Mein Freund und seine Freundin

Die Facebook-Gruppe „Gegen türkische Schulen in Deutschland“ hat nach nicht einmal einem Tag immerhin schon über 70 Mitglieder, und es ist anzunehmen, dass die Geschichte wieder schnell und exponentiell wachsen wird. Wie immer in diesen Fällen ist der erste Satz der Beschreibung „Wir sind nicht rechtsorientiert, und haben auch nichts gegen Migranten die sich hier anpassen, wir wollen bloß unseren Unmut kund tun.“ – ein recht zuverlässiger Indikator dafür, dass die Mitglieder eben das doch sind. Der finster ausschauende Gründer der Gruppe (außerdem Mitglied von: BILD, A.C.A.B., I bet Germany can get 1 million fans before any other European Country usw.) wettert in erwartungsgemäß gebrochenem deutsch gegen alles, was irgendwie mit Türkei, Islam und Schule zu tun hat (und vermischt dabei natürlich die Themen Islamunterricht in deutschen Schulen und die Einführung türkischer Schulen, DAS HÄNGT SCHLIEßLICH ALLES ZUSAMMEN!!). Menschen, die sich dieser Gruppe anschließen, sagen Sätze wie „wir sind nicht rechtsradikal..wir sind nationalstolz!!!!“ (häh?) oder „hej ich finde das ganze hat hier nichts mit rechtsrsikal oder desgleichen zu tun.“ und insgesamt kommt man zu den Schluss, dass man mit diesen Menschen kein Bier trinken möchte.

Ich erfahre von solchen und ähnlichen („Stoppt Tierversuche! Nehmt Kinderschänder !!“) Gruppen, weil sich ihr Freunde anschließen. Oder Bekannte, Klassenkameraden, Verwandte oder die Freundin des Freundes, unter dem Strich aber hauptsächlich Leute, mit denen ich schon ein Bier oder wenigstens einen Kakao getrunken habe. Eine neue Dimension tut sich da auf, man stellt sich selbst in Frage, und warum man so viele Leute kennt, die sich Gedanken verweigern, ich sag’s mal so nett.

Angefangen hat alles mit studi/meinVZ, eine Plattform, die ich intensiv genutzt habe, weil ich hier relativ schnell meine Vergangenheit beisammen hatte. Als mir aber auffiel, dass sich restlos alle damaligen Freundinnen und Flirts in blondierte Sonnenbankopfer verwandelt haben, die in ihr Profil „Lieblingsbuch: keine Zeit zu lesen ^^“ schreiben und sich viele, viele Freunde von damals in ganz anderen Welten bewegen, wurde mir bewusst, dass ich die schönen Erinnerungen an die Vergangenheit nur dann würde bewahren können, wenn ich die Reissleine ziehe und verschwinde. Adios, es war schön, damals, vor 15 Jahren.

Würde man soziale Netzwerke als Spiegel seines selbst betrachten wollen (und bis zu einem gewissen Grad tue ich das), reflektiert Facebook am ehesten meine Gegenwart, da sich hier meine derzeitige „Peer Group“ versammelt, der ich auch im Leben begegne. Und wenn ich nun also feststelle, dass es hier wieder abdriftet, dass ich offenbar Menschen kenne, die Facebook dazu veranlassen, mir Gruppen zu empfehlen, die ich moralisch zutiefst ablehne, was bedeutet das nun, was sagt das über mich aus? Nichts Gutes, möchte ich meinen. Den Schnitt meinvz/Facebook empfand ich seinerzeit als ähnlich einschneidend wie den Lübeck/Stuttgart, da ein völliger Bruch stattfand und das gelegentliche Wiedersehen mit der Vergangenheit stets in Melancholie endete. Aber offensichtlich kann man nicht vor sich selbst wegrennen und wenn ich hundert werde und 20 mal umziehe, bin ich dann tatsächlich eine Art Kristallisationspunkt für Dummheit, die sich um mich versammelt?

Nein, das wäre eine reichlich egozentrische Sichtweise und auch sehr anmaßend. Diese ganzen Netze machen nur offenbar, was schon immer war, der Luxus, die Fehler anderer Menschen zu übersehen fällt mit der Distanz, welche Gelegenheit sollte das denn auch sein, bei der mir die Freundin eines Freundes, den ich nur jedes halbe Jahr sehe, erzählt, dass sie Türken nicht ausstehen kann? Eine völlige Kontrolle über sein Umfeld hat man sowieso nicht und bei den meisten Menschen, die konstant Blödsinn von sich geben (oder nicht einmal das, sondern einfach Sinn, der meinem Verständis von „gut“ entgegensteht) habe ich gute und plausible Ausreden parat, warum ich sie kenne und die Gewissheit, dass das kein dauerhafter Zustand ist.

