der Blob – Teil drei

Der Blob, niedergedrückt von der Last des Gegenwärtigen, sehnte sich nach dem Vergangenen. Nach wie vor saß er auf seinem Dache, die Augen gen Osten gewandt. Er harrte der Dinge, die da kommen mögen, den Kopf tief in Gedanken versunken.

Ich selbst war lange schon beschäftigt mit anderen Dingen, musste ich doch gleich zum Bus. Der Alltag wartete auf mich und mit ihm die Ödnis der Welt.

Als die Strahlen sich über den Horizont erhoben und die Welt in einem neuen Licht erscheinen ließen, kehrte neues Leben in den Blob. Er verließ behende den First und hangelte sich über die Regenrinne hinab.

Ich erreichte die Haltestelle und sah den Blob in einer Gasse verschwinden. Mit der Helligkeit war das letzte bisschen mystischer Stimmung von ihm gewichen. Andere mussten ihn für einen seltsamen Straßenköter oder eine monströse Katze halten, der einer Mutation wegen ein drittes Auge zu Teil geworden war.
Ich zuckte die Schultern und setzte meinen Weg fort. Der Bus kam früher als sonst, oder war ich spät dran?
Ich rannte, erreichte ihn und fuhr davon.

Der Blob derweil suchte seinen Unterschlupf auf. Durch seine Augen wurde die Nacht zum Tage, doch die Helligkeit des Tages blieb ihm andererseits verborgen. Jedoch war das nicht Resultat seiner Anatomie, sondern seines Alters, vereinte er nun doch schon einige Jahrhunderte auf seinem Haupt.
Schwermütig ließ er sich nieder, auf einem Lager aus Zeitungen, halb verrottet schon, feucht von Wasser, das die Straße entlang geflossen war, sich sammelte, überall in kleinen Pfützen.
Er schlief schnell ein, träumte von besseren Zeiten, die das Heute noch Düsterer erscheinen ließen, als ein Geräusch ihn schließlich hochfahren ließ.

Ich gestand mir ein, dass diese Heimfahrt im Bus als die perfekte Krönung des Tages gewährtet werden konnte, zog sie sich doch nun schon drei Mal so lange hin wie gewöhnlich. Erst kam das verdammte Ding nicht, dann von einem Stau in den nächsten. Ich verfluchte die Welt gerade, als die Fahrt plötzlich endete.
Ich sah auf, überrascht mich einer gänzlich fremden Umgebung ausgesetzt zu finden. Was uns die Fenster offenbarten, passte so gar nicht zu dem, was ich sonst um mich hatte. Wüst und leer, ein Meer aus Sand, eine nervige, glühende Sonne über all dem.

Der Blob drückte sich mit aller Kraft das Fell auf die Hörlöcher, presste seine Augen aufeinander und verschloss auch seinen Mund so fest es ging.
Das Schreien, welches die Gasse erfüllte, tat ihm körperlich weh.
„Lass mich!“, brüllte er schließlich zurück, die eigene Stimme klang seltsam verzerrt durch die geschlossenen Sinne.
Das Schreien kam näher, es war, als sinke es herab vom Himmel. Es wurde hell um ihn, oder heller. Und heißer, bis es war als würde er verbrennen.
Der Blob bückte sich, machte sich klein, drückte sich zu Boden, doch ein Entkommen schien nicht möglich.
Das Schreien blieb, bis es irgendwann an Form gewann. Schließlich begann sich aus der Form ein Sinn zu schälen.
„Ich… Sonne… Mond… geschickt“, dröhnte es wie durch Nebel und Rauschen und Schreien bis zu ihm durch.
„Was?“, brüllte der Blob, vor Verzweiflung langsam wahnsinnig werdend.
„Ich… Sonne… Mond… geschickt“
„Geh!“
„Nein… Nimm… Geh… Ich… weg“
Dieses Mal blieb der Blob stumm. Irgendwann verschwand das Licht. Erst nur langsam, fast unmerklich, dann jedoch vollzog es sich in solch überraschender Geschwindigkeit, dass das normale Tageslicht plötzlich wie die Nacht erschien.
Endlich, dachte sich der Blob!
Endlich wieder für mich, nur für mich.

Ich sah mich um. Die anderen Sitze, voller wie leblos daliegender Körper, wirkten fremd in dem rotgelben Licht, das von außen wie künstlich herein drang.
Erneut sprach ich die Frau an, dann den Fahrer, die Frau mit dem Kind, das furchtbare Baby. Doch sie alle, und mit ihnen sogar der Hund ganz hinten im Bus, schienen sich in einem komaähnlichen Schlaf zu befinden. Rütteln half nichts, treten, schreien.
Alles umsonst, dachte ich mir.
Alles umsonst, nur ich, allein.

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2 Antworten zu der Blob – Teil drei

  1. Peter schreibt:

    Sind in Stuttgart alle Busfahrten so gruselig?

  2. Steffi schreibt:

    Zum Glück nicht 🙂

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