Jan-Uwe Fitz: Entschuldigen Sie meine Störung

Es ist ein bisschen ironisch, aber während meines Studiums zum Bibliothekar komme ich zu einer Sache überhaupt nicht mehr: zum Bücher lesen. Ob das nun tatsächlich am Studium liegt oder am generellen Versagen beim Zeitmanagement „bin ich noch am ausklabüstern“. 2006 jedenfalls war ich einmal bei einer Lesung des Soziologen Hartmut Rosa (es war WM im eigenen Lande, zeitgleich spielte Deutschland gegen Schweden, es war also eine sehr kleine Veranstaltung). Dieser beschäftigt sich mit der Beschleunigung der Gesellschaft, hat seinerzeit den Begriff der Entschleunigung geprägt und der Zeit vor einigen Tagen ein interessantes Interview gegeben. In diesem legt er dar (mein Gott, diese Hausarbeiten-Schreibe macht mich ganz kirre), dass die generelle Beschleunigung der Zustände, die dafür sorgt, dass man keine Bücher mehr liest, gesellschaftlich verankert ist. Ich persönlich also überhaupt nichts dafür kann, ätschibätsch. Die Unlust auf Bücher hat aber auch noch einen anderen Grund. Schauen wir uns doch einmal die Amazon-Verkaufscharts an: Kluftingers neuer Fall; Der dritte Fall für Carl Mørck; Commissario Brunettis neunzehnter Fall. Spoiler: Im erstgenannten ist der Täter ein Schwabe, im zweiten ein Däne und im dritten eine Amerikanerin. Die Täter sind in diesen Fällen nämlich die Autoren, die kostbaren Regalplatz mit Fließbandkrimis besetzen, austauschbarer Gebrauchsware, reinem Handwerk ohne Geist. Natürlich überkommt einen da die Unlust, überhaupt noch Bücher zu lesen, und wenn ich eines fernen Tages eine Bibliothek leite, wird meine erste Amtshandlung sein, sämtliche Bücher, in deren Titel das Wort Fall vorkommt, aus dem Bestand zu entfernen.

Dass ich es trotz allem in den letzten, alles andere als entschleunigten, Tagen geschafft habe, ein Buch zu Hand zu nehmen, heisst also schon etwas. Jan-Uwe Fitz, im Folgenden der Einfachheit halber und weil er den Namen hasst einfach nur Jan-Uwe, kann sich zurücklehnen: Sein Buch Entschuldigen Sie meine Störung – Ein Wahnsinnsroman hat mir (überwiegend) gefallen.

Zunächst einmal stehe ich jedoch wie schon bei Malte Weldings Buch über die Liebe vor dem Problem, das Werk nicht wirklich einordnen zu können. Ein Roman ist es nicht, dafür ist die Geschichte, sofern es überhaupt eine gibt, zu lose. Ein Ratgeber kann es auch nicht serin, denn würde jemand die gegebenen Tipps beherzigen, er wäre eine arg arme Sau. Es ist am ehesten eine Quatsch-Anekdotensammlung, wie sie zum Beispiel auch Rocko Schamoni mit Risiko des Ruhms vorgelegt hat, bevor dieser mit Dorfpunks sein tatsächliches Leben aufarbeitete. Die einzelnen Kapitel folgen keiner weiteren Logik, weder bei der Nummerierung, noch beim chronologischen Aufbau, physikalische Gesetze werden hier und da außer Acht gelassen. Die Satzstellung, das muss man lobend erwähnen, ist soweit aber richtig.

Thematisch fühlte ich mich bei der Lektüre sofort zu Hause, ist der Jan-Uwe im Roman doch ein soziophobischer Sonderling, der alles unternimmt, um unter der Gesellschaft hinwegzutauchen. Es scheint durch, dass er diese Disziplin, die skandalöserweise nach wie vor nicht olympisch ist(!!!) über die Jahre perfektioniert hat. Es reicht eben nicht, sich auf einer Party unter einem Sessel zu verstecken und so zur Tür hinauszuschleichen. Erst, wenn wandernde Sessel via Nachrichtenverbreitung als völlig normal in einer Gesellschaft gelten, kann dies gelingen. Jan-Uwe erkennt diese Feinheiten und wendet sie konsequent an.

Die legendären Schwattmanns, typische Nachbarn von nebenan (eben) und Protagonisten des Frühwerks Jan-Uwes, als dieser hauptberuflich noch Taubenvergrämer war, feiern ein Comeback und zwingen den armen Menschen so, tagelang am Fenster zu kauern. Überhaupt erkennt der Taubenvergrämer-Kenner die ein oder andere Episode, wie zum Beispiel das Gnu in der Metzgerei, wieder. Völlig zu Recht, denn gerade bei den Höllspielen des Vergrämers steht zu befürchten, dass sie bei erstmaligem Erscheinen ein verhältnismäßig kleines Publikum erreichen. Es ist daher völlig legitim, diese Kleinode noch einmal zusammenzufassen und sie in Buchform „groß rauszubringen“.

Das Buch steigert sich im Verlauf immer weiter ins Absurde, was einigermaßen schwierig ist, schließlich beginnt das Buch mit einer Episode, in der sich Jan-Uwe von einer Wanderbaustelle verfolgt fühlt. Diese Episode wird übrigens in jeder Rezension besprochen, ob das nun damit zusammenhängt, dass es halt die ersten Seiten sind, weiss ich nicht. Wahrscheinlich aber schon. Doch, ziemlich sicher sogar.