(Falls das Ende jetzt ein wenig abrupt klingt, richtig, hier war mal noch ein Ansatz, von dem ich aber nicht wusste, wo der noch hinführen sollte, da hatte ich dann keine Lust mehr. Angelika Kallwass spielte darin eine Rolle, die hatte in ihrem Vorspann (ich habe das vor x Jahren regelmäßig gesehen!) ein paar Sätze, die sich in ihrer lebensweisen Schlichtheit auf ewig ins Hirn brannten.)

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13 Antworten zu Mein Freund und seine Freundin

  1. cosmo schreibt:

    Über die Moralfrage hab ich mir schon mehrmals Gedanken gemacht. Auch, bevor ich das erste Mal von einem sozialen Netzwerk gehört habe. Nachdem ich mich mit ein paar Menschen wegen zweifelhaften Verhaltens nicht mehr abgegeben habe, ist mir klar geworden: Wenn ich alle Leute meide, die eine Ansicht vertreten, die ich zutiefst verachte, dann führe ich ein sehr, sehr einsames Leben.

    Ich habe in letzter Zeit sehr schöne Abende verbracht mit CDU-Politikern, „nationalstolzen“ Bundeswehrleuten, Sozialisten, 9/11-Verschwörungstheoretikern, „Leistungsträgern“, „Klimakritikern“ und mehr.
    Und selbst in meiner nahen Verwandtschaft werden manchmal Meinungen geäußert, die ich schwer unethisch finde.

    Man kann noch immer über die Dinge sprechen, in denen die Ansichten nicht ganz so absurd auseinanderklaffen – und davon noch lernen.

    Und sogar über das ganz abgedrehte Zeug kann man – wenn man darauf achtet, dass niemand verletztend wird – diskutieren. Manchmal stelle ich fest, dass auch die kontroverseren Meinungen nicht einfach nur aus dem Fernsehen übernommen sind, sondern auf differenzierter (wenn auch wenig geglückter) Meinungsbildung beruhen.
    Selten kann man sogar aus dem „Blödsinn“ noch etwas lernen. Oder ein bisschen Bildung und Reflexion beisteuern.

    Schließlich: Vielleicht vertreten auch ich und du ein paar Standpunkte, die total bescheuert sind und haben es noch nicht gemerkt, weil uns etwas Entscheidendes zu der Erkenntnis fehlt?

    Wenn Forrest Gump Recht hat („Stupid is who stupid does“), könnte man sich sogar sehr gut ausschließlich mit Idioten umgeben, ohne dass das schlecht wäre – solange man selbst nichts Dummes tut.

  2. Sebastian schreibt:

    Ich habe das gegen Ende ja auch nochmal ein wenig relativiert, die Möglichkeit, selbst im Unrecht zu sein, besteht natürlich – theoretisch 😉

    Man kann mit 9/11-Spinnern schöne Abende verbringen. Bei einem Freund habe ich festgestellt, dass sich diese Denke dann aber auch im Alltag festsetzte und er irgendwann nur noch Verschwörungen sah. Von dem höre ich nichts mehr, im Netz macht er nur noch mit Linktipps auf VT-Seiten auf sich aufmerksam (aktuell Chemtrails). Eigentlich ein ganz anderes Thema, aber diese VT-Denke kommt ja nicht von ungefähr und schwebt auch nicht unabhängig von allem anderen in der Luft. Ich schaffe das jedenfalls nie, mit diesen Leuten normal zu reden. Aber wie gesagt, liegt vielleicht ja auch an meiner Intoleranz.

    Klimaskeptiker haben in der Gesellschaft ein ganz gutes Standing, und weil die Materie ja reichlich komplex ist und die Leugnung nicht schon auf den ersten Blick völlig wirr, ist das recht verbreitet. Das beschränkt sich in der Regel aber auf „da wird viel übertrieben“ und dahinter vermutet man als Skeptiker ja meist nur Unwissen und nicht gleich die große Weltverschwörung, da sehe ich nicht die ganz große Ignoranz.

    Jetzt mal völlig abgesehen davon, dass ich mich ganz persönlich zuweilen schwer mit Gesellschaft tue. Die schönen Abende scheitern schon deswegen oft genug an mir ^^ Heute abend bin ich auf einen Geburtstag eingeladen, auf dem sich neben 4 Atheisten (einer davon ich), ca. 35 erzgläubige junge Christen einer evangelischen Freikirche befinden werden. Dass sind, soweit ich sie kenne, durch die Bank nette Menschen mit denen ich viel Spaß habe, und sehe ich sie alleine, kann ich mit ihnen auch wunderbar über Gott und Religion reden. Aber ich hoffe inständigst, dass das Thema heute außen vor bleibt 🙂

  3. Muriel schreibt:

    Ich lebe zu unreflektiert. Oder habe zu wenig Freunde. Vielleicht beides…

  4. S schreibt:

    Mit wie vielen Menschen würde ich im „täglichen, nicht-virtuellen“ Leben zu 100% d’accord gehen in Sachen Moral, Ethik und Meinung?

