen Gebäuden im Studium gezielt beigebracht bekommt. Schließlich wird bei jeder Einweihung einer Mehrzweckhalle deren „Transparenz“ hervorgehoben, weil sie halt eine Glasfront hat. Auf der langsam wieder in Mode kommenden Frageplattform Formspring hat er eine tolle Antwort gegeben, die ich teilen möchte:

im architekturstudium lernt man — wie vermutlich in jedem anderen studium — zu differenzieren und genau hinzusehen. oder anders gesagt, egal was man studiert, man schult seinen blick für details. der literaturwissenschaftler liest dann in einem buch ganz andere dinge heraus, als ein laie. der begriff der schönheit, wird um technische und konzeptionelle aspekte ergänzt, bzw. man erkennt die handwerklichen tricks und lösungen, die der autor, der architekt, der schreiner benutzte und lernt sie, im besten falle, zu schätzen.

die schwalbenschwanz-eckverbindung bei schubladen ist so ein beispiel für die verschiebung von wahrnehmungsmustern. schön fanden schreiner schwalbenschwanz-eckverbindungen früher nicht, da die verbindung aber zweckmässig und irre stabil ist — und vor allem die einzig vernünftige art massivholz-bretter über eck dauerhaft zu verbinden — wurde sie sehr gerne benutzt, aber eben auch fast immer mit sichtblenden versehen. sichtblenden deshalb, weil sich laien nicht für die verbindungstechnik begeistern können, bzw. konnten und lieber schöne, ornamentierte fronten sehen wollten. das hat sich in zeiten von ikea und spanplattenschubladen geändert: schwalbenschwanz-verbindungen gelten jetzt als ein zeichen für qualität, für sauberes handwerk. da hat sich quasi ein expertenkriterium in ein massenkriterium verwandelt und damit gleichzeitig auch die wahrnehmung. plötzlich werden die schwalbenschwanzverbindungen stolz vorgezeigt, statt verblendet.

bestes zeichen für diese wahrnehmungsverschiebung: ikea verkauft massivholzmöbel, die schwalbenschwanzverbindungen nachahmen. ikea sägt tatsächlich stückchen aus der frontblende aus, setzt kleine holzblöcke darein, so dass es nach handwerk aussieht.

was ich eigentlich sagen will: die wahrnehmung von schönheit ändert sich ständig, vor allem aber unterscheidet sie sich oft massiv bei experten und laien, weil beide (oft, nicht immer) auf verschiedene dinge achten.

ich kann mir zum beispiel vorstellen, dass ich die neue bibliothek in stuttgart total super finde. die visualisierungen sehen sie erstmal sehr minimalistisch und wohlproportierniert (quadrate!) aus. ich mag dinge, deren komplexität man nicht auf den ersten blick erkennt, oder allgemeiner, dinge die einfache benutzeroberflächen anbieten. wenn die konstruktion dann auch noch handwerklich einwandfrei, zweckmässig oder konzeptionell grossartig ist, kann ich oft auch zweckmässigkeit zu schönheit umdefinieren. und meine these wäre, das eben diese fähigkeit zweckmässigkeit in schönheit umzudeuten, das (oder zumindest ein) ergebniss eines studiums ist.

Das ist eine sehr schöne Antwort, zumal ich seit jeher ein großer Freund der Schwalbenschwanz-Eckverbindung bin, ohne das Wort je gehört zu haben. Der zentrale Punkt seiner Antwort ist aber wohl, dass man im Studium ein Auge für Details bekommt, die Nicht-Architekten gar nicht auffallen, und dass sicher auch in diesem Quader unzählige Details stecken, die den Fachmann staunen lassen. Das ist schön für Architekten.

Nun studiere ich ja auch, und als angehender Bibliothekar würde ich dereinst gerne ein ähnlich gutes Auge für die Details einer funktionierenden Bibliothek bekommen. Für die Dinge, die ein normaler Architekt gar nicht so mitbekommt, aber das Herz eines jeden Bibliothekars höher schlagen lässt.

Dieser Blick kommt vielleicht mit Erfahrung. So haben zum Beispiel viele Bibliotheken schlechte Erfahrungen mit Lichthöfen gemacht, da sie eben auch Schallhöfe sind. Die Bibliothek 21 hat einen sehr großen Raum in der Mitte, der auch noch wie eine Flüstertüte aussieht. Werden die Gespräche auf der Treppe verstärkt? Hat das mal einer getestet?

Wie hat man sich das mit der Umgebung gedacht? Das direkte Umfeld steht noch leer, es sollen Bürogebäude hin, die LBBW, irgendwelche Eigentumswohnungen… eher eine schicke Gegend, vermutlich mit viel Glas (Transparenz!). Wie fügt sich das Gebäude in dieses neue Bild? Das Licht soll von innen das Gebäude nach außen hell wirken lassen. Sind Bibliotheken inzwischen so vermögend, dass die die ganze Nacht Flutlichter nach außen strahlen lassen können?

Es soll ausgerechnet die Bibliothek sein, die die Menschen in das neu entstehende Viertel lockt. Dabei ist die Situation derzeit eher die, dass die Bibliothek selbst ein attraktives Umfeld benötigt, um überhaupt wahrgenommen zu werden. In England nennt man die Libraries einfach Idea Stores und setzt sie in die Nähe von Malls, wo man mit dem Leseausweis auch gleich vergünstigt einkaufen kann.

In Deutschland hat die Bibliothek den Ruf einer Behörde, die in grauen Blocks sitzt, und ich füchte, dieser Ruf wurde in Stuttgart zementiert, im wahrsten Sinne eben.

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2 Antworten zu Bibliotheken und Architektur

  1. MuGo schreibt:

    Also auch nach acht Semestern Studium finde ich Fahrpläne und Ampelschaltungen nicht schön, sondern maximal extrem zweckmäßig. Ich habe vielleicht ein besseres Auge dafür als der Laie, aber ich werde nie vor Schönheit erstarren, weil da jemand den Verstärker drei Minuten vor der regulären Bahn fahren lässt. Das Schlimme ist aber, dass ich Leute kenne, denen bei Fahrplänen einer abgeht. So gesehen kann man vielleicht auch einfach davon ausgehen, dass ich mich mit meinem Studium nicht genug identifiziere 😉

  2. Pingback: Bibliothek 21 | social issues and stuff

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