Drogenpolitik

Ich bin ja so gut wie nie in irgend einer Weise politisch aktiv, auch schon auf Grund meiner Meinung, dass Proteste meist keine Wirkung haben, wenn sie nicht von Massen getragen werden, und das Recht sich nicht immer durchsetzt. In letzter Zeit beschäftigte ich mich vermehrt mit einigen für mich interessanten Drogen, wobei mir die unglaubliche Unverhältnismäßigkeit und scheinbare Willkür aufgefallen ist, die mich dann doch mal dazu bewegt hat, eine E-Mail an unsere Drogenbeauftragte der Bundesregierung zu schicken. Da ich das ganze als nicht uninteressant empfinde, hier der Inhalt der E-Mail:

Sehr geehrte Frau Dykmans,

mich würde ihre Rechtfertigung der geführten Drogenpolitik zu meinen folgenden Ausführungen brennend interessieren, die die Unverhältnissmäßigkeit des Verbotes vieler Substanzen betrifft.

Eine bei Verboten sehr oft angewendete Argumentation ist das Verbot auf Grund der Gefährlichkeit bzw. Schädlichkeit der Substanz. Alkohol und Nikotin sind mindestens ähnlich schädlich wie Cannabis oder gar schädlicher als MDMA, Salvia Divinorum, Mescalin und LSD, trotzdem bleiben Alkohol und Nikotin als verkehrsfähig eingestuft. Um die bei weitem schändlichere Wirkung von Nikotin und Alkohol zu bekräftigen habe ich folgende Zahlen aus dem Reitoxbericht 2009 sowie dem Drogen- und Suchtbericht 2009 ermittelt:

Die Gesamtzahl der Todesfälle durch den Konsum illegaler Drogen im Jahr 2008 betrug 1449 bei 5% Süchtigen (2,6 Millionen) in der Bevölkerung. Von diesen Toten starben 66% im Zusammenhang mit Heroin, welches allerdings nur von einer sehr kleinen Minderheit der Abhängigen konsumiert wird.
Im Vergleich dazu Nikotin: 33% der Erwachsenen sind süchtig (ca. 16 Millionen), jährlich sterben 140 000 Menschen an den Folgen des Rauchens. Bei gleicher Anzahl Abhängiger von illegalen Drogen gäbe es nur 8 917 Tote, also mehr als 15 mal weniger.
Beim Alkohol sieht die Quote eher noch schlimmer aus, auch wenn die Zahl der Abhängigen niedriger als die von illegalen Drogen oder Nikotin ist: Es gibt 1,3 Millionen Abhängige, 9,5 Millionen konsumieren Alkohol in gesundheitsriskanter Form, daraus resultierten 70 000 Tote. Bei doppelter Anzahl an Süchtigen sterben bei den illegalen Drogen aber 48 mal weniger Menschen. Nimmt man die Zahl der gesundheitsriskanten Konsumenten, so sterben durch Alkohol immer noch 13 mal mehr Menschen.
Würde man die Heroin-Toten herrausgerechnet, so fielen die Faktoren noch drei mal höher aus.
Natürlich sind Todesfälle nicht alles, auch andere körperliche Schädigungen sind zu berücksichtigen. Allerdings würde auch das nicht zu Gunsten von Alkohol und Nikotin ausfallen.

Mit welcher Begründung bleiben solche mehr als gefährlichen Drogen noch erlaubt? Wie kann es sein, dass solche Zahlen bei Verboten unbeachtet bleiben, während die durch die Zahlen bestätigte, viel geringere Gefahr illegaler Drogen (von denen man gewiss die gefährlichen unter ihnen, besonders Heroin, herausnehmen sollte) als Anlass für Verbote gesehen werden?

Natürlich haben viele der illegalen Drogen bei unverantwortlichem Umgang schädliche Wirkungen auf den Körper. Aber dies trifft sogar auf Koffein zu, noch mehr natürlich auf Nikotin und Alkohol – alle drei Substanzen bleiben trotzdem weiterhin erlaubt. LSD dagegen besitzt solche Eigenschaften nicht, auch sind keine Todesfälle infolge von LSD-Konsum bekannt – trotzdem ist es verboten.

Natürlich kann man mit dem Kulturkreis argumentieren. Aber auch Nikotin gehört erst seit ~350 Jahren zu unserem Kulturkreis, warum geben wir anderen Drogen nicht auch die Chance dazu? Auch damals gab es Verbote gegen Tabak, diese wurden jedoch aufgegeben, weil sie von niemandem ernsthaft beachtet wurden.

