Kurzgeschichte „Der Blob“

Ich schaue aus dem Fenster. Dunkelheit liegt über der Welt, die lediglich durch den Schein des Mondes unterbrochen wird. Schräg dahinter, auf den Dächern der Stadt, wandelt das sechsarmige Monster mit Namen Blob. Er ist auf der Suche nach seinem dritten Auge, denn er hat es verloren. Die Finsternis, die er nur mit Hilfe seiner Dreiaugenausgleichsstrahlen zu ertragen vermag, beengt ihn sehr.

Beklemmung kommt in ihm hoch, als er auf das nächste Hausdach springt. Gerade nur so eben gelingt es ihm sich festzuhalten, sonst wäre er hinab gefallen, in den tiefen Graben zwischen den Wänden. Ein ängstlicher Blick bestätigt, das wäre nicht zu überleben gewesen. Noch tiefer rutscht die Furcht bis in die Eingeweide des Monsters, das sich einst der Großkoribosi unter den Wesen seines Volkes nennen durfte.

Doch das scheint lange her…
Nein, das ist lange her.
Es sind Jahre verstrichen, die Welt ist älter geworden, auch ohne den Großen Blob, der damals die Seinen durch die Stürme der Zeit führte, sicher an seiner Seite ans Ziel brachte.
Und nun, was ist übrig geblieben, nur er, und nur zwei Augen. Ein Nichts.

Traurig erstarrt der Blob und blickt hinauf zum Mond.
„Dich habe ich gekannt“, höre ich ihn sagen, „dich gab es auch in meiner Zeit. Du hast das alles mit angesehen, wie ich. Was denkst du darüber?“

Er verweilt, er schaut hinauf, und er verweilt. Doch es passiert nichts, der Mond hält seinen Mund und es wirkt auf mich als schrumpfe der Blob noch ein wenig mehr. Er muss früher ein wahrer Riese gewesen sein, doch inzwischen paßt er in eine Hutschachtel. Kein Wunder empfinde ich keine Angst, obwohl ich beobachte wie eine mir fremde Lebensform auf den Dächern meiner Nachbarn wandelt und mit dem Mond spricht.

Ich glaube nicht, dass er mir etwas tut. Ich glaube nicht, dass er mir etwas tun kann. Doch ich spüre, ich fühle, ich atme, ich denke, ich empfinde, früher, ja früher, da hätte es ihn nicht viel gekostet.
Aber es ist nicht mehr seine Zeit.
Was macht er dann um alles in der Welt hier? Erträumt er sich ein Wiederauferstehen der Seinen herbei, sobald es ihm gelungen ist, sein Blickfeld wieder zu erweitern? Könnte ein solches Unterfangen gelingen?

Ich hoffe es wird niemals Tag…

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7 Antworten zu Kurzgeschichte „Der Blob“

  1. Chatlotta schreibt:

    Schöne Geschichte!
    Für welche Altersgruppe hast du sie gedacht?

  2. Charlotta schreibt:

    Oh Mist, ich hab bei meinem Namen oben auf die falsche Taste gedrückt (Tastatur schon etwas verwaschen) 😦

  3. Steffi schreibt:

    Danke.

    Ich muss aber gestehen, dass ich mir über das Alter keine Gedanken gemacht habe. Oder überhaupt über eine Zielgruppe. Ich hab einfach nur geschrieben und mich gefreut, dass mal wieder was dabei raus kam.
    In welche Altersgruppe würdest du es denn vom Gefühl her setzen?

  4. Otter mit Schal schreibt:

    Bitte 😉

    Ich würde sagen, so ab 12 Jahre kann man das schon gut verstehen. Und natürlich als Erwachsener.

    Die Fortsetzung ist übrigens auch sehr schön.

    Charlotta

  5. Pingback: Werbeunterbrechung/Lesetipp « die spielplatztaube

  6. Steffi schreibt:

    Danke sehr 🙂

  7. Otter mit Schal schreibt:

    Und der dritte Teil ist auch wieder schön 🙂

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