Raus

Diese Geschichte beruht auf einer unwahren Begebenheit.

Stress, Geschrei, Panik, und all das nur innerlich und all das nur wegen der U-Bahn, welche bereits in Sicht war. Die Anzeige auf dem Automat kündigte an, sich jetzt nun mit dem Ausdruck des Fahrscheins („kurz, einmal“) beschäftigen zu wollen, was erst einmal nichts hieß. Gemessen an der Dauer, die der Automat für eine Karte brauchte, gerade „kurz“, musste man davon ausgehen, es hier mit einem verbeamteten Automaten zu tun zu haben. Er wusste, was jetzt wieder passieren würde. Die Tür der U-Bahn, jetzt hielt sie gleich, würde aufgehen und er würde diese Pose einnehmen, die die Hin- und Hergerissenheit zwischen Bahn und Automat symbolisiert. Sie ist sehr erniedrigend, gilt den Mitfahrgästen aber als Signal, doch bitte die Tür aufzuhalten. Wahrscheinlich würde sich keiner erbarmen, denn auch für den höflichen Gast ist es eine unangenehme Situation, denn der Fahrer schaut regelmäßig genervt in den Rückspiegel, „was denn jetzt schon wieder“ los sei.
Die Bahn stand nun und die Tür war offen. Er spielte dieses Spiel nicht mit. Er verweigerte sich der Hilfepose und tat demonstrativ so, als müsse er garnicht in die Bahn einsteigen. Sein Blick klebte am Automaten, bis dieser den Fahrschein ausgedruckt hatte. Sein Körper strahlte aus allen Poren „Nein, ich will hier nicht rein“, und auch als er die Karte längst hatte, blieb er noch stehen. Er würde nicht mit dieser Bahn fahren, er war halt 2 Sekunden zu spät gekommen und befand, dass es nun um so lächerlicher aussehen würde, noch einzusteigen, nachdem er sich am Automaten so viel Zeit gelassen hatte. Als er sich umdrehte stellte er fest, dass sich tatsächlich jemand in die Tür gestellt hat, um ihn noch reinzulassen. Das überforderte ihn einigermaßen. Jetzt würde es sogar noch lächerlicher aussehen, einzusteigen. Er sah den Fahrgast an und schüttelte den Kopf. Man sah doch, dass er garnicht mit dieser Bahn fahren wollte, herrgott, was soll dieser Schwachsinn jetzt? Sämtliche Peinlichkeit war nun auf den höflichen Menschen geladen, der seinen Fuß jetzt wieder in die Bahn schob, und die Bahn fuhr davon und legte Distanz zwischen objektiver und subjektiver Peinlichkeit, denn er selbst wusste natürlich, dass er ein weiteres mal sozial versagte.

Sehr verehrte Fahrgäste, aufgrund von Gleisarbeiten ist die Strecke U 14 zwischen Mineralbäder und Cannstatter Straße gesperrt. Ein Busersatzverkehr wird bereit gestellt, die Fahrzeit verzögert sich um ca. 10 Minuten. „Unmöglich ist das, unmöglich!“ – „Aber das ist doch garnicht unsere Richtung, außerdem ist das doch normal, das kann doch vorkommen.“ – „Unerhört, nee, unerhört!“
Der alte Mann neben ihm auf der Bank musste sehr verbittert sein, schon die kleinste Störung des Gesellschaftsbetriebs ließ ihn ausbrechen, es gab in seiner Welt keinen Platz für Gleisarbeiten, Ausfälle, und Gott behüte den, der ihn mit ausländischem Akzent nach dem Weg fragt. Dass seine Frau da überhaupt noch Widerspruch wagt. Wann beginnt so etwas, wann ist der Knackpunkt, der Haisprung des Lebens, an dem man so verbittert wird, dass man sich über derlei Dinge aufregt? Es schien jedenfalls unvermeidlich, dass es soweit kommt, denn, und jetzt wurden seine Gedanken wieder vorurteilsbeladen, wohl über 80 Prozent aller alten Menschen, die sich durch den öffentlichen Nahverkehr quälen, grummeln über die Unmöglichkeiten und Unerhörtlichkeiten des Alltags vor sich hin. Überhaupt musste es Schienenersatzverkehr heißen und nicht Busersatzverkehr, jetzt ging es schon bei selbst los. 6 Milliarden Laienpsychologen auf der Welt sind sich absolut sicher, dass Michael Jackson deswegen ein wenig kindfixiert war, weil er selber nie eine Kindheit erfahren durfte. Wenn er an das Wort „Laienpsychologe“ dachte, kam ihm immer die Kölner Hausfrau mit praktischer Kurzhaarfrisuer, verlebtem Gesicht und Raucherstimme in den Sinn, die bei RTL explosiv einst befand, die Emo-Freundinnen ihrer Tochter seien „depressiv, definitiv depressiv“ und er erwischte sich immer bei dem Wunsch, dieser Frau in die Fresse schlagen zu wollen, definitiv. Aber natürlich befand er die Jackson-Theorie für plausibel genug und wandte sie selbst auf alte Menschen an: Sie durften in ihrer Kindheit/Jugend die Widerspruch leisten (jedenfalls die ganz alten), weswegen sie es jetzt nachholen mussten für den Rest ihrer Tage, und zwar an allem und jedem. Eine gemütliche Position, auf die er sich da zurückzog, aber was soll’s. Solche Gedanken macht sich jeder während einer U-Bahn-Fahrt, man denkt über die anderen Menschen nach und hält sich selbst für den Helden. Aus solchen Perspektiven entstehen komplette Weltanschauungen. Er glaubte, dass es einen ursächlichen Zusammenhang gab zwischen Verschwörungstheorien, Gesellschaftsentwürfen, die den Kommunismus oder Anarchie zu Grunde haben, und dem Aufkommen des öffentilchen Nahverkehrs, in dem man ja Zeit hatte, über so etwas nachzudenken und die Menschen alle so (scheinbar) leer in die Gegend starren, dass sich das Bild von Schafen ja fast schon zwangläufig aufdrängt, gerade auch als Philantrop.

