’s rum

Auf der Strecke irgendwo zwischen Stuttgart und Tuttlingen schaute ich aus dem Seitenfenster und bewunderte das Parallax-Scrolling der fernen Gebirgsketten, staunte wieder einmal darüber, dass