Weiterhin wird argumentiert, dass einer Sucht vorgebeugt werden soll – MDMA, Salvia Divinorum, Mescalin und LSD machen nur in seltenen Fällen abhängig, dann auch nur psychisch. Nikotin dagegen macht sehr schnell abhängig, aber auch Alkohol und sogar Kaffee machen körperlich abhängig. Trotzdem bleiben alle drei Substanzen legal.

Durch das Verbot einer Substanz wird das von ihnen so hoch geschätzte Recht der Selbstbestimmung in keinem Maße unterstützt, aber das sollte selbstverständlich sein. Allerdings fällt in diesem Kontext ein sehr interessanter Sachverhalt auf, der eigentlich nur bezeugen kann, dass der Menschen sehr wohl zur Selbstbestimmung fähig ist: Trotz der Verdopplung der Cannabis-Lebenszeitprävalenz im Zeitraum von 1993 bis 2004 verringerte sich der regelmäßige Konsum im selben Zeitraum um mehr als ein Viertel. Wie erklären sie sich diese Entwicklung, wenn nicht durch die unbedingte Fähigkeit des Menschen zur Selbstbestimmung und die relative Harmlosigkeit der Substanz?
Es geht hierbei aber nicht nur um Cannabis, denn Studien belegen auch, dass viele LSD-Konsumenten ihren Gebrauch mit der Zeit verringern oder gar ganz einstellen. Ähnliches dürfte auch für die anderen nur sehr gering gefährlichen Substanzen wie MDMA, Salvia Divinorum oder Mescalin gelten.

Natürlich leuchtet ein, dass man den Verpflichtungen wie dem Einheitsabkommen von 1961 nachkommen sollte. Allerdings sollte man genauso überdenken, ob die dort getroffenen Regelungen gerechtfertigt und angemessen sind und viele Drogen nicht nur nach Daumenmaß klassifiziert wurden. Die Klassifizierung von Drogen sollte außerdem nachvollziehbar sein, daher sollte trotz der Kritik anerkannt werden, dass David Nutt mit seinem Versuch zur Klassifizierung von Drogen einen guten Ansatz geliefert hat, der jetzt mit der erbrachten Kritik weiterentwickelt werden sollte. Die Klassifizierung von Drogen durch unabhängige Experten in einem nachvollziehbarem System sollte die Grundlage für das Verbot von psychoaktiven Stoffen liefern, auf der vom Gesetzgeber Entscheidungen getroffen werden. Auch sollten bei einem Verbot die zur Einschätzung der Substanz zu Grunde liegenden Studien angegeben werden, um die Transparenz zu wahren.

Wie begründen sie bei dieser Faktenlage, dass die Regierung keinen Wechsel in ihrer Drogenpolitik anstrebt? Ich kann nur hoffen, dass sie als Drogenbeauftragte dafür kämpfen, das hier ein Umdenken stattfindet und endlich angemessen Politik betrieben wird.

Mit freundlichen Grüßen,
Sebastian Schultz

Erst wollte ich das bei abgeordnetenwacht fragen, dort standen mir für die doch etwas ausführlichere Argumentation allerdings nicht genügend Zeichen zur Verfügung. Damit das ganze dennoch nachlesbar wird, veröffentliche ich es hier.

Ich kann abschließend bei aufgekommenem Interesse nur Seiten wie erowid.com zur weiteren Lektüre empfehlen und hoffe, dass vielleicht irgend jemand etwas gelernt hat und bestenfalls weiterverbreitet und sich für ein Umdenken in der Drogenpolitik und der Beurteilung und Vorverurteilung von Drogen stark macht.

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14 Antworten zu Drogenpolitik

