2012

Es sterben knapp 6 Milliarden Menschen in diesem Film (Spoiler, ups), aber es gab nur eine einzige Szene, in der mich das wirklich gejuckt hat, und es war kurioserweise eine, die wahrscheinlich sonst fast keinem aufgefallen ist.
Während John Jackson Curtis Cusack mit seiner Familie aus LA flieht, weil dieses bei Capri im Meer versinkt (durch die im Film erklärte „Erdkrustenverschiebung“ ist das möglich (mmmh, Kruste)), passiert links und rechts allerhand. Züge fliegen durch die Gegend, zwei Omas fahren mit Schrittgeschwindigkeit gegen eine Wand, was, wie uns Egon Hoegen immer und immer wieder eingebläut hat, durchaus gefährlich sein kann, und irgendwo rollt auch ein Donut über die Straße. Und mitten auf einer Highwaybrücke, die gerade in sich zusammenfällt, steht ein einsamer Polizeiwagen mit angeschalteter Sirene und stürzt ins Elend. Ich fand das ein bemerkenswertes Detail in dem ansonsten nicht immer übersichtlichen Wust und es hat meine Gedanken in die Richtung dieses Einzelschicksals geführt, hier habe ich mir wirklich Sorgen um speziell diesen Polizisten gemacht. Hinzu kam, dass der Polizeiwagen symbolisch für die Hilflosigkeit steht, mit der die Staatsgewaltschaft konfrontiert ist. Wahrscheinlich verlassen sich in diesem Augenblick sämtliche Menschen um ihn herum auf ihn, und er kann nicht mehr tun als die Sirene anzuschalten um zu signalisieren, dass hier etwas nicht stimmt (im Vorfeld lief übrigens ein interessanter Trailer zum Film Sherlock Holmes) und dann zu sterben.

Ein Gefühl, dass Danny „ich bin zu alt für diesen Scheiss“ Glover als Präsident nicht vermitteln konnte, denn die oberste Riege hat in einem Wahnsinnskraftakt sofort gehandelt und zusammen mit allen anderen Nationen Riesenarchen gebaut, auf die sich nun die intellektuelle und moralische Elite der Welt jeder, der es sich leisten kann, retten sollte. Die deutsche Bundeskanzlerin, gespielt von einer Art Veronica Ferres, hat übrigens relativ viel Sprechanteil, sie vertritt im Großen und Ganzen den Rest der Welt, na, wenn das nichts ist.

Und damit ist die Handlung soweit schon abgekaspert, alles geht den Bach runter und die Protagonisten der verschiedenen Handlungsstränge müssen zusehen, dass sie Land gewinnen (oh, the pain).

Es gibt im Film einen verrückten Radio-DJ gespielt von…. Woody? Woody Harrelson?, und der das ganze natürlich längst hat kommen sehen, dann aber nicht viel besseres zu tun hat, als sich neben einen Vulkan zu stellen und das Ende zu feiern. Überhaupt ist die Cast-Auswahl in Emmerichfilmen ja immer sehr interessant, mit der dann die ja immer gleichen Rollenschablonen gefüllt werden. Der Bleistiftbeisser aus Stargate, der dann in Independence Day vom verrückten Professor abgelöst wurde ist eben dieses mal der zottelige Radiomann, Dennis Quaid ist hier John Cusack und die Aliens, die davor Aliens waren und danach das Klima, ist hier die Sonne (häh?), halt wieder irgend so ein unwichtiger Storyaspekt, der einen Vorwand liefert, die Welt in möglichst schönen Bildern zu Bruch gehen zu lassen.

Und das kann Emmerich ja nun einmal am besten. Die Kamera ist immer feste druff, das heisst, sie wackelt nicht wie blöd rum, die Effekte sind zahlreich und gut und das Weisse Haus muss wie immer dran glauben. Man darf sich aber schon fragen, wie ein auf das Weisse Haus krachender Flugzeugträger getoppt werden soll.
Immerhin: so wird die Handlung des Präsidenten abgeschlossen. Erst neulich bei Transformers fiel mir auf, wie nervig es ist, wenn Charaktere eingeführt werden, von denen man irgendwann einfach nichts mehr hört. Hatte Shia LaBoeuf (ohne Gewähr) nicht anfangs noch einen besten Freund? Was ist denn nun mit der kleinen Blonden und ihrem Hackerfreund? usw. aber der Emmerich macht sowas nicht, nein, der Emmerich nicht: entweder liebgewonnene Menschen sterben oder sie schauen am Ende des Films frohen Mutes gen Horizont.

Das mit dem Abservieren klappt aber dann natürlich auch nicht immer perfekt, wer sich für das Einzelschicksal einzelner Nebencharaktere interessiert, sei hiermit vorgewarnt, ich erzähle in wenigen Buchstaben, wie eine Figur, Achtung, ab jetzt: nämlich der neue Freund der Ex-Frau von John Cusack, nämlich Amanda Peet (die doch erst in diesem anderen Film zusammenkamen, mit diesem Killer da, keine Ahnung, wie der hieß), also wie der neue Freund stirbt, er wird nämlich von einem Zahnrad zerdrückt. Ja, da geht die Welt unter und die ganze Welt (bis auf Russland Afrika) versinkt, und dann stirbt da einer, weil er in der Arche, also eigentlich schon gerettet, ausrutscht. Ärgerlich. Überhaupt war die ganze letzte halbe Stunde eher redundant, in der man, quasi als Bonuslevel, noch einmal Riesenzahnräder, Luftschächte und flutende Kammern eingebaut hat, Half Life meets Bioshock.

Pluspunkte gibt es dafür, dass die beiden Kinder, die man da jetzt mit durchschleppt, nicht weiter nerven. Der Junge hält gänzlich die Klappe und das Mädchen schreit nicht ganz so arg wie das Gör in Krieg der Welten (ist allerdings auch nicht so angenehm ruhig wie die Taubstumme in Terminator 4). Kinder in Actionfilmen sind ein durchaus wichtiges und nicht zu unterschätzendes Kriterium, in der Regel versauen sie einem den ganzen Film, einen Mehrwert bieten sie nur höchst selten (Ausnahme z. B. die Alice im Wunderland-Allegorie Running Scared).

Das Realismus-Argument zieht bei dieser Art Film natürlich nicht, weswegen ich auch nur ganz am Ende einmal darauf hinweisen möchte, dass ich zwar sehr gut mit den mutierten Neutrinos und der Erde als Mikrowellenherd klarkomme, mich aber der Konstruktionsfehler der Arche, dass sie ohne geschlossene Heckklappe nicht anfahren könnte, massiv gestört hat. Die Tatsache, dass sie es überhaupt geschafft haben, in 3 Jahren ein paar dieser Riesendinger zu bauen, wurde mit der Eklärung „das können nur die Chinesen“ seitens der Drehbuchautoren ausreichend erklärt, sie haben damit kurz gewunken und gesagt „wir sind uns bewusst, dass das albern ist, und sagen das an dieser Stelle noch einmal“. Aber das mit der Heckklappe wirkte dann doch arg einfallslos, um noch einmal ein paar Minuten „Spannung“ zu erzeugen.

Abschließen möchte ich mit einem Zitat von Mark Twain, eine fiktive Person, die immer dann genannt wird, wenn man den ursprünglichen Verfasser nicht kennt: So throw off the bowlines. Sail away from the safe harbor. Catch the trade winds in your sails. Explore. Dream. Discover.

Wertung: 1/1 Welt (denn wir haben nur eine, und die ist von unseren Kindern geliehen!)

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9 Antworten zu 2012

  1. Frank schreibt:

    1. Sehr abgefahren, dass wir den Film ja quasi parallel geguckt haben.
    2. Die Szenen am Ende erinnerten mich ganz besonders an Titanic und dieses ganze Brimborium find ich, genauso wie du, musste echt nicht sein. Lieber hätte ich mir etwas mehr über die Reibereien und sozialen Konflikte in den Monaten nach der Überflutung gewünscht, die Arche war ja immerhin total überfüllt, die haben ja sicher nicht alle in die ach so weitläufige Koje des Wissenschaftler-Heros gepasst, da war bestimmt auch Verteilungskrieg und so. Da könnte man aber auch noch einen Film draus machen. Oder sogar ne Serie (Battlestar Galactica).
    3. Ich fand besonders unrealistisch, dass immer wenn irgendwas feurig ins Wasser platschte (-> Vulkanszene glaub ich), es gar keinen Wasserdampf gab.
    4. Der elfte September hatte doch was Gutes: Filmemacher wissen jetzt, wie so ein Neubau beim Einsturz ganz besonders realistisch klingen tut, nämlich dieses hallende und arschlaute Knarzen. Danke, bin Laden!
    5. Das Trauma der Vernichtung von X-Milliarden Leben hätte der Film echt besser rüberbringen können. Die Drehbuchschreiber denken sich ja vermutlich, die zeigen ein paar öffentlich flennende und betende Leute und damit hat sich’s. Falsch, in echt gäb’s mindestens Straßenschlachten und Anarchie Anomie.
    6. John Cusack sah erheblich gesünder aus als in diesem albernen Film „Zimmer 1408“. Aber schon wieder spielt er einen abgehalfterten Schriftsteller. Na egal.
    7. Kritik ist Wurst. Der Film war super! Bummsfaktor 10 und darauf kommts ja an.

  2. Sebastian schreibt:

    Immerhin habe ich volle Punktzahl vergeben! Ich fand den auch wirklich gut.
    An der Massenszene auf dem Alexanderplatz fand meine Freundin interessant, dass die Menschen da in der Erwartung sind, in Frieden zu gehen, weil sie da ja alle mit ihren Kerzen und in Einklang rumstehen, aber 10 Sekunden vor ihrem Tod doch noch in völlige Panik ausbrechen. Das ist schon so eine interessante Kiste, man findet seinen Frieden, aber wenn’s so weit ist, geht einem doch die Muffe.

    Was eine eventuelle Serie angeht, gibt es da tatsächlich schon Konkretes. Wäre sicher hochinteressant, vielleicht sieht man dann ja die Besiedlungsgeschichte, die man sich nach BSG herbeiphantasiert hat.

  3. S schreibt:

    Haha, ein großartiges Resumé, jetzt wünschte ich mir doch, ich hätte mir mein eigenes gespart…

  4. S schreibt:

    Ohhh nein du bist halt ma genau an dem Abend auf einer Bloglesung, HIER IN BERLIN, wenn ich im Urlaub bin (bzw gerade aus dem Urlaub zurückkomme und wahrscheinlich erstmal im Koma liege). Na toll!! :/

  5. Sebastian schreibt:

    Dein Ding war doch auch sehr unterhaltsam.

    Und was die Lesung angeht, anders als im Koma ist der Abend sicher nicht zu ertragen, ich werde mir jedenfalls schon während der Zugfahrt die Kante geben, sonst würde ich das garnicht hinkriegen da mitzumachen.

  6. juf schreibt:

    Die Lesung wird im Vergleich zu den Filmen, die Du guckst, eine kulturelle Offenbarung. Trotz Deines Mitwirkens. Gibst Du Dir vor Deinen Kinobesuchen auch die Kante?

  7. Sebastian schreibt:

    Nein, also um das hier noch einmal klarzustellen, der Abend wird ohne Witz ein sehr guter, auf den ich mich wie Bolle freue. Wege, um mit meiner Nervosität umzugehen, muss ich erst noch finden, der Alkohol kommt erst hinterher.
    Im Kino gibt es nur Cola Light, die ich mir von einer Flasche schluckweise in den Becher fülle, um diesen dann mit dem Strohhalm laut auszuschlürfen.

  8. juf schreibt:

    Aber warum guckst Du Dir 2012 an. Kann man die Kritik nicht schon vorher schreiben?

  9. Sebastian schreibt:

    Mein Kinobesuch war im Grunde eine Kunstinstallation. Als Kontrastpunkt habe ich einen Eric Rohmer-Marathon am Vorabend angelegt, den keiner mitbekommen hat, um so auf die Fixierung der Öffentlichkeit auf die leichte Unterhaltung hinzuweisen, die, dargestellt durch mich im freien Raum, offenbar wird, während die Beschäftigung mit hoher Kunst im Verborgenen stattfindet, wieder dargestellt durch mich, der alleine zu Hause sitzt und sich diese Filme anschaut.

    Und die Kritik habe ich vorher geschrieben, ich bin halt gut.

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