Ein Abwasch: Nazis, Schule, kein Meme

Ganz unten im Text schreibe ich vielleicht noch von dem Missverständnis, dass einige Menschen diesen Yeeah-Irrsinn für ein Meme halten und warum dies nicht stimmt, darüber, also im Mittelteil, hatte ich angedacht, einige Anekdoten aus meinem neu angebrochenen Schulalltag zu erzählen, was mir bei näherer Betrachtung aber ein wenig albern scheint, denn viel zu holen gibt es da nicht, was nicht nach, eben, Schulalltag klingt, und da hat sich in den letzten Jahren nichts geändert. Hauptanliegen ist jedoch heute eingetroffene Wahlkampfwerbung des äußersten rechten Randes in Form eines Din A-1-Vierseiters, der sich „Deutscher Standpunkt“ nennt, in Zeitungsoptik daherkommt und sich auch als Zweimonatszeitung versteht.

Es sei angemerkt, dass die Neue Rechte durchaus kreativ mit ihren begrenzten finanziellen Mitteln umzugehen weiss und in diesem Fall nicht etwa die aktuelle Lage der Nation oder eben der Nichtnation beschimpft, sondern einfach die Restauflage der Ausgabe Nr. 3/Mai 06/38. (2.) Jahrgang in die Haushalte kippt, es ist ja eh der immer gleiche Sermon, der da drinsteht. Jedenfalls längst nicht mehr erreichbar ist der Netzauftritt, und so sehr Witze über lange Internetadressen seit den Neunzigern zu recht passé sind, es muss sein: http://hometown.aol.de/dstandpunkt/index.html. Imperialisten aller Orten, aber von PI lernen, heisst eben siegen lernen.

Inhaltlich mag man sich gar nicht so recht damit befassen, aber da die Hälfte des Käses aus Scans der Stuttgarter Zeitung, Abo-Angeboten und Werbung für Bücher und Militaria besteht, hat man es schnell hinter sich.
Stilistisch bewegt man sich hier zwischen der ersten und zweiten Klasse einer Grundschule. Groß- und Kleinschreibung werden größtenteils berücksichtigt, das Komma ist bekannt.

Am Beispiel des Leitartikels, aber so genau lässt sich das nicht sagen, über die Christliche Kultur betrachten wir uns die Zeitung näher, alle Schreibweisen wie im Original.

Was man heute im Wesentlichen unter Kultur versteht, kam im vor allem, wie gesagt, aus dem Griechischen, lange vor Christus, das Lesen, Schreiben, Philosovieren, große Bauten machen, ein Rechtssystem, etc.

Große Bauten machen, hinter diesem leichtfertig geschriebenen Satz verbirgt sich natürlich eine große sprachliche Kraft, ungefähr die eines begeisterten Kleinkindes: Große Bauten machen! Da!

Sprachliche Verkürzung ist ein Stilmittel der alten Schule, das man so nur noch selten liest:

Aber auch die 10 Gebote sind viel älter als Jesus Christus, kommen von Moses.

Es ist mir leider nicht gelungen, die eigentliche Aussage des Textes zu erfassen, weswegen ich mir kein Urteil bilden mag, es wird abschließend festgestellt, dass wir „evangelische Christen [bleiben], schon wegen der vielen Nachbarvölker“, aber warum jetzt ausgerechnet wegen denen wird nicht weiter ausgeführt.

Im Wissenschaftsteil (unten links auf der Titelseite) wird die Herstellung von Benzin aus Kohle gefordert, eine leider seit dem zweiten Weltkrieg längst vergessene Fertigkeit deutscher Ingenieure, die heute wichtiger wäre denn je, denn: „es könnte dann auch sein, dass die USA diese Länder alle besetzen und das erreichbare Öl alles nach ihrem Land umleiten.“ Und das kann niemand wollen, so wenig wie die Einordnung Görings als Versager, weswegen im Artikel „Göring – der Versager?“ mal richtig aufgeräumt und geradegebogen wird, und zwar schon in der Überschrift! Hier wird noch mal ausklabüstert, wie es denn wäre, wie man das Rad nochmal hätte rumreissen können, hätte man nur auf Göring gehört, oder besser gleich auf den Herausgeber der Zeitung. „Wir hätten deren großen Industrieen im ganzen Land nacheinander bombardieren müssen.“ Wir? Wir!

Eben uswusf. und man möchte dann auch irgendwann Schluss machen, nicht jedoch ohne sich an den wahl- und zusammenhanglos eingestreuten Fotos des alten Herrn Herausgebers zu erfreuen, die ihn mit wirren Haaren neben einem Vogelhaus zeigen („Standpunkt-Herausgeber Pape hilft auch im Garten“) oder in einem Sessel in seinem Altenheimzimmer („Standpunkt-Herausgeber Pape bei einer Diskussion“ – mit wem denn bloß?). Schließen wir also mit den Sportnachrichten:

Nichts gegen die schöne Steffi Graf und diesen großartigen Schweizer Federer, der heute dominiert, aber Ringen gehört zu jedem jungen Mann. Jeder Bub will in seiner Grundschulklasse der beste Ringer sein!

Interessant ist aber, dass es im Fußball bei den Österreichern und auch bei den Ungarn schon lange nicht mehr läuft. Das war vor 50 und 60 Jahren noch ganz anders. Da waren Rapid Wien und Admira noch Begriffe! Und Ungarn zuerst nach dem Krieg! Die spielten ja sogar die Engländer in London an die Wand, die Puskas und Hidekuti etc. und wo sind eigentlich meine Pillen? Erna?

—–

Ganz anders geht es mir da schon alltags. Nun verhält es sich so, dass ich es „noch einmal wissen“ will und meine bislang nicht wenig verkorkste Karriere durch den Abschluss einer Fachhochschulreife und, wer weiss, ein Studium doch noch einmal etwas Schwung geben möchte. Das lebenslange Lernen ist ein Konzept, dass ich durch das geschickte Ausnutzen der Bildungssysteme in verschiedenen Bundesländern durchaus auszureizen weiss. Es ist jedoch eine einigermaßen erniedrigende Erfahrung, und das sage ich bei aller Arroganz, noch einmal diesen Stoff durchnehmen zu müssen, der mich doch schon vor 10 Jahren langweilte (weswegen ich es vorzog in die Stadt zu gehen o. Ä.) und mir teils lähmende Fragen jüngerer Mitschüler, zum Beispiel die, mit welcher Farbe die Argumentation in einem Satz unterstrichen werden soll, anhören muss. Aber ein Spaß ist es auch! Es gibt wohl neue Musikgattungen, von denen ich nie etwas gehört habe, die in der Regel mit -core enden und die ich jetzt als Plattform nehme für den Einstieg in den Kulturpessimismus, irgendwo muss man ja auch einmal anfangen. Auch ist es toll, mir wieder einen „Bleier“ zu leihen, um „Bio“ machen zu können oder „Geschi“. Man will da gar nicht wieder weg, aber das war ja bislang immer mein Problem.

—–

Jetzt aber: Memes kommen aus dem Nichts (das war früher meist /b/), verselbständigen sich irgendwie und ziehen ihren ganzen Charme aus einer ungeordneten Kraft, dem sofortigen Wiedererkennen, ohne sich hier auf einen Zeitpunkt beziehen zu können, an dem man „es“ mitbekommen hat (war ja einfach irgendwann da) und vor allem ohne eine strukturiert erarbeitete Arbeit, die es bekannt gemacht hat. Ein- und derselbe Punkt wurde soeben in verschiedenster Darreichungsform wiederholt, eben warum? weil er ein Meme definiert. Und eben nicht einfach die Tatsache, dass da etwas aus dem Internet kommt und bekannt ist. Das ist und bleibt der altmodische Hype. Der anonym getragene Hype wäre hier, soviel Kompromiss muss sein, das forced meme, eine zu verurteilende Angelegenheit, die auch dem „und alle so: yeaah“-Witz jeden, aber auch jeden anfangs innewohnenden Charme raubt. Als Plakatschreiberling jedenfalls, der vielleicht vom obrigkeitsgläubig-inspirierten Herdentier-Aufruf „Die Kanzlerin kommt“ genervt war, wäre ich jetzt ein sehr, sehr trauriger Mensch.

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3 Antworten zu Ein Abwasch: Nazis, Schule, kein Meme

  1. sanja schreibt:

    dabei muss der jahresabstand zur jüngeren generation gar nicht so groß sein. oft reichen 3 jahre und man hat gerade noch die simpsons gemeinsam…

  2. Muriel schreibt:

    An den, der dieses Pakat beschriftet hat, denke ich in letzter Zeit auch oft. Ich stelle mir vor, wie er zu Hause sitzt, mit den Zähnen knirscht und sich nicht mehr an seinen Feedreader traut und seine Hand sich langsam auf die seit Jahren nicht mehr benutzte TV-Fernbedienung zubewegt…

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