Niemals Lüneburg

Ich möchte jetzt doch keinen längeren Erfahrungsbericht aufschreiben (eine passwortgeschützte Version folgt noch, das wird aber hoffentlich nicht mehr so lange gehen mit den passwortgeschützten Texten – das hängt ganz von mir ab, und darauf habe ich keinen Einfluss).

Aber ich möchte dennoch kurz festhalten, und auch öffentlich kund tun, dass ich für eine Fahrt von Stuttgart nach Lübeck-Kücknitz, und zwar ohne den Umwege über den Südpol, 24 Stunden gebraucht habe.

Die Fahrt dieser Strecke mit dem Wochenendticket war ich von früher noch gewohnt, und statt der normalerweise 12 Stunden musste man sich immer darauf gefasst machen, eher 15 zu benötigen. Die Eskapaden der „Schönes Wochenend“-Ticketfahrten werden aber in der Regel durch kleine Eindrücke wettgemacht, die man so mitnimmt. Auf der Fahrt nach Erfurt stieg irgendwo in der thüring’schen Einöde (Tautologie, ich weiss) ein Pärchen hinzu, welches nicht weit entfernt an das „Haaaaalt, Stop“-Pärchen aus Frauentausch (einfach mal youtuben) erinnerte. Sie ein wenig schlecht ernährt, er durchtätowiert mit Runen. Wie man’s halt kennt. Und gerade, als ich dachte, „Na, mehr Klischee geht ja nun wirklich nicht“, zog der Mann ein Hochglanzmagazin namens Swinger hervor. Ich wollte das jetzt noch verlinken, aber das googeln deprimiert doch arg schnell.

Ich beobachtete das Pärchen ganz ungeniert beim ernsthaft-professionellem Durchblättern der Zeitschrift, welche, soweit ich sehen konnte, einen Spagat zwischen seriösem Layout und stumpfem Inhalt versuchte, einen Spagat, der der Phantasie kaum noch Raum zur Entfaltung ließ. Das Lesen der Zeitschrift ordnete ich der Ausübung ihrer Sexualität zu, welche ja ganz offensichtlich exhibitionistisch und promiskuitiv geprägt war. Es war also im Grunde ein flotter Dreier, den wir dort vollzogen, und auf einmal wurde mir schlecht.

Das hatte aber ganz andere Gründe: Die Nacht zuvor haben wir das Ende des Semesters durchgefeiert, ich war zu diesem Zeitpunkt, etwa 9 Uhr, also schon etwa 26 Stunden wach, dehydriert und ohne Nahrung. Das Gerumepel und Geneige der Bahn im Gebirge und die Sonne, die durch das Fenster knallte, taten ihr übriges. Im Zugklo brach ein zusammen und kümmerte auf dem Boden, und später auf dem Weg nach Göttingen passierte mir das noch einmal.

Mein Plan war also, in Göttingen die kurze Umsteigezeit zu kippen und einen Zug später zu fahren. Und als ich noch überlegte, ob dies wirklich eine gute Idee sei, wurde mir die Entscheidung schon abgenommen: Mein Zug entfiel aufgrund eines Lokführerstreiks. Und der kommende auch, und auch der danach.

Ich würde also 3 Stunden in Göttingen verbringen, und die Servicefrau, also die Frau vom Service, wusste zu berichten, dass sich auch alle Anschlüsse aufgrund des Streiks verzögern würden, aber nicht passend, sondern eher exponentiell, ich also auf jeden Fall erst um 0.00 Uhr in Lübeck eintreffen würde.

Aber da ich ja keinen Erfahrungsbericht schreiben wollte, kürze ich das mal ab: In Lüneburg, welches in allen Planungen eine Rolle spielte, kam ich nie an, und am Ende war ich um 2 Uhr am nächsten morgen am Lübecker Bahnhof, welcher nicht menschen-, aber doch busleer war. Der erste Bus würde erst in 4 Stunden kommen, und um die Zeit totzuschlagen, schleppte ich meine 15 Kg Gepäck eine halbe Stunde erst in eine, und dann doch in eine andere Richtung, und dann doch wieder zum Bahnhof, weil dies der einzige Ort in der Stadt mit den 7 goldenen Kirchtürmen zu sein scheint, der eine Uhr hat. Die immer noch verbleibenden Stunden sah ich dem Partyvolk zu, welches sich zahlreiche Schlägereien lieferte und machte mich ein wenig klein. Der einsetzende Regen in der letzten Stunde und die aufkommende Kälte vertrieben irgendwann alle, die nicht dort sein mussten, also im wesentlichen alle außer mich.

Um kurz nach 6, 24 Stunden, nachdem ich in Stuttgart losgegangen bin, und 48 Stunden nach meinem letzten Schlaf, erreichte ich mein Ziel und dachte: Kannste keinem erzählen. Außer euch halt.

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6 Antworten zu Niemals Lüneburg

  1. DonBiz schreibt:

    In Anbetracht dessen, dass du a) noch Nachwirkungen von der WG-Party hattest, b) solch tolle Erfahrungen auf deiner Reise machen durftest und c) 24 Stunden gebraucht hast, übergebe ich dir hiermit feierlich den Pokal der schlimmsten und längsten Heimreise aus Stuttgart. Gratulation! Und Challenge accepted meinerseits. Da geht noch mehr.

  2. Niels schreibt:

    ok, ich bin Kieler und würde schon aus anderen Gründen nicht nach Lübeck ziehen, aber Taxis habt Ihr da m. W. trotzdem. 🙂

  3. Sebastian schreibt:

    Das wären aber gut 30 Euro geworden, und mein Haushaltsplan ist diesen Monat aus Gründen doch arg knapp auf Kante genäht.

  4. Sebastian schreibt:

    Knapp auf Kante genäht ist bestimmt völlig falsch. Ein weiterer Grund, warum ich nie Politiker werde.

  5. Peter schreibt:

    jetzt erst mal ausschlafen … spannende Geschichte.

  6. Pingback: Abschließendes: Flensburg – Lübeck – Haßfurt – Bamberg – Stuttgart | social issues and stuff

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