Zur Mitte hin bis kurz vor Schluss wird es jedoch auf einmal vermeintlich zappenduster. Es gibt eine längere Episode, in der sich Jan-Uwe in eine Nervenheilanstalt begibt (Burn-out usw.). Hier kommt tatsächlich so etwas wie eine Chronolgie in das Buch, neben den niedergeschriebenen Tagesabläufen erhält man noch Einblicke in Gesprächsprotokolle, die zumeist etwa so verlaufen:

„Ich wünschte, alle Patienten würden so denken wie Sie. Dann wäre ich kein Säufer. Ach ja.“
„Zieht die gleichzeitige Einnahme der Medikamente eigentlich Schäden nach sich?“
„Keine Ahnung. Spüren Sie eine Veränderung an sich?“
„Ich fühle mich ein bisschen matschig.“
„Ich weiß nicht, ob da nicht vielleicht noch was kommt. Wie gesagt: Bisher hat das niemand überlebt.“
„Werden Sie mich eine Zeitlang unter Beobachtung stellen.?“
„Nein, die allgegenwärtige Videoüberwachung in deutschen Großstädten reicht aus. Sollten Sie umkippen, räumt man Sie sofort weg.“
„Vielleicht kann man verhindern, dass ich umkippe?“
„Ja. Legen Sie sich vorher hin.“
„Ich meine eher so im Sinne von: Vielleicht kann man verhindern, dass ich sterbe.“
„Wieso das? Ich dachte, Sie haben Todessehnsucht?“
„Aber deswegen bin ich ja hier. Ich dachte, ich suche Lebenssinn.“
„In unserer Klinik?“

Es ist bekannt, dass sich der Real-Jan-Uwe (ach, ich liebe Bindestriche) ebenso wie der Roman-Jan-Uwe tatsächlich in einer Nervenklinik befand (der Arbeitstitel war dann auch Ein Anstaltsroman, der vorwiegend eben dort spielen sollte, bis das alles dann offenbar ein wenig ausgeufert ist). Aber natürlich sind die Episoden hier ins Absurde übersteuert, so dass zu keiner Zeit die Gefahr besteht, es mit einem Betroffenheitsroman zu tun zu haben, der Missstände schonungslos aufdeckt. Vielmehr bestehen auch diese Kapitel, wie überhaupt 90 % des Buches aus Dialogen, in denen sich beleidigt wird. Beleidigen, das kann er, der Jan-Uwe, aber das weiss jeder, der ihn schon einmal erlebt hat.

Irgendwann hat mal irgendwer getwittert, dass Jan-Uwe zu den witzigsten Twitterern überhaupt gehöre, die langen Texte aber unerträglich seien. Das kann man in der Härte nicht sagen, hat aber einen wahren Kern: Die Schlagzahl und Pointendichte in seinen Texten ist überhaus hoch. Das ist auf Twitter natürlich ideal, wenn man jedoch einen längeren Text liest, in der jeder Satz ein Treffer ist, oder einer sein möchte, kann das mitunter sehr anstrengend sein. Dies, die kurzen Kapitel und der sehr lose Aufbau sorgen durchaus dafür, dass es sich beim Wahnsinnsroman um kein Buch handelt, welches man in einem Zug durchliest. Außer, es ist eine sehr lange Zugfahrt, haha 😦 Man liest immer mal wieder ein Kapitel, und dank der augenschonenden Buchstaben ist man trotzdem recht bald durch. Aber es ist eben nicht fesselnd im eigentlichen Sinne. Um auch mal einen etwas negativeren Aspekt in diese Rezension zu einem Autoren zu bringen, der mir im Übrigen persönlich bekannt ist und mir dieses Buch geschenkt hat, ähem.

Es ist in allem dennoch ein in großen Teilen sehr komisches Buch geworden, welches ich generell allen ans Herz legen möchte, insbesondere aber den eher menschenscheueren unter uns, die das doch recht ernste Thema einmal komisch, aber sehr genau (über die Bahn: „Fremde Menschen mit dem Gesicht zueinander setzen, wie krank muss man sein?“) aufgearbeitet wissen möchten. Darf man über Nervenheilanstalten lachen? Mit diesem Buch kann man es zumindest, und der Rest sollte einem Wurscht sein.

Wer aber weiterhin einen Fall im Titel braucht, um ein Werk für voll nehmen zu können, der kann sich auch Inspektor Fitz‘ 1. Fall zu Gemüte führen. Ein klassisches Höllspiel von Jan-Uwe Fitz, welches seine Spannung vor allem aus der Tatsache zieht, dass es keine ganze Minute dauert.

Jan-Uwe Fitz, Titel, Verlag, Preis etc., googelt halt selber.

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9 Antworten zu Jan-Uwe Fitz: Entschuldigen Sie meine Störung

  1. vergraemer schreibt:

    Mein nächstes Buch wird noch unerträglicher. Solange mir der Verlag das durchgehen lässt, wäre ich ja bekloppt, etwas Wertvolles zu schreiben.

  2. Sebastian schreibt:

    Nur zu, rauben Sie mir meine Existenzgrundlage, in dem Sie die Verlage in den Ruin treiben.

  3. causa prima schreibt:

    Vielleicht mal was über Existenzialismus. (Tut mir Lied, ich hab‘ heute zu viel Formel 1 geschaut.)

  4. c schreibt:

    es ist nicht ironisch sondern paradox. der erste satz tut weh

  5. Sebastian schreibt:

    Zynisch, nicht wahr?

  6. c schreibt:

    nee, können und nicht wollen ist zynisch. hier ist es genau anders herum.

  7. Sebastian schreibt:

    War das Sarkasmus?

  8. c schreibt:

    hat´s weh getan?

  9. Sebastian schreibt:

    Ist das eine rhetorische Frage?

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