Ich bleibe ruhig

Die Diskussion um Verschwörungen bezüglich des 11. September (2001) habe ich gefühlt 23 mal geführt, mit vollem Ernst und ohne etwas erreicht zu haben. Mit guten Freunden, mit „halt so Bekannten“, mit Wildfremden. Der Drang, immer wieder drauf anzuspringen, war stets größer als die Vernunft. Auch dieser Tage streift einer durch themenfremde Newsgroups, um seine Wahrheit an den Mann zu bringen, faselt althergebrachte Theorien über schmelzenden Stahl, gibt sich überlegen, in dem er sich großzügig von Verschwörungstheoretikern absetzt, die nicht einmal an die Flugzeuge glauben, will mir als Laien deduktive Logik erklären, versagt aber selbst hier und macht sich insgesamt eher zum Gespött.

Ich weiss nicht, wie, aber ich habe wohl eine innere Ruhe gefunden. Es ist mir egal, was er redet, ich goutiere es hier und da mit einem Späßchen, aber ich denke nicht weiter drüber nach. Es ist keine Resignation, es ist eher eine Erkenntnis. Es stimmt mich nicht einmal traurig, das tat es früher. Ich kann ja nicht über jeden Irren im Internet trauern, das wäre ja Wahnsinn, man käme ja zu nichts anderem mehr. Nicht, dass ich viel anderes zu tun hätte derzeit.

Vielleicht verlege ich mich auf’s Nörgeln im Alltag. Auf dem islamkritischen Intellektuellenportal PI hat mal einer stolz in den Kommentaren erzählt, dass er im Zug jedem arabisch aussehenden Menschen eine Israelfahne vor den Kopf gehalten hat, ein anderer, dass er, ebenfalls während einer Bahnfahrt, ein Messer bei sich trug. Als ein bedrohlich aussehender Araber schräg gegenüber saß, hat er einem Mitreisenden dass Messer gezeigt und ihm zugenickt „ich bin bereit, falls etwas passiert.“ Der Fahrgast hat sich sicher sicher (hm) gefühlt. Solche Menschen im Alltag machen Spaß. Da will ich auch hin, in diese Szene. Sie haben keinen eigenen Begriff, es gibt Querulanten, es gibt Säufer, Penner, Irre, aber diese leisen Beschützer westlicher Werte im Alltag, die haben noch keinen Dachverband.

Es ist die richtige Zeit, sich ein gesellschaftsrelevantes Hobby zu suchen, wir alle haben einen neuen Präsidenten (er ist übrigens schwarz), das ist eine gute Gelegenheit für einen Aufbruch, für Engagement. Aber man muss es ruhig angehen. Ein Plan wäre es, zunächst im Penny an der Schlange zu nörgeln, das ist sozusagen die erste Stufe. Tipps kann man dazu zum Beispiel im Kommentarbereich des shopbloggers holen, die Damen und Herren kennen da ja nichts, was den Betreiber übrigens auch eher selten zur Löschung veranlasst (vorher stand hier ein zugegebenermaßen etwas unfeinerer Hinweis, den ich aber nach einer e-mail lieber wieder entfernt habe – Satire liegt im Auge des Verachters). Nie wollte ich so werden, einer, der an der Kasse nörgelt, und selbst, wenn er ruhig ist, irgendwie unangenehm auffällt. Aber es nützt nichts, gesellschaftliche Zwänge treiben mich automatisch dahin, ein paar Wochen nicht zum Friseur gegangen, schon ist man da drin. Andererseits: Nörgeln, laut werden, sich echauffieren, weil ein Kind ’s Maul nicht halten kann, das lag mir noch nie. Die angeborene Gelassenheit ist Segen und Fluch zugleich.

Mir fällt tatsächlich keine Gelegenheit ein, bei der ich mich zuletzt aufgeregt hätte. In meinVZ ging neulich ein Kettenbrief rum (das ist auch erschreckend, wieviel Leute ich kenne, die Kettenbriefe verschicken – alles hängengebliebene aus meiner Vergangenheit, viele Nazis darunter, Drogenopfer, einer aus dem „Club 88“ im Gefängnis gar), das Thema war Kinderschänder oder so etwas, das Schlusswort jedenfalls: „Das einzige Recht, dass diese Menschen haben sollten, ist der elektronische Stuhl !!“ Da wusste ich auch nicht, worüber ich mich denn als erstes hätte aufregen sollen, wenn ich denn könnte, da kam soviel zusammen, dass ich gleich wieder ruhig blieb. Lediglich kurz gezuckt habe ich über eine Antwort, als eine mir dann doch fremde Frau schrieb „Wenn ich so etwas schon wieder lese mit den Kindern, die sollte man alle vergasen.“ Sag ich doch.

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5 Antworten zu Ich bleibe ruhig

  1. Oli schreibt:

    Ja, das ist so eine Sache. Wenn ich mich über alles aufregen würde, was mir nicht passt, wäre ich sicher schon geplatzt. Deshalb finde ich es schon gut, wenn man in der einen oder anderen Situation ruhig bleiben kann.

    MfG

  2. saripari schreibt:

    Alter, grandioser Beitrag, und ja- vielleicht heisst „Weise“ sein einfach, dass man das mit dem Bluthochkochenlassen einfach mal sein lässt. Irgendwie macht das ja auch Sinn.

  3. Alexander schreibt:

    Elektrischer Stuhl ? Sollen sie die Pädos doch mal zu mir nach Hause schicken, dann wissen sie was es heisst geschändet zu werden.

    Und als ob die PIler dass wirklich durchziehen – die Gefahr, von einem ganz schröcklichöm „Messermusel“ bei dieser Aktion gemeuchelt zu werden wäre doch viel zu groß!

  4. Sebastian schreibt:

    Nein, „elektronischer“ Stuhl! Das ist für die Pointe einigermaßen entscheidend.

  5. Donkys Freund schreibt:

    Bin mal hier gelandet. Tach auch.

    Hmmm…ich überlege mir gerade irgendeinem Tipp. Erstmal anonyme Leserbriefe vielleicht? Sozusagen aus der Deckung angreifen?

    Ach, mir fällt gerade nichts ein. Heute ist die 5 wieder mal zu gerade. Schrecklich!

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