  1. David, A schreibt:

    Lieber Sebastian, du vergisst mir hier ein bisschen das politische Kalkül, schlecht ausgedrückt (wissentlich). Leiderleider (oder ist es gar ihr Wesen) redet „Politik“, besser: PolitikerInnen, der Wählerschaft nach dem Mund, zumindest in vielen Fällen (S21 beseite, bin Wiener, hab eh ka Ahnung davon…außer vom Bahnhofsbau, davon schon). Und wonach ist der Mund geformt? Alkohol&Nikotin=“Kultur“, gehört dem „Kulturkreis“ (sehr schwieriges Wort, siehe Volk usw). Heroin, LSD, Mesca=böse Hippie-Drogen und Junkie-Food. Es ist, tja, die öffentliche Meinung – so schwierig diese auch zu bestimmen sein mag – die glaubt, manches sei – unbewiesen – schädlicher als anderes (Missinformation etc). Und die geschätze Politikerschaft? Die möchte sichs mit dem Bürgerlein ja nicht verderben! Sonst wählt die ja keiner mehr! Oder so ähnlich. Klar gesprochen: Erst, wenn sich das Bild von/die Meinung zu (noch illegalen?) Drogen gesamtgesellschaftlich – oder meinetwegen nicht mal gesamt-, aber mehrheitsgesellschaftlich – ändert (Aufklärungsmaßnahmen?), ja dann kann auch die Politik auf den Zug aufspringen. So monokausal das auch klingen mag, irgendwo liegt da wahrscheinlich sowas wie Wahrheit (oder Erfahrung? ich verwechsle das immer) darin verborgen.

    Bis dahin, alle an die Wand!
    DA

  2. David, A schreibt:

    Sebastian ist falsch, sry.

  3. causa prima schreibt:

    Anscheinend bin ich blauäugig, aber die Politik sollte es besser wissen und sich dementsprechend verhalten. Und um das noch mal klar zu stellen: Heroin ist eine der bösesten Drogen, die existiert. Ich bin nicht dafür sie in auch nur irgend einer Weise zu legalisieren.

    Sebastian ist richtig.

  4. Sebastian schreibt:

    Danke für deine Mühen, Sebastian (Himmel! Davon gibt es sehr viele). Cannabis in all seinen Darreichungsformen (Museforeninsider ausgenommen) ist ja irgendwie schon im Kulturkreis angekommen, da ärgert sich kein Mensch drüber. Also, frei nach Ian Malcom (Jurassic Park): Das Leben bahnt sich seinen Weg. Ob die Regierung da jetzt Chancen gibt oder nicht. Ich habe ja mit Drogen insgesamt eigentlich nichts am Hut, aber die Doppelmoral bei diesem Thema ist schon ein Ärgernis. Und dann kommen halt so Skurrilitäten heraus, dass Tabak bundesweit toleriert wird, man die Steuern nimmt, in Bayern will man trotzdem nicht, und die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung schaltet Anti-Tabak-Anzeigen. Blöder sind da nur noch „Runter von Gas“-Plakate auf Autobahnen ohne Limit.

  5. David, A schreibt:

    Vl hat man sich ja einfach noch kein gscheites Steuernkonzept für Cannabis ausgedacht? Steht bestimmt schon in den Startlöchern und wartet nur auf die nächste Wahl; Slogan: „Schwarz macht high!“ (siehe Wiener Jung-ÖVP [ÖVP=österr. Pendant zu CDU/CSU]-Slogan: „Schwarz macht geil!“)

  6. David, A schreibt:

    Ja, sry ihr Sebastiane/Sebastians.

  7. causa prima schreibt:

    Was mich daran auch stört, ist das dadurch die öffentliche Meinung gebildet wird und man als „Aussätziger“ gesehen wird, sobald man sagt, dass man gerne LSD nehmen würde oder das man ab und zu ein leichtes Opioid konsumiert (Kratom, hab‘ ich im letzten halben Jahr ungefähr 10 mal zu mir genommen). Das sind dann am besten die Leute, die dauernd mit einem „trinken“ wollen. Also saufen. Aber das mache ich ja nicht, was die dann wiederum nicht verstehen können. Geht mal auf Partys und trinkt kein Alkohol, wenn ihr Glück habt gibt es Cola (obwohl das jetzt mit zunehmendem Alter etwas besser zu werden scheint).

    Die Vita von David Nutt und seine Publikation zum Thema Drogenklassifikation sind auch eine sehr interessante Lektüre. Vor allem wenn man auf abgeordnetenwacht von Frau Dykmans bei Erwähnung dieser Publikation zu hören bekommt, dass sie umstritten sei, und das war es dann. Mehr wird dazu nicht erwähnt und es wirkt dann auf den uninformierten so, als wäre das so eine 08/15-Studie von einem, der sowieso nicht weiß wovon er redet und durch seine Provokation nur auffallen will. Das Nutt selbst darin bemerkt, dass die Klassifikation Mängel hat und er sogar sagt, wo die sind und Vorschläge zur Verbesserung liefert, braucht man ja nicht erwähnen. Oder gar Anstrengungen unternehmen so etwas zu ermöglichen und International oder wenigstens National als Bewertungsgrundlage zu nutzen. Nein, so etwas könnte ja der Wahrheit zu zuträglich sein. So wie die von Nutt erwähnte Statistik, dass Reiten gefährlicher ist als Ecstasy, weil bei durchschnittlich jedem 350ten Reitgang etwas passiert, aber nur bei jeder 10 000ten Pille.

