dataDyne

Blair Witch Project hielt ich für einen strunzlangweiligen Film, dessen hochgelobte Wirkung, tatsächlich Angst zu erzeugen, bei mir nicht anschlug. Vielleicht hing es damit zusammen, dass ich ihn mir mit ein paar Freunden im verbilligten Kino („2,50“, was erst für 2,50 DM stand, dann für 4,- DM und am Ende für 2,50 €, was dann wenigstens wieder stimmte) ansah, was bedeutete, dass dort auch vorzugsweise verbilligtes Publikum saß, und wir außerdem mit einem Platz direkt neben dem gut ausgeleuchteten Ausgang Vorlieb nehmen mussten. Nicht einmal der dunkle Weg von meinem BFF zu mir, der durch eine dunkle Schrebergartensiedlung und eng bebuschste Wege führte und mich nach so manchem Film zu einem Umweg verleitete (ja, da bin ich Memme, aber war ja auch Ghetto damals), konnte mich danach schocken. Aber eines musste man ihm lassen: für das Jahr 1999 war die Marketingkampagne enorm gut. Im Internet gab es gut verteilt Dokumentationsfetzen, die den Anschein des Films, es handele sich um wahre Aufnahmen, noch authentischer machten, dazu gab es noch passende Vermisstenanzeigen und Statements der Dorfbewohner. Das war schon sehr beeindruckend und für uns neu. Der Film hat seinen großen Erfolg hauptsächlich dieser Marketingkamagne zu verdanken.

Heute erinnerte ich mich an einen anderen Klassiker des viralen Marketings, der in der Nachbetrachtung schon sehr viel richtig gut gemacht und vieles von dem vorweggenommen hat, was auch heute noch Anwendung findet.

Es ist nämlich schon rund 9 Jahre her, dass Rare den Ego-Shooter Perfect Dark für das N64 rausgebracht hat, mit dem ich aufgrund der teilweise etwas überforderten Goldeneye-Engine und einigen sauschweren Levels nicht so viel anfangen konnte, welcher aber insgesamt ein sehr brauchbares Spiel war.

Die Geschichte war ein absurd schöner Verschwörungsplot mit Aliens, der Area 51, Geheimagenten, KIs, Klonen und allen sonstigen Klassikern des SciFi-Bereichs. Im Hintergrund der bösen Mächte wirkte die ominöse dataDyne Corporation, die Art Megakonzern, die vor allem in der Cyberpunk-Literatur der 80er Jahre ein beliebtes Motiv war. Und wer sich im Jahr 2000 ein wenig umgeschaut hat, konnte durchaus des öftern auf diese Firma stoßen.

So erinnere ich mich vor allem an die Internetseite datadyne.com (führt heute leider nur noch zu rare.com, ist aber auf archive.org noch einsehbar), die aufgemacht war wie eine seriöse Firmenseite (bzw. halt so seriös, wie eine Internetseite eines Superschurkenkonzerns eben sein kann). Dort gab es Stellenangebote für Wissenschaflter, Programmierer und nur sehr wage Angabgen, womit sich die Firma eigentlich befasst. Vorrausgesetzt wurden jedenfalls die Bereitschaft zu reisen und extreme Belastbarkeit.

Das fand ich damals schon sehr cool, aber es kommt noch besser. Auf ign bin ich auf einen Artikel gestoßen, in dem versucht wurde, dem Phänomen auf die Spur zu kommen (natürlich vermutete man schon einen Bezug zu Perfect Dark, ist ja eine Gamesite), wobei die Recherche diesbezüglich dort witzigerweise nie abgeschlossen wurde. Anscheinend hat Rare zu dieser Zeit auch dataDyne-Anzeigen in Schul- und Collegezeitschriften geschaltet:

datadyneadbig

Heute sind diese Marketingspirenzien (oder wie man das schreibt) relativ gang und gäbe, und es ist nicht nur die Gewöhnung an sie, sondern auch ihre Fixierung auf Web 2.0-Angebote, die ewig gleichen Blogbeitragkaufversuche (heute erreichte mich zum Beispiel die Bitte, für einen anarchistischen Kongress zu werben – selbst die machen das heute so) und die zur Perfektion getriebene Professionalisierung, die so etwas relativ belanglos machen. Aber damals, das war schon cool.

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5 Antworten zu dataDyne

  1. meistermochi schreibt:

    hab mir damals auch in die hose geschissen und die letzten zehn minuten nur noch in die popcorntüte geguckt.

    virales:

    cloverfield war auch noch ganz nett gemacht.

  2. Alexander schreibt:

    Neulich haben sie es wieder versucht, diesmal bei Pro 7: Eine Meldung in den News über einen Säugling, der innerhalb von Sekunden zum adulten Mensch heranwächst, sollte eine Werbung für den billigen X- Files Abklatsch „Fringe“ sein.

    Das Ganze war so dümmlich gemacht, dass höchstens die Hauptzielgruppe von Pro 7 auf den Leim gegangen ist, die auch mit Begeisterung „the next Urin Geller“ und ähnlichen Schund verschlingt…

  3. Sebastian schreibt:

    Das stimmt, ich habe danach mal ins Pro7-Forum geschaut, göttlich, wie die ganzen Bild-Leser abgegangen sind 🙂

    (Die Serie an sich soll garnicht übel sein, ich mag das Zeug von JJ Abrams ja ganz gerne.)

  4. meistermochi schreibt:

    ich fand diesen piloten so schlecht und habe mich geärgert, dass ich die sibirien-doku auf dem ersten verpasst habe.

  5. Pingback: Project Eurasia « social issues and stuff

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