Phantom Planet

An David Finchers Zodiac – Die Spur des Killers fand ich sehr interessant, dass der Serienmörder selbst nur im Hintergrund stand und der Film die Ermittlungen der Polizei und eines Journalisten in den Mittelpunkt stellte. Eine solche Verfilmung würde ich mir nun auch für das Ergebnis dieser Phantom-Hatz wünschen, die „ganz Deutschland“ (BILD-Speak) die letzten Jahre beschäftigt hat. Es ging um eine Frau, die ihre DNA-Spuren an ca. 40 Tatoren in ganz Europa hinterlassen hat. Hielte sich meine gewünschte Verfilmung an die Realität, gäbe es den geilsten Krimitwist seit Die Üblichen Verdächtigen (dessen Twist man allerdings sofort kennt, sobald man erfährt, dass es einen Twist gibt. Sorry, folks):

Die gesuchte Täterin, bundesweit als das „Phantom“ bekannt, gibt es nicht. Das DNA-Material der „Unbekannten weiblichen Person“ (UWP) war wohl schon vorher auf jenen Wattestäbchen, mit denen die Polizei die vermeintlichen Spuren sicherte. Nach Informationen von stern.de soll es sich dabei um das DNA-Profil einer Packerin eines Unternehmens für Medizinalbedarf handeln.

Das witzigste ist, dass es durchaus schon Hinweise gab, dass es darauf hinauslaufen könnte, ein Rechtsmediziner nannte diese Möglichkeit zwar minimal, aber es klang plausibel genug, dass man da mal hätte nachhaken sollen. Und jetzt ratet mal, welche Behörde genau dieses unterlassen hat:

Das Landeskriminalamt (LKA) Baden-Württemberg wies die Spekulation damals zurück: „Es gibt keinerlei Anhaltspunkte dafür, dass irgendetwas eingeschleppt wurde.“

Das LKA Ba-Wü, welches uns die letzten Wochen schon ein paar mal von seiner Kompetenz versucht hat zu überzeugen (na, wenn das mal ein richtiger Satz ist). Ich meine nicht einmal den Fehler, den krautchan-Screen für echt zu halten, sondern dass sie sogar nachdem dieser Fake aufgeflogen ist noch tagelang nach anderen Rechnern gesucht haben, von denen Tim K. diesen Beitrag verfasst haben könnte. Obwohl schon längst klar war, dass dieser nicht nur nicht von ihm, sondern komplett gefälscht war. Ja, das LKA in unserem Ländle scheint schon etwas besonderes zu sein.

(Der zweite Teil dieses Eintrags liest sich ziemlich fefeesk, finde ich. Aber ich finde die Story wirklich zu gut, das musste schnell raus.)

[Via Zeineku]

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13 Antworten zu Phantom Planet

  1. Niels schreibt:

    fefeesk ist ein schönes Wort, aber ich denke, dass beide Pannen (die mutmaßliche Genmaterialverunreinigung und der gefakte Foreneintrag in Sachen Winnenden) bei der BaWü-Polizei Lerneffekte bewirken werden.

    Und nicht zuletzt bringt es ein bißchen Bewegung in die Diskussion um die Zuverlässigkeit von DNA-Vergleichen. Würde mich nicht wundern, wenn so mancher Strafverteidiger gerade auf Vorrat Argumente schnitzt.

  2. MuGo schreibt:

    Schade, als ehemaliger Bio-LKler und Hobby-Biologe war ich wirklich daran interessiert, wer hinter der Phantom-Frau stecken könnte…

    Aber was mich nun interessieren würde: Hat der Medizinalbedarf-Versand solche schlampigen Hygienekontrollen, dass eine Mitarbeiterin seit Jahren Wattebäuschchen angrabschen kann oder kaufen die Polizei von BaWü und dem Saarland immer ihre Wattestäbchen auf Jahre im Voraus?

