Erde, verborgen unter Gras

Als ich vor vielen, vielen Jahren das erste Mal zu Basti nach Hause gekommen bin, sah ich in seinem Zimmer seinen Fernseher stehen und war total beeindruckt von der Größe des Gerätes, war es doch so viel größer als mein eigenes.

Als wir zusammenzogen, kam auch der Riesen-Fernseher mit, der mir inzwischen gar nicht mehr so groß vorkam, kauften doch immer mehr Leute Flachbildschirme mit beträchtlicher Bilddiagonale. Quasie Kinofeeling.
Auch meine Eltern zogen mit, aber wir, wir blieben bei unserem Kasten. Er ist jetzt in etwa 25 Jahre alt, hatte zwischendrin schon mal Grünstich, dann Gelbstich, dann allgemein Bildstürm, dann war plötzlich wieder alles okay. Er hält und hält, sehr schön. Freut mich.

… Aber wenn meine Eltern im Urlaub sind, und Basti und ich Zeit haben, dann geht´s trotzdem zu ihnen nach Hause vor den großen Fernseher, im Gepäck diverse Filme. Mein Bruder titulierte uns gelungen als Filmtouristen.
Man muss schließlich seine Ressourcen kennen und nutzen. Das haben wir auch dieses Mal gemacht:

Letztes Wochenende sind wir in in meinen Geburtsort gefahren, jedoch ohne eigenes Filmmaterial mitzuführen. Stattdessen machten wir das erste Mal seit langer, langer Zeit einen Spaziergang zur Videothek. Wie früher, quasie Zeitreise, oder noch besser, Zeitsprung, als sei es nie anders gewesen, standen wir vor den Regalen und suchten zwei Filme, er einen, ich einen.
Und welch Überraschung, Basti stand gleich wieder da, ich brauchte hundert Jahre, um diese schwerwiegende, weitreichende Entscheidung zu treffen.
Aber irgendwann, irgendwann war ich dann auch mal fertig. Juhuu! Endlich Bildschrim nutzen, naschen, irgendwann schlafen.

Am nächsten Tag: viel Zeit bis hin zum Abend, bis zur zweiten Runde Filme-Schauen.
Basti spielt solange X-Box; wenn schon Bildschirm nutzen, dann richtig.
Ich schau in den Garten und sehe Erde verborgen unter Gras; Erinnerungen an einen Urlaub, in dem meine Oma bei uns zu Besuch war, und wir im Garten gärtnerten. Und plötzlich bekam ich unheimlich lust die Gartensachen aus dem Keller zu holen und so ganz ohne Gartensimulator ganz real Gartenarbeit zu tätigen.

Ich dachte ja nicht, dass so wenig Gras so viel sein kann. In der Mitte angefangen, schuf ich mich zum Beetrand vor und nahm noch Efeu und andere, bös verkeilte Gewächse mit. Nach drei Stunden sah ich hinab auf mein Werk, kam mir echt toll vor und wusste zugleich wieder, warum ich in der 9. Klasse so überrascht war als mir nach einem Jobtest im BIZ für meine Zukunft geraten wurde, doch Floristin zu werden.

Abends dann also nochmal Film, mein Blick schweift ab und an stolz zum Fenster, hinaus auf die dunkle Erde, die nun wieder den Himmel sehen kann.
Eine Woche später betreten wir das Wohnzimmer, dieses Mal mit eigenem Film unterm Arm, da sehe ich wieder die ersten Halme aus der Erde schauen. Da hab ich x Mal alles umgegraben, und doch…
Die Natur ist schneller.

Heute auf einem Spaziergang dann, begegneten wir dem ganzen in groß. Also nicht wirklich, aber in etwa, wenn man viel, viel Fantasie benutzt. Vielleicht noch nicht mal dann, aber egal. Trotzdem passende Einleitung, vielleicht etwas lang.

Wir waren auf jeden Fall endlich mal bei Bastis zukünftiger FH. Auf dem Rückweg sahen wir ein Grundstück, das wohl mal als Parkplatz gebraucht worden war. Doch nun, eingezäunt, unbenutzt, rückt die Natur wieder an, durchbohrt mit Pflanzen den Asphalt. Wie Sträuße in Vasen stehen sie da.