    Wahrscheinlich mit niemandem, nicht mal mit meiner eigenen Mutter, die ja die Todesstrafe sehr gut findet für Kinderschänder.

    Ich will damit sagen: oh man, ist das schwierig. Und wie bei meiner Mutter habe ich es schon lange, lange aufgegeben, mich irgendwie an den Standpunkten meiner „peer group“ zu vergleichen (klar, die eigene Mutter kann man sich nicht aussuchen, die Freunde schon; das war ja auch das ganze Dilemma in „der Vorleser“, das weiß ich– trotzdem), weil es mich nur noch in den Wahnsinn treiben würde.

    Und dann explodieren solche Gruppen ja doch wieder nur bei denen, mit denen man irgendwie „klar kommt“ – best friends war man eh noch nie. Jetzt kann man sich natürlich die Frage stellen, wieso man Leute hinzufügt, die man nur „flüchtig“ kennt, finde ich ja auch immer ganz interessant. Ich tu’s ja weil ich mir das Generve von wegen „wieso hast du mich nicht geaddet“ antun möchte, außerdem gibt’s Listen. So kann ich meine Eltern auch bei Facebook hinzufügen, selbst wenn’s dabei nur die zensierte Version ist…

    Ok, der letzte Absatz war irgendwie Offtopic. Sorry dafür.

  5. cosmo schreibt:

    Wow. Das hier ist ein Tummelplatz von Antisozialen Menschenhassern, was?

    Count me in!

  6. Sebastian schreibt:

    Nee, das ist nicht offtopic, das ist ja genau das, was ich meine, genau das. Es ist eben nicht der gute Freund, der in diese Gruppe geht, sondern dessen Freundin, und man wäre vorher nie darauf gekommen zu überlegen, was die eigentlich wählt. Und man hat nie drüber nachgedacht, warum man sich das nie überlegt hat, vielleicht weil man wusste, wohin das führen würde.

    Aber diese Entscheidung wird einem jetzt abgenommen, auf einmal sieht man, mit wem man eigentlich so Kontakt hat. Jetzt wird dieser Kontakt ohne eigene Wunsch eine Stufe intensiver und intimer. Und ich weiss nicht so recht, wie ich damit umgehen soll.

    „Das sind Dinge, von denen ich garnichts wissen will.“

  7. Sebastian schreibt:

    Auf einmal weiss man über die zweite Ecke genauso viel wie über die erste. Aber vielleicht war es aus gutem Grund die zweite Ecke. Achachach.

  8. Muriel schreibt:

    Ich finde ja immer, man kann gar nicht genug wissen.
    Obwohl ich andererseits auch finde, dass es schon auch Sachen gibt, die man nicht wissen muss…
    Aber wenn jemand, mit dem man Umgang hat, halt ein schlechter Mensch ist, ist es doch schon schöner, das möglichst bald zu erfahren. Meistens. Also, mir wäre das lieber.
    Woran man es dann fest macht, ob man jemanden gut oder schlecht findet, ist wieder eine andere Frage. Die hat man ja immer.

  9. Amenogold schreibt:

    Sobald eine Äußerung im Internet auftaucht ist sie sozusagen in Beton gegossen und deshalb wird oft angenommen, dass sie auch für den Verursacher für immer gilt. Gesprochener Unsinn kann sich dagegen leichter verflüchtigen.
    Ich beurteile die Menschen lieber danach, ob sie bereit sind etwas dazuzulernen. Solange ich glaube, dass sie dazu bereit sind kann ich sie schätzen, auch wenn ich nicht ihrer Meinung bin.

  10. Sebastian schreibt:

    Guter Punkt, lass ich gelten 🙂
    Und es erinnert mich daran, dass ich hier schon längst mal aufräumen wollte.

  11. goron schreibt:

    gefällt mir

  12. sanja schreibt:

    wenn man die richtigen fragen stellt, kommt man ziemlich schnell drauf wie primitiv selbst die gebildetsten unter uns sind. und den hetz gegen die türkischen schulen verstehe ich nicht. die kinder können kein deutsch, weil sie nicht mal türkisch richtig können. wie sollen sie deutsch lernen wenn sie ihre eigene muttersprache nicht ordentlich können? und mal davon abgesehen – die finanzierung. was viele leute „vergessen“, dass ein teil der dt. millionäre türkischen migrationshintergrund haben. nicht nur die, sondern auch die ganzen kulturvereine etc. haben ein großes interesse an türkisch-deutschen schulen. eine parallel-gesellschaft kann zwar so auch entstehen – aber existiert sie nicht ohnehin schon? und wird sie nicht durch das aktuelle schulungssystem gerade noch begünstigt?

  13. TheGurkenkaiser schreibt:

    tja da addest du jemand auf facebook, den du aus twitter kennst und mit dem du da über irgendwelchen quatsch gesprochen hast und auf einmal hast du links zu pi-news in der facebook-timeline. w t f!?

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