Der ganze halbe Liter

„Das Handwerk“ hat eine Imagekampagne gestartet, mit vielen Plakaten und dem Spruch „Am Anfang war Himmel und Erde. Den Rest haben wir gemacht – Ihr Handwerk“. Nicht, dass die Menschen irgendwann auf die Idee kämen, kein Handwerk mehr zu benötigen. Lieber mit Werbung gegensteuern. Ich habe schon überlegt, heute mal den Klempner anzurufen. Den stelle ich mir dann in die Dusche, wo es seine Aufgabe sein wird, das Wasser schön warm zu halten, 24 Stunden lang. Es ist ja immer furchtbar nervig, wenn der erste Strahl morgens eiskalt ist, man muss dann so lange vor der Dusche stehen und eine Hand in den Strahl halten, bis es warm wird. Das ist ein sehr entwürdigendes Schauspiel, man ist dabei nackt und auch ein wenig gebückt. Und dann ist das Wasser endlich schön warm, dann geht es rein ins schützende Nass. Und jetzt stelle man sich vor, man rennt ins Bad, ja, rennt, weil man ja schon nackt ist, das Bad ist zu klein, um sich dort auszuziehen, gerade, wenn dort schon ein Handwerker wartet, nämlich der Klempner, und eben jener Klempner wartet dort schon und hält einem eine leicht sprudelnde Brause hin, natürlich nicht Fanta oder Comet, sondern die Duschbrause, und da braust es warm heraus, so dass man sie nur noch entgegennehmen muss und den Klempner rausschicken (Trinkgeld!). Das wäre eine tolle Unterstützung für das Handwerk, ach was, Deutschland.

Nachvollziehbar fand ich die Imagekampagne für „Die Milch“, Milch mag man eben oder nicht, mit ein bisschen Werbung lässt sich da noch was drehen. In den USA gab/gibt es ja diese „Got Milk?“-Kampagne, in der sich Promis mit Milchbärten ablichten ließen, was sicher aus irgendeiner Ecke wieder Hundsärger gab, irgendwas war doch da mit Britney Spears, meine ich. Ich habe auch noch irgendwo ein „Spaßbild“ mit Hitler rumliegen, das ist von 2002 oder was weiss ich. Hier in Deutschland hatten wir „Die Milch macht’s“, die gute Milch vom Bauern wurde beworben, aber was ist das denn für Milch, die wir hier haben? Beschnittene Milch! Weil: da ist keine Haut mehr drauf! Das hat man garnicht so mitgekriegt, weil das ja auch schön so ist, aber normal ist das nicht. Und die normale Milch hält auch keine 3 Tage mehr, sondern 3 Wochen. Wer lässt denn 3 Wochen Milch bei sich stehen? Got Milk? Na klar, hier, 3 Wochen alte Frischmilch!

Und was war das mit der „Chemie“? Auch „Chemie“ hat sein Image in teuren Anzeigen aufpoliert. Was ja viele Kinder, gerade die, die keine richtige Milch mehr kennen, heute garnicht mehr wissen, ist, dass „Chemie“ überall ist. Da kommen dann Sätze wie „Nä, das kaufe ich nicht, das ist Chemie“ im Gegensatz zu zum Beispiel Natur. Da musste „Chemie“ eben handeln und hat allen klargemacht, dass alles „Chemie“ ist. Ihre Degussa. Aber es könnte ihr doch im Grunde egal sein, was die Menschen denken, der Chemie, aber sie tut es trotzdem.

„Handwerk“, „Milch“, „Chemie“ und wie sie alle heissen machen alle Imagekampagnen und am Ende kommt immer raus, dass da halt noch Verbandsmitgliedsbeiträge sind, die irgendwie gerechtfertigt verbraten werden müssen, einen Sinn hat das alles nicht und die Verbandsmitglieder wollen das meistens auch nicht und dürfen aus irgendwelchen Gründen aber auch nicht einfach raus da, das müsst ihr euch zusammengoogeln, stimmt echt. Wie die Zünfte damals und Gilden.