    @Niels:
    Ja, DNA-Tests sind was lustiges. Ich muss immer an den Gerichtsmediziner denken, der einmal gesagt hat: „Es kommt immer darauf an, wie Sie ein Ergebnis verkaufen – 1:10.000 klingt nach einem hieb- und stichfesten Beweis. Wenn Sie sich aber bewusst machen, dass allein in München 100 andere Menschen rumlaufen, auf die die Spur genauso passt, sieht das ganze schon ganz anders aus…“

    P.S: Der Stern-Link funzt net…

  3. Sebastian schreibt:

    Hm, bei mir funktioniert er. Was die Hygienekontrollen angeht, zitier ich mich noch mal selbst, bzw. meine Ausbilderin aus den Kommentaren bei Niels:

    Da muss man höllisch aufpassen, DNA-Verunreinigungen kriegt man nur extrem schwer, wenn überhaupt, weg. Eine Ausbilderin (Umweltanalytik) von mir hat vorher in einem Gentest-Labor gearbeitet. Sie sagte, wenn es dort zu Verunreinungen kam, musste das ganze Labor umziehen, was durchaus einmal im Jahr vorkommen konnte. Das kostet natürlich sehr viel, weswegen ein einfacher Angestellter vielleicht eher den Mund hält als zum Chef zu gehen und zu sagen “sorry, mir ist da was verschüttet”.

    Bei Herstellern von Wattestäbchen sieht es vielleicht noch ein wenig anders aus, aber die sollten als Zulieferer von Genlaboren (und Arztpraxen, Krankenhäusern etc.) doch eigentlich hochsensitive Bereiche haben.

    Die Nachricht als solche finde ich aufgrund des Medienrummels um das Phantom spektakulär.

    Als Hobbybiologe müsste Dir die mutmaßliche Wahrheit doch viel besser gefallen als ein echtes Phantom.

  4. Alexander schreibt:

    Warum muss ich bei unseren Ordnungshütern immer sofort an ihre Artgenossen aus den „Werner“-Trickfilmen denken?

  5. MuGo schreibt:

    @Sebastian:

    Nee, wenn es tatsächlich eine Frau gewesen wäre, dann wäre das aller Wahrscheinlichkeit ja eine Frau gewesen, die phänotypisch ein Mann ist. Mit anderen Worten: Ein XX-Mann! Sehr, sehr selten und darum wäre es für mich interessant gewesen, was es mit der „Täterin“ angerichtet hat zu erfahren, dass „er“ genetisch gesehen eine „sie“ ist. Und die Argumente der Wissenschaftshörigen, warum man trotz solcher Ausnahmen darauf beharren sollte, das Geschlecht eines Menschen an irgendwelchen Äußer- oder Innerlichkeiten festzumachen und nicht jeder Person die Wahl ihres Geschlechtes selbst zu überlassen, wären sicherlich interessant gewesen!

    Und wo wir gerade bei sowas sind: Der Mann, der ohne Gehirn lebt (und dabei durchschnittlich intelligent ist!), die Hummel, die physikalisch nicht fliegen dürfte und die eine kosmische Naturkonstante, die veränderlich ist, werden auch gerne unter den Tisch gekehrt – schließlich sind die Schlussfolgerungen, die daraus zu ziehen sind (Wir haben eben noch immer nicht gecheckt, wie die Welt funktioniert), einfach zu unangenehm…

  6. Niels schreibt:

    Mann ohne Gehirn, magische Hummeln – jetzt oszillieren wir aber flott zwischen Stern TV und Däniken.

  7. Sebastian schreibt:

    Ich wollt’s auch sagen, solche Worte aus Deinem Mund, MuGo! Aber ich kenne Dich zu gut, um es nicht für Ironie zu halten 🙂

  8. MuGo schreibt:

    Okay, zugegeben, dass mit der Hummel stimmt nicht, aber das mit der Naturkonstante ist ein tatsächliches Problem, dass in letzter Zeit aufgetreten ist (siehe GEO 6/08). Und den Mann „ohne Gehirn“ (er verfügt über 10% der durchschnittlichen Hirnmasse eines erwachsenen Menschen – im inneren seines Hirnes ist einfach nichts) gibt es auch – siehe in Tanz der Gene. Bedankt euch bei mir,ich habe jetzt eine Stunde lang recherchiert, wie das blöde Buch heißt, damit ihr nicht glaubt, ich saug mir hier was aus den Fingern. Aus dem Buch habe ich auch übrigens mein Wissen über XX-Männer und XY-Frauen.