    Gerade habe ich noch ein sehr schönes Beispiel aktueller Politik und deren Begründung gefunden: http://www.abgeordnetenwatch.de/mechthild_dyckmans-575-37544–f252476.html#q252476
    Eine wunderschöne Antwort. Und so fundiert. „Es ist Verboten, weil wir es Verboten haben. Und zwar weil wir uns vorstellen können, dass es böse sein kann. Belegen wollen oder können wir das aber nicht. Belegt ihr doch, dass wir falsch liegen!“ In einer ähnlichen Form wird wohl auch die Antwort auf meine E-Mail ausfallen, falls ich denn eine erhalten sollte. „Das tun wir nicht, weil wir es noch nicht gemacht haben. Wir wissen zwar, wie es ist. Aber so schlimm ist es doch nicht. Außerdem tun wir ja auch was, Prävention. Vor allem bei den Kindern und Jugendlichen.“ Und das letzte Argument finde ich dann auch immer am schönsten, da die eigentlich nicht mal Zugang zu Drogen haben sollten. m(

  8. causa prima schreibt:

    Oh, jetzt hab‘ ich zufällig die Antwort gefunden, die ich wohl erhalten werde, da Frau Dykmans eine Freundin von Copy & Paste zu sein scheint: http://www.abgeordnetenwatch.de/mechthild_dyckmans-575-37544–f253605.html#q253605 Genau der Typ Antwort, den ich eben beschrieben habe.

  9. Dennis schreibt:

    An dem Thema habe ich mir schon zu meinen „aktiven“ Tagen den Kopf zermartert.

    Auch lange danach kann ich mir kein wirkliches Szenario über eine legalisierung einbilden.

    Fakt ist: Der Status von Alkohol in diesem Land ist im wahrsten Sinne „zum kotzen“. Werbung gehört verboten und Schulkinder in einem Projekt mal durch einen kulturbelagerten Park gezogen.

    Ach so, Dope sowie leichtes Opioid gehören auf jeden Fall in die Apotheke, natürlich auf Rezept. Gegen chronische Depressionen hilft es allemal. Die normalweise verschriebenen Medikamente sind für gewöhnlich viel zu hart und setzen einen ausser Kraft wie Alkohol.

    In diesem Sinne, Prost…

  10. Pingback: Du hast jetzt ein besseres Leben | social issues and stuff

  11. Martha schreibt:

    Zum Thema Drogenlegalisierung:
    Ich füge Link zu Interview mit Jack Cole (damalige Polizist von New York). Er sagt sehr überzeugend warum Drogen legalisiert sein sollen. Leider auf Englisch – ich Video mit deutschen Untertitel nicht gefunden.

  12. causa prima schreibt:

    Auch David Nutt hat zusammen mit weiteren Experten eine weitere Studie angefertigt, die im Prinzip zu den selben Ergebnissen kommt, wie die letzte, nur etwas „sauberer“ ist, einen Artikel darüber hat z.B. spon: http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,726432,00.html Und wer steht wiederholt am besten da? Ectasy, LSD und Pilze. Alkohol ist sogar noch schlimmer bewertet als beim letzten Mal, wenn ich mich recht entsinne.

    Da ich nach einem Monat noch keine Antwort auf die Mail erhalten habe, habe ich den Text nochmal nach den bemerkten Angriffspunkten überarbeiten und dann bei pastebin hochgeladen und bei abgeordnetenwatch verlinkt. Dort wartet die Anfrage jetzt auf eine Freischaltung. Sobald eine Antwort da ist werde ich mich natürlich wieder melden.

  13. Haarman schreibt:

    Heutzutage am häufigsten verbreitet sei weiterhin Cannabis. Danach kommt Chemie und dann Kokain. Kokain ist der Teuerste. Die neue Extasy wirken erst nach einer Stunde. Mann kann überdose bekommen.

  14. Dennis schreibt:

    Das war vor 15 Jahren auch schon so…

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