Wie komme ich jetzt dahin, was ich sonst noch sagen wollte? Ich habe hier schon des öfteren den Humoristen Heino Jaeger empfohlen, dessen Werk ich sehr schätze, da hier nicht Klischeepersonen oder Berufe oder Promis persifliert wurden, sondern Nischen wie Wanderratgeber oder Museenleiter, die stundenlang mit ihrer Stadtgeschichte nerven, wie ich es ja auch immer wieder tue. Und da habe ich neues Futter bekommen zum Geburtstag, eine Chronik des Lübecker Stadtteils Kücknitz, die von der Stein- bis zur Industrieendzeit in den 80er Jahren reicht. Folgende Passage hätte Herrn Jäger sicher gefallen:

Von den Hügelgräbern ist eine stattliche Anzahl erhalten. Sie sind der Restbestand von ehemals sehr ausgedehnten Gräberfeldern und finden sich inden Forstorten Kücknitzer Buschkoppeln, Donnersrehmen, Stübk, Kleiner Stüft, auf dem Herrenberg westlich des Hünengrabs, dem Rugenberg westlich des Forstes Waldhusen und dem Pöppendorfer Hals, dessen Areal früher zum Forstort Großer Stüft gehörte und um 1850 zu Pöppendorf geschlagen wurde.

Auf Seite 82 der Chronik sieht man unser altes Haus und davor den Puppenwagen meiner kleinen Schwester, zwischen dem Wasserbombenautomaten und der Kneipe (es war recht schön dort). Und daneben war der Friseur und dessen Tochter hatte am gleichen Tag Geburtstag wie ich, da schließt sich der Kreis wieder zu meinem Geschenk. Ist doch was.

Das hatte jetzt alles keinen bestimmten Grund.

(Direktlink)

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10 Antworten zu Der ganze halbe Liter

  1. Muriel schreibt:

    Handwerk, ja klar…
    Ich habe mich damals immer gefragt, wie ich auf die „400 Jahre ab heute“-Kampagne der deutschen Steinkohle reagieren sollte. Man kann mit dem Zeug als Normalverbraucher ja doch eher wenig anfangen.

  2. didispandau schreibt:

    Ich schließe mich deiner Begeisterung für Heino Jaeger an. Loriot hatte recht: Wir hatten ihn wohl nicht verdient.

  3. Simon schreibt:

    Wenn der Pöppendorfer Hals erst um 1850 zu Pöppendorf geschlagen wurde, hieß das Areal also vorher Großer Stüft Hals?
    Das sind die Fragen, die mich nachts nicht schlafen lassen!

  4. Sebastian schreibt:

    Darüber schweigt sich das Buch leider aus. Wie ja jeder weiss, gab es ja noch den Pöppendorfer Ringwall, auf dem wir nicht spielen durften wegen Denkmalschutz. Was aber immer eine große Freude war, war das Großsteingrab, unser „Stonehenge“, nur hatten wir da immer Schiss, dass da noch Skelette unten liegen.

    Hügelgräber… talking ‚bout Brokeback Mountain.

  5. MuGo schreibt:

    „Das hatte jetzt alles keinen bestimmten Grund.“

    Dieser Satz hat den Text gerettet – nach „…das müsst ihr euch zusammengoogeln, stimmt echt. Wie die Zünfte damals und Gilden.“ dachte ich schon, du willst jetzt Persiflagen auf zwölfjährige Blogger schreiben…

  6. Sebastian schreibt:

    Aba wArum???

  7. MuGo schreibt:

    Weil das ja wohl mal klar ist, du Gorbitz-Atze!

    P.S: Bei Gorbitz-Atze handelt es sich um mein neues Lieblingsschimpfwort für die „Unterprivilegierte[n] aus den Ghettos“. Gelernt habe ich es von einer bezaubernden ca. 14jährigen Emo während einer Straßenbahnfahrt.

  8. Sebastian schreibt:

    Da unterstelle ich, dass da kein intellektueller Zugang…

  9. MuGo schreibt:

    Möglich…

  10. henteaser schreibt:

    Immer wieder gern gesehen sind auch Plakatwände mit gepushten Brüsten, zwischen denen in kleiner Schriftart „Reklame wirkt“ oder sowas geschrieben steht. Da würde ich mich als Unternehmer schon fragen, ob ich wirklich Menschen zur Zielgruppe haben will, die sich von solchen Kampagnen beeinflussen lassen.

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