Project Eurasia

Als Rare zum Start von Perfect Dark eine der ersten Internetviralkampagnen startete, war ich nicht nur wegen der mir neuen Form der Vermarktung ziemlich angetan, sondern auch weil das ganze einen Cyberpunk-Einschlag hatte, die einzige Subkultur, zu der ich mich überhaupt hingezogen fühle (und der einzige Grund, warum ich es schade finde, in den 80ern Kind und nicht Jugendlicher gewesen zu sein).

Muse zählt zu den wenigen mir bekannten Bands, die thematisch da hineinpassen, man denke nur an Songs wie Space Dementia, Ruled by Secrecy oder Exo Politics. Es erstaunte mich also nicht sonderlich, als die Band eine Kampagne zum kommenden Album The Resistance startete, die sich da einfügte. Schon die Startseite zeigt mit ihrer Optik, wohin es geht: Im Hintergrund eine Schaltfläche mit einer Vielzahl an analog/digitalen Anzeigen, Blinklichtern, Schaltern wie geschnitzt aus einem KKW der ersten Generation. Darüber eine grün/schwarze Weltkarte, auf der verschiedene Städte markiert sind, in denen die Band Station gemacht hat.

unitedstates

Verstanden habe ich vom Spiel: nicht viel. Grob ging es wohl darum, die Fans zu Agenten zu machen. In den verschiedenen Städten wurden USB-Sticks versteckt, auf denen Codes installiert waren, die der Finder auf der Seite aktivieren sollte. Für jeden aktivierten Code wurde ein Stück eines neuen Songs freigegeben. Am Ende der „Storyline“ sollte die Erschaffung einer Weltregierung stehen. Man war also Agent dieser dystopischen Vorstellung (doppelt gemoppelt?) der United States of Eurasia. Das Album wiederum heisst nicht ganz grundlos „The Resistance“, denn wie schon im Song Assassin des Vorgängeralbums erkennbar, behagt die Vorstellung der Band wohl nicht sonderlich. Man konnte sich also auch dem Widerstand anschließen und verhindern, dass die Codes aktiviert werden, in dem man die USB-Sticks als erstes fand. Man müsste natürlich dem inneren Drang widerstehen (get it?), den neuen Song schon früh zu hören, seine eigenen Interessen also zum Wohle aller hintenanstellen. Wie das Szenario aussah, falls nicht alle Codes aktiviert werden ist unklar, denn selbstverständlich sind die Menschen Opportunisten, so auch in diesem Fall.

Und da ist es dann irgendwo eskaliert: Als ein Fan namens Rebecca den letzten Code aktiviert hat, ermöglichte sie allen Zugriff auf den neuen Song und gewann darüberhinaus ein Meet & Greet mit der Band. Schaut man jetzt in den Kommentarstrang der letzten Phase ergießt sich eine Welle des Hasses auf eben Rebecca.

Allee at 2009-07-21 19:26:37 GMT #
Noooo why did you do that?!?!?! Agent Rebeca… WTF!?!?! I think this girl just died to get some recognition… although it meant rejection from everybody…
I dont think if i like muse to give us music for free with so much time in advance…
Fuck!!!

Nick Dalessio at 2009-07-21 19:26:37 GMT #
you are just stupid as hell…

Ryan McDonagh at 2009-07-21 19:26:37 GMT #
FUCK NOOOOOOOOOO
REBECCA WHY.
MOST HATED MUSE FAN EVER.

Jean-Francois Cardinal at 2009-07-21 19:26:37 GMT #
Rebecca killed the resistance DUMB CUNT!! BURN IN HELL!

usw. und das alles nimmt ein schnutingereskes Ausmaß an, dass einen zweifeln lässt, ob den Fans bewusst ist, dass das ganze nur eine Werbekampagne war, es jetzt keine echte Weltregierung gibt (eat this, Bilderberger!) und angesichts der Tatsache, dass man die Deadline sogar noch ein wenig verschoben hatte, wahrscheinlich gar kein anderes Ende geplant war (und ein anderer Song zur Verfügung gestellt worden wäre).

Insgesamt eine weirde Angelegenheit, aber genau die Art von verquerem Gedankengut und Faneinbindung, mit der ich mich (mit mittlerweile fast 10-jährigem Fansein) anfreunden kann, ohne ein Handy in die Hand gedrückt zu bekommen.

Zum Song selber:

Muse – United States of Eurasia (+ Collateral Damage)


(Direktlink)

Der Song soll eine Hommage an Queen darstellen, und er ist in etwa eine Hommage an Queen wie Supermassive Black Hole eine Hommage an Prince war: Da. Echt. Nah. Verdammt nah sogar. Ein wenig schwächelt Matt Bellamys Songwriting, auch die Stimme scheint nicht mehr so kraftvoll wie früher, aber ich liebe diesen Bombast, den Pathos und die Weltuntergangshysterie, die in dem Song steckt. Im Outro Collateral Damage, dem schönsten Outro seit Citizen Erased, lachen Kinder anfangs auf einer Wiese aus Streichorchester und Klavierspiel, bis ein Bomber Funksignale sendet und vorbeifliegt. Klingt kitschig? Muss aber so.

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9 Antworten zu Project Eurasia

  1. Muriel schreibt:

    Ist es taktlos oder lustig, wenn man jetzt 1Schnutinger zur offiziellen Maßeinheit sinnlosen Hasses ausruft?

  2. Lukas schreibt:

    Und dafür ist Kurt Cobain jetzt gestorben? Dass Rockbands wieder Konzeptalben und „Rockopern“ veranstalten?!

    Tut mir leid, ich kann damit so gar nichts anfangen. Genausowenig wie mit den letzten Sachen von Green Day oder My Chemical Romance. Wenn die Überambitioniertheit der 70er auf die Produktionstechniken der 00er trifft, führt das in meinen Augen (und Ohren) zwangsläufig zu so etwas wie „Chinese Democracy“.

  3. Sebastian schreibt:

    @Muriel: Ja, dieser völlig überzogene und am Thema gänzlich vorbei schreiende Mob, der da im Moment unterwegs ist, ist nur noch mit Humor zu ertränken, äh, tragen.

    @Lukas: Nun weiss man noch nicht, wie das Album letztendlich klingt. Bei Black Hole and Revelations hieß es, es wird wie Abba klingen, der Kelch ging ja gottlob an uns vorüber (auch wenn das Album unter dem Strich ein wenig schwach ist). Ich gehe mal davon aus, dass es ähnlich wie Absolution einen thematischen Bogen schlägt, den man dann auch der Produktion anhört (das Album klang ja sehr aus einem Guss), die Tracklist mit ihren vielen Pre- und Interludes und Symphonien Teil 1-3 lässt es jedenfalls vermuten. Man muss Muse ja, wenn auch sonst nichts, zugestehen, die neuen Produktionstechniken gut zu beherrschen und ich mag die Experimentierfreude. Ich glaube, Chinese Democracy hat deswegen so lange gebraucht, weil Axl Rose einfach überfordert war und irgendwann entnervt nur noch wahllos Knöpfe gedrückt hat.

    Matt Bellamy macht es unter der Apokalypse einfach nicht mehr und es ist nicht mehr viel übrig von der Band, die uns Muscle Museum, Uno usw. geliefert hat, aber ich mag’s trotzdem.

  4. Muriel schreibt:

    @Sebastian: Ach, wenn man mit Humor doch ertränken könnte. Aber ertragen ist ja auch schon mal was. Und in letaler Dosis wär’s dann vielleicht auch eh kein Humor mehr.

  5. keuchenkabinett schreibt:

    Oh Schreck, das arme Mädel. Und dann wird sie bestimmt auch noch jeder mit der Band im Fernsehen sehen können. Und wenn der Widerstand erstmal ihr Gesicht kennt. Anyway. Ich freue mich dann mal aufs Album.

  6. Alberto Green schreibt:

    Das ist ein total überproduzierter Queen-Song und so was von voll mein Ding! Pathos!

  7. causa prima schreibt:

    Wenn das der beste Song des Albums ist (was ich nicht glaube.. man opfert doch keine Singles für Werbekampagnen), dann wird das Album schwach. Aber wie schon argumentiert: Wird bestimmt nicht der Beste sein.

    @Lukas: Kurt Cobain ist nicht FÜR die Musik gestorben. Was das ganz überhauot mit KONZEPTALBEN zu tun haben soll, frage ich mich auch. Die aktuellen Produktionstechniken sind natürlich bei vielen Fällen falsch eingesetzt (Death Magnetic anyone?), können aber auch genau das bewriken, was man von ihnen denkt. Zum Beispiel Long Distance Calling – Aurora (nicht bei youtube schauen. Und nicht auf PC-Lautsprechern oder billigen Kopfhörern hören. Und voll aufdrehen ab 4:08. Nein, nicht auf „ich-möchte-meine-Nachbarn-nicht-stören“-Lautstärke, sondern bis da nichts mehr geht, ohne, dass sich die Lautsprecher überschreien oder die Anlage anfängt zu clippen.), Radioheads „In Rainbows“, „Reise, Reise“ von Rammstein, Dredg’s neue „the parrot, the parriah, the delusion“ oder noch so einige andere Alben. Klar erzeugt sowas nicht die Stimmung eines „Leitmotif“’s (Dredg) oder eines „letting off the happines“ (Bright Eyes), aber das ist zur Zeit eben nicht gewollt. Selbst die billigen 80er-Synthies (z.B. bei MGMT) werden mit ungeheurer Brillianz wiedergegeben. Eben das, was seit Einführung der CD gewollt ist. NIEMAND muss mehr beschränkt sein in seiner künstlerischen Freiheit, aber JEDER kann dies tun. Nevermind war damals auch state-of-the-art, auch wenn man sich mit „In Utero“ von solchen Sachen abwandte. Aber man WOLLTE das. Künstler, die das nicht wollen, machen es nicht. Die, die es wollen, tuen es. Wie gesagt, jeder hat die Wahl, keiner muss. Aber viele wollen es.

  8. Sebastian schreibt:

    Muse 1994 bei einem Bandcontest (den sie nicht einmal gewonnen haben), noch sehr grungig. Vielleicht ist Kurt Cobain dafür gestorben.

  9. Pingback: Muse: The Resistance « social issues and stuff

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