    Denn mein wirkliches Anliegen habt ihr nicht verstanden: Die Menschheit soll endlich aufhören, sich für Gott zu halten – wir werden nie verstehen, wie Vererbung in all seinen Facetten abläuft (siehe das neue Feld der Epigenitik – und das wird auch nicht der Weisheit letzter Schluss sein); wir werden nie verstehen, wie das Weltall funktioniert (vor Kopernikus hat man krampfhaft versucht, die Planetenbahnen als Kreise zu erklären, indem man komplizierte Tabellen zu Rate gezogen hat – sind seltsame Konstanten wie G oder Epsilon im Grunde nicht exakt das selbe?); und wir haben auch keine Ahnung, was unser Gehirn leisten kann!

    Worum es mir eigentlich mit dem Kommentar ging, ist nichts weniger als der Hinweis darauf, dasswir glauben, wir würden im wissenschaftlichen Zeitalter leben, weil wir Menschen ins All schießen können und von dort auch irgendwie wieder wegkriegen und Sachen klonen können oder Bakterien sagen können, sie sollen Insulin züchten. Aber wir verstehen noch immer viel zu wenig von den Prozessen. Schließlich kann ich meinem Computer auch sagen, dass er dieses oder jenes Programm ausführen soll – warum er das macht, weiß ich deswegen noch lange nicht!

  9. MuGo schreibt:

    Die Bakterien züchten natürlich kein Insulin, sie produzieren es. Kleiner, aber feiner Unterschied, der den schmalen Grad zwischen pseudointelektuellem und validem Argument bildet. Oder um es mit dem „Spinnenexperten“ zu sagen: „Das Calcium braucht die Spinne für die Knochen in den Gelenken!“

  10. MuGo schreibt:

    Was denn, habe ich euch jetzt sprachlos gemacht? Kein bisschen Lust, mir zu widersprechen?^^

  11. Sebastian schreibt:

    Ja gut, mir fällt da halt auch nichts mehr zu ein. Ein Mann mit 10 % Gehirn ist ja auch erst einmal was anderes als ein Mann ohne Gehirn, oder gar ein Mann mit 2 Gehirnen, guter Film übrigens. Aber ich ahne, was Du meinst, und in dem Sinne schließe ich mich auch an.

    Mit kosmischen Naturkonstanten, die veränderlich sind, habe ich mich mal überhaupt noch nie befasst, da schweige ich lieber.
    Mir ist da auch wirklich erst einmal nur die Hummel ins Auge gesprungen (haha), weil die tatsächlich ein Klassiker in esoterischen Kreisen ist, um die Unfähigkeit der Wissenschaft darzulegen, was ja insgesamt eh nur auf einem Missverständnis beruht und zweitens ja nur zeigt, dass Esos von Wissenschaftsmethodik als solcher nichts verstehen. Aber wem erzähle ich das, Du bist hier der Student 🙂

  12. MuGo schreibt:

    Ja, okay, man sollte immer alles vorher gegenchecken, bevor man etwas in den Weiten des Netzes verteilt.^^

    Aber man kann schon sehr viele Leute mit kruder Pseudowissenschaft foppen, wenn sie einleuchtend klingt; siehe 9/11…

  13. Alexander schreibt:

    Flugzeuge sind theoretisch noch viel weniger zum fliegen geeignet als Hummeln, und sie fliegen doch, und das ganz ohne irgendwelche fremden Mächte.

    Der Erfinder der Hummel – Theorie hat wohl noch nie ihre immensen Flugmuskeln gesehen, und es gibt noch viel schwerere Insekten /Käfer als Hummeln die sich in die Lüfte erheben.

    Der Mann ohne Gehirn ist wissenschaftlich leicht erklärbar: Die eine Hälfte hat von Geburt an sowieso keines, und 100% der Männer können beim Verlust des primären Gehirnes auf ein Sekundäres an einer bestimmten Stelle zurückgreifen…

    THEORETISCH landet auch eine aus dem Fenster fallende Katze, der man zuvor ein Butterbrot umgebunden hat nicht sicher auf den Beinen sondern fällt auf die Schnauze.

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