Darüber Bäume auf der Mauer, dazwischen drei Häuser. Die Bäume sind riesig und es ist eine ganz besondere Atmosphäre, so dass ich denke, ich könnte genauso gut nicht mehr in Deutschland sondern in einem anderen Teil der Welt stehen. Leider kommt es auf dem folgenden Bild nicht so heraus, aber vielleicht ein bisschen.

Gegenüber, auf der anderen Straßenseite, lag noch ein viel größeres Grundstück, den Rand zu uns hin bildete eine Mauer. Vermutlich wurde ein Großteil des Gebäudes einst abgerissen, der Rest blieb stehen, so dass die Planzen Teil 2 der Renaturalisierung übernehmen konnten.

Die neue Bücherei, die im Herzen dieses Grundstückes gebaut wird, scheint in diesem Meer zu versinken.

Was das für eine Arbeit sein muss, diesem Urwald im Kleinen wieder Herr zu werden. Streifen meine Gedanken zurück zu dem kleinen Plätzchen Erde, das ich frei legte, so denke ich mit Blick auf die riesigen Büsche und Fast-schon-Bäume vor mir, `ich beneide euch nicht´

Den Pflanzen steht nun bald das Wasser bis zum Halse, ist doch die Bücherei fast schon fertig gestellt. Eigentlich finde ich es Schade um dieses Fleckchen Erde.
Von der U-Bahnhaltestelle, an der unser Spaziergang begann, kann man den Platz überblicken. Früher stieg ich hier manchmal aus und wartete auf die nächste Bahn, um ein wenig die Aussicht genießen zu können. Ich hielt inne und sah hinaus auf eine leblose Ebene, die beim zweiten Hinsehen lebendig wurde.
Nun ist das schon eine Weile her, und heute – gleiches Fenster, anderer Blick – dachte ich mir wie sehr sich ein Ort doch innerhalb weniger Monate verändern kann.

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6 Antworten zu Erde, verborgen unter Gras

  1. vergraemer schreibt:

    „Basti“ hat sicher wieder einen Film ausgesucht, von dem man vorher schon weiß, dass er grottig ist – nur um sich das dann bestätigen zu lassen. Und wenn er ihn sich 10 Mal anguckt und zehnmal feststellt: „Stimmt: Schlecht.“ Manchmal glaube ich, der Mann kennt keine Schmerzen.

  2. Sebastian schreibt:

    District 9 war’s, ein toller Film! Und dann noch Der fremde Sohn von Eastwood, und Eastwood ist Gott. Aber mal sehen, heute abend finde ich sicher wieder etwas „passenderes“.

  3. Steffi schreibt:

    Ja doch, ich muss zugeben, der Film war wirklich gut. Ich dachte nicht, dass er mir gefallen würde.

  4. Mona Mondschein schreibt:

    Na dann wünsche ich mal viel Glück fürs Studium. Mein Freund fängt jetzt auch bald damit an, mit 37 Jährchen zwar etwas spät aber besser als nie.

    Welche Fakultät wirds denn sein? Tschuldigung wenn ich so frech frage, aber mich freut es immerm ehr über die Menschen hinter den Blogs zu erfahren. Bin jahrelang heimlicher Stammlser beim „insubordinanten Denken gewesen“ und dann dadurch hier gelandet. Super Blog, weiter so!

  5. Sebastian schreibt:

    Schon schade, dass die insubordinante Denkerin sich noch höchstens einmal im Jahr bequemt, was schönes zu schreiben.

    Ach ja, es wird Bibliotheks- und Informationsmanagemant an der Hochschule der Medien Stuttgart. Bin ja mit 29 auch ein Spätstarter, aber das ist schon okay so 🙂

  6. Sanja schreibt:

    district 9 ist wirklich ein sehr guter film. und ahja – pflanzen 4 president. gibt hoffnung, dass wenn wir menschen endlich einmal weg sind, sich die erde vielleicht doch erholt

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