Expertenjournalismus auf zeit.de

Harald Martenstein saß neulich bei einem Abendessen einer Autorin gegenüber, die große Artikel schreibt und auch schon mal einen Bestseller verfasst hat. Beide klagten sie über das Luxusproblem, von allen möglichen Seiten ständig als Experte zu Rate gezogen zu werden, obwohl sie es nicht sind. Das stimmt, wie Martenstein nicht nur im gewagten Satz

Von den meisten dieser Themen verstehe ich nicht mehr als du oder ich

äußert, sondern auch sogleich anhand eines Beispiels seiner vielleicht manchmal unsauberen Recherchearbeit aufzeigt.

In England hat sich ein Typ beim Fernsehen beworben, um einen Job als Mechaniker.

Immerhin tappt er nicht in die Taxifahrer-Falle, wie es Dutzende andere Medien taten, dafür ist alles andere falsch.

Er heißt George und ist schwarz.

Nein, er heisst Guy. Immerhin: Er ist schwarz.

In Wirklichkeit erwarteten sie in Studio drei einen Professor, der sich zur Wirtschaftskrise äußern sollte, dieser Professor hieß zufällig ebenfalls George und war zufällig ebenfalls schwarz.

Nein, er hieß ebenfalls Guy, war aber nicht einmal schwarz. Er sollte sich auch nicht zur Wirtschaftskrise äußern (es war schließlich 2006), sondern zu einem Rechtsstreit zwischen Apple und Apple.

Dann fragte eine Blondine ihn nach Hedgefonds, dem Dollarkurs und nach dem tendenziellen Fall der Profitrate.

Was sie natürlich nicht tat, genauso wenig wie George, pardon, Guy, sagte

Der Kapitalismus besitze gute, aber auch schlechte Seiten. Dollar könne man nie genug haben, aber Hedgefonds, na ja, wer’s mag.

was immerhin insofern bemerkenswert ist, als dass sich Martenstein mangels Bock auf Internet nicht einfach nur eine Geschichte, die er irgendwannn einmal aufgeschnappt hat, noch einmal komplett ausdenkt, sondern dem poor Guy auch noch eine Meinung in den Mund legt, die, da selbst ausgedacht, wohl eher die von Martenstein selbst ist, denkt er sich in die Rolle des einfachen Mannes.

Seitdem ist der falsche George in England eine Art Universalexperte, sie nehmen ihn zu allen Themen.

Er hatte in der Folge noch einige Auftritte im Fernsehen, in der Regel in Form eines Sketches oder ein Quizshow. Mittlerweile ist es ruhig geworden um ihn.

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4 Antworten zu Expertenjournalismus auf zeit.de

  1. Lukas schreibt:

    Möglicherweise haben wir es hier mit einer ganz speziellen – bei der „Zeit“ offensichtlich sehr beliebten – Form des Metajournalismus zu tun: Über Irrtümer und Falschmeldungen berichten und dabei die Stellschraube des Schwachsinns einfach noch ein bisschen weiter anziehen.

    Alternativvorschläge mag ich mir grad keine ausdenken.

  2. Sebastian schreibt:

    Hinterher war’s wieder Ironie.

  3. meistermochi schreibt:

    witzig. kannte ich noch nicht. passt aber super zur neuen interview-kategorie in meinem blog.

    wie es zu dieser idee kam? vorm champions-league-finale analysierten lattek und so ein DSF-moderator die anstehende partie. lattek: „ronaldo ist besser als messi. der macht nämlich auch mit dem kopf tore.“ der moderator: „manu gewinnt. diesen körperlichen fußball sind die spanier nicht gewohnt.“

    ergebnis I: messi macht das siegtor mit dem kopf. barca siegt.

    ergebnis II: lattek und der mod haben einfach auch keine ahnung. in diesem fall jedenfalls nicht mehr als der durchschnitt. aber sie haben das privileg ein forum für ihren unsinn zu bekommen.

    aber jetzt rede ich.

  4. juf schreibt:

    Ich war als Kind Deutscher Stillepostmeister. Falsch wiedergeben ist für mich immer noch das Größte!

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