Genug des Theorems, es wurde Zeit auszusteigen. In der Bahnhofshalle fuhr er die Rolltreppe hinauf und besah sich wie immer die Plakate an der Seite. Amnesty International kämpfte für das Recht auf ein öffentliches Verfahren, ein Recht, dass zumindest in der U-Bahn jeden Tag unzählige Menschen für sich in Anspruch nahmen. Man verfuhr sich hier sehr gerne und machte das öffentlich, in dem man in letzter Sekunde vom Sitz sprang und dann doch nicht mehr aussteigen konnte. Eine Situation vergleichbar mit dem Automaten am Anfang. So wie der freundliche Fahrgast noch angestarrt wurde, nachdem er umsonst die Tür offengehalten hat, wird auch der derjenige angestarrt, der es nicht mehr schafft, rechtzeitig auszusteigen.

Wird auch derjenige angestarrt, der schwarzgefahren ist und dessen Personalien aufgenommen wurden. Die peinliche Phase beginnt erst, wenn die Kontrolleure wieder abziehen und mann alleine weiterfährt. Auch wenn es geduldet wurde, weiterzufahren, entschied er sich auch hier im Falle eines Falles dafür, früher auszusteigen, um nicht die Blicke der anderen auf sich spüren zu müssen.

Das waren sie. Die drei Situationen, an denen man als Fahrgast auffällt: Höflichkeit, Unkenntnis, Schwarzfahren. Die drei Sünden der Bahnfahrt. Hält man sich an die Regeln, gilt man als seelenloses Schaf, fällt man hingegen auf, drückt die Missgunst der Mitfahrer um so stärker auf einen. Man kann es keinem recht machen und so langsam wurde auch ihm klar, was den alten Mann an der Betriebsstörung so verbittert haben mochte.

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4 Antworten zu Raus

  1. Muriel schreibt:

    Wenn man es darauf anlegt, kann man sich einen herrlich gemeinen Spaß daraus machen, anderen Menschen die Tür aufzuhalten.

  2. MuGo schreibt:

    Der Artikel (oder soll ich sagen: Die Kurzgeschichte?) verdeutlicht einmal mehr:

    Senioren gehören nicht in öffentliche Verkehrsmittel! Schon allein deswegen nicht, weil sie maßgeblich zum schlechten Ruf beitragen…

  3. Sebastian schreibt:

    Aber der eigentliche Schurke ist ja der Erzähler.

  4. Dennis schreibt:

    Mir fällt auf, das es inzwischen immer mehr aktive NPCs ( 😉 ) gibt, die einen sehr verinnerlichten noch viel mehr aus seiner Fassung bringen können.

    Dein Text offenbart das Manko unserer Gesellschafft.

    Immerhin kann man sein geistiges Gleichgewicht ja auch im Netz kalibrieren (nicht bös gemeint).

    Ich tu´s im Schlaf…

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