Ein Tag vor der Wahl

Spiegel: Herr Steinmeier, es sieht nicht gut aus…
Steinmeier: Sehen Sie, wo kommen wir her? Wo gehen wir hin? Das sind die Fragen, die ich in persönlichen Begegnungen immer wieder gestellt bekomme. Ich kenne da eine Hartz IV-Emfpängerin, die fragt sich das auch jeden morgen: schaffe ich das heute? Werden meine Kinder ausgelacht? Trotzdem geht sie jeden Abend ins Bett, mit der Gewissheit, morgen wieder aufzustehen. Daraus ziehe ich meine Kraft.
Spiegel: Sie sehen uns überrascht.
Steinmeier: Tue ich doch garnicht. Das ist nur so eine Interviewfloskel von Ihnen, die Sie immer und immer wieder hervorkramen, in Wirklichkeit sitzen wir doch hier in meinem Büro und sie trinken meine Minibar leer.
Spiegel: Trotzdem: Bundeskanzlerin Merkel hat jüngsten Umfragen bestätigt bekommen, dass es für eine Koalition mit der FDP locker reicht.
Steinmeier: Das sehe ich nicht so. Egal, wo ich in diesen Tagen bin, bei einer SPD-Veranstaltung in Hamburg, einer SPD-Veranstaltung in München, überall das gleiche Bild: SPD-Fahnen, Steinmeier-Rufe, dolle Musik. Das schaffen wir. Alles andere ist Bannichmacherei.

Es klopft an die Tür. Herein kommt Michelle Schumann. Die blutjunge Partnerin des SPD-Vorsitzenden Franz Müntefering sucht ihr Bauchnabelpiercing und glaubt, es zuletzt hier gesehen zu haben.

Spiegel: Frau Schumann, wo Sie schon einmal gerade da sind, was sagt denn ihr langlebiger Partner zu den geringen Chancen eines Wahlsieges?
Schumann: Neulich erst saßen wir mit Veronica Ferres und Herbert Grönemeyer bei einer Podiumsdiskussion zum Thema „Deutschland, wo stehst Du“, da hat er einen wundervollen Satz gesagt: „Deutschland kann zupacken.“ Ich verstand erst zuparken, das habe ich dann auch gesagt und als wir mit Lachen fertig waren und dieses etwas gequälte Schweigen nach dem Lachen, man kennt das ja, wenn der letzte dann noch diesen etwas peinlichen Seufzer hinterherstößt, einsetzte, wussten wir alle: egal, wie es kommt, es geht auch weiter.
Spiegel: Und wie erfahren Sie es im persönlichen Gespräch?
Schumann: Wir sehen uns leider viel zu selten. Es wird oft spät, und abends, wenn wir ein wenig Zeit für uns haben, sagt er schon oft: „Es wird eng.“ Aber meist flutscht es dann ja doch und deswegen sind wir optimistisch.
Spiegel: Verstehen wir sie richtig, dass…
Hans-Olaf Henkel: Einspruch, Euer Ehren!
Spiegel: Mein Gott, Herr Henkel, wer hat Sie denn nun ausgegraben? Und lassen Sie diesen Einspruch weg, das kann doch keiner mehr hören.
Henkel: Was ich sagen möchte ist, dass wir in dynamischen Zeiten leben, Globalisierung, da muss man flexibel auf Interviews reagieren und darum bin ich hier. Flexibilisierung! Binnenmarkt! Konjunktur…usw.

Frau Schumann ist längst wieder weg und die Simpsons sind fast rum, als uns einfällt, dass wir ja bei Herrn Steinmeier zu Gast sind.

Spiegel: Thema Aussenpolitik: Würden Sie sagen, dass es in Afghanisten rund läuft?
Steinmeier: Wir haben in dieser Koalition viel erreicht, auch in Afghanistan und insbesondere mit unseren amerikanischen Freunden. Das soll man nicht kleinreden. Ich ganz persönlich kenne ein afghanisches Mädchen, dass erstmals in die Schule gehen kann, schon, weil sie erst 6 ist. Aber auch sonst. Und es ist einfach ein Erfolgserlebnis, wenn man sieht, dass sie jeden morgen von Soldaten abgeholt wird (er nimmt einen Schluck Wasser), die sie im Dingo in die Schule bringen. Das ist auch jedesmal ein Riesenspaß für die Kleinen und sie bekommen immer ganz große Augen und krähen vor Vergnügen, wenn es mit 100 Sachen durch die Stadt geht. Die Einsatzgegner der Linken sollten sich das ruhig einmal bildlich vorstellen. Alles andere ist Plackenplöckerei.
Spiegel: Ihr Kollege, der Verteidigungsminister Jung, geriet jüngst in die Kritik, weil er als Dienstherr den Oberst Klein verteidigt hat, der einen Tanklastwagen in die Luft hat sprengen lassen, puh, diese deutsche Sprache.
Steinmeier: Ich muss ihn entschieden in Schutz nehmen! Aber ich kann nicht.
Spiegel: Verstehen wir sie richtig? Der Holocaust hat nie stattgefunden?
Steinmeier: Es ist doch so: Entweder Schulen und dafür auch riskieren, dass… moment, was war die Frage?
Spiegel: Entschuldigen Sie, das war eine Vorlage für das Gespräch mit diesem Iraner, wir müssen nachher noch rüber. Haben Sie noch ein Pils?
Hans-Olaf Henkel: Es ist übrigens eine Schande, dass sich die Regierung nach wie vor weigert, mit der iranischen Regierung Geschäfte zu machen. Die haben wunderschöne Teppiche, Ölmalereien, und Ölteppiche. Die haben die Manpower, wir das Know-How. Volkswirtschaftlicher Schaden, Diplomatie usw.
Steinmeier: Ja.
Spiegel: Bitte?
Steinmeier: Im Schrank, da steht noch ein Pils. Sehen Sie, ich habe lange mit meiner Frau geredet, mit den Menschen draussen, auch ich selbst habe nachgedacht: Deutschland muss wachsen! Nicht im räumlichen Sinne, um Gottes Willen, aber sozial. Ich und meine SPD, wir plädieren für ein Soziales Wachstum.
Spiegel: Das ist doch jetzt wieder nur so ein Füllwort. Lassen Sie uns raten: Scholz & Friends?
Steinmeier: Wie gesagt habe ich mit verschiedenen Menschen gesprochen, darunter war selbstverständlich die Kreativbranche. Wir haben hier übrigens Hunderttausende neue Jobs versprochen, fragen Sie mich doch einmal wie!
Spiegel: Ja gut: Wie?
Steinmeier: Geht doch! Sie sind neu, oder? Also: Nehmen wir an, die Binnennachfrage nach Autos sackt nächstes Jahr so zusammen, wie wir es intern ausgerechnet haben… moment, das muss nachher wieder aus. Nehmen wir also hypothetisch an, der Automarkt entwickelt sich nicht so positiv, wie es die allgemeine Wirtschaftslage erwarten lässt. Dann würden uns die Ideen ausgehen. Es entsteht also eine große Nachfrage nach Ideen. Überall, wo eine Nachfrage besteht, entsteht als Folge ein Angebot. Da ist dann die Kreativbranche gefragt. Jetzt nehmen Sie mal den gesamten Regierungsapparat, der ideenlos vor sich hinwummert, und rechnen Sie das einmal hoch auf die Industrie. Da kommt ganz schön was zusammen.
Spiegel: Mit Verlaub, das klingt sehr gewagt.
Steinmeier: Sie betreiben Piepenkötterei! Wir als SPD flankieren das natürlich mit vielerlei Sekundäraktionen. Wenn in Schleswig-Holstein die SPD die Regierung stellt, haben wir Zusatzkräfte im Norden, die unterstützend einwirken und im Osten haben wir noch Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg. Wir sind auch in Bayern nicht chancenlos, nachdem wir Ludwig Stiegler abgesetzt und Pronold eingesetzt haben. Er stößt dann aus dem Süden zu uns wir nehmen die CDU in die Zange.
Spiegel: Lassen Sie uns kurz diesen Witz erklären: Sie hantieren hier, wenn Sie von Schleswig-Holstein und Bayern sprechen, mit Phantomarmeen und verfallen in Militärjargon. Der Autor, der Ihnen diese Zeilen in den Mund legt, will Sie offensichtlich in die Nähe von Adolf Nazi rücken. Das ist ein stilistisches Mittel der Satire.
Steinmeier: Vollkommen richtig. Ich distanziere mich aber in aller Ausführlichkeit davon. Wo wir aber dabei sind, ich hätte da noch eine lustige Anekdote zur Reform des amerikanischen Gesundheitssystems durch den Präsidenten Obama.
Spiegel: Nur zu!
Steinmeier: Ich habe neulich mit meiner sehr guten Freundin Hillary
Spiegel: …der amerikanischen Aussensministerin…
Steinmeier: Das ist auch so eine Sache, die ich beim Spiegel nie verstehe: Manchmal vervollständigen Sie die Sätze des Gegenübers und als Leser frage ich mich: Machen Sie das live vor Ort, was ja äußerst unhöflich wäre, oder fügen Sie das später zur Verdeutlichung ein? Das wäre legitim.
Spiegel: Das fügen wir später ein, oft auch an völlig unpassenden Stellen. Das ist dem jeweiligen Autor und seiner Überheblichkeit dem Leser gegenüber überlassen. Aber erzählen Sie doch noch die Anekdote zu Ende.
Steinmeier: Ich telefonierte also mit Hillary Clinton und sie sagte mir im Vertrauen, dass das Gesundheitssystem, wie es Obama vorschwebt, nie funktionieren könne. Ich fragte sie, warum denn nicht, und sie antwortete: weil er is‘ nicht weiß, haha.
Spiegel: Herr Steinmeier, dieser Witz funktioniert schon im Deutschen äußerst schlecht, weil man das „ist“ wie ein es aussprechen muss, damit eine Pointe entsteht, diese ist außerdem rassistisch, sehr flach und nicht einmal ins Englische übertragbar. Das haben Sie sich doch ausgedacht, das ist so frei erfunden, wie dieses Telefonat mit Frau Clinton, dass sie vor laufender Fernsehkamera geführt haben. Warum benutzen Sie ständig Frau Clinton als Steigbügelhalter und nicht zum Beispiel die FDP?
Steinmeier: Sehen Sie, es ist doch so: Was wollen wir erreichen, und wie können wir es erreichen? Da gibt es zwei Wege: Wir machen es als Regierung oder wir versuchen es als Opposition. Wir wollen es als Regierung machen, da bringt uns die FDP nichts, die sitzt nämlich in der Opposition. So einfach ist das. Was der Westerwelle da gerade treibt, ist Spiekenpökerei.
Spiegel: Sie sehen sich also als nächster Deutscher Bundeskanzler. Wir haben nach wie vor unsere Zweifel.
Müntefering: Unsinn! Steinmeier kann. Ja, wir können! Und jetzt alle!
Hubertus Heil:
Spiegel: Herr Steinmeier, Herr Müntefering, Herr Heil, wo auch immer Sie jetzt herkommen, wir danken Ihnen für das Gespräch. Herr Henkel, Sie bleiben bitte gleich sitzen, der Chef hat noch eine Frage wegen der Überweisung.
Steinmeier: Das ist aber mein Büro.
Spiegel: Herr Steinmeier, Sie verkennen die Realitäten in diesem Land. Glück auf!

Der Block über die Piratenpartei wurde aus Platzgründen herausgestrichen. Wir haben dafür führende Piraten zu uns nach Hause eingeladen, um Stefan Raab zu gucken. Es gibt lecker Salat und Cola Light.

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9 Antworten zu Ein Tag vor der Wahl

  1. Muriel schreibt:

    Oh mein Gott. Bravo! Bravissimo! Ich bin unwürdig!

  2. MuGo schreibt:

    Das Titanic-Abo hat dir anscheinend gut getan – schon mal darüber nachgedacht, den Text als Schreibprobe abzuliefern? „Vom Fachmann für Kenner“ wird ja schließlich auch von externen gespeist…

  3. Sebastian schreibt:

    Ach, ich finde den Text da oben ja auch ganz gut, aber sowas kriege ich ja nur selten hin. Und als Text selber ist der ja schon wieder veraltet.
    Aber was den Schritt in die Öffentlichkeit angeht, gibt’s wohl schon bald crazy news, also stay tuned.

  4. Pingback: Twitter Trackbacks for Ein Tag vor der Wahl « social issues and stuff [socialissuesandstuff.com] on Topsy.com

  5. dellife schreibt:

    Ich habe Zweifel. Zweifel daran, ob die Piraten Cola-Light trinken. Vor allem, da sogar der Steinmeier ne Minibar und Pils im Schrank hatte…

  6. juf schreibt:

    Falls Du den Text am 30.11. in Berlin vorliest – könntest Du sagen, er sei von mir? Danke.

  7. Sebastian schreibt:

    Oder wir lesen das dann mit verteilten Rollen.

  8. Pingback: Blogroll (2) « überschaubare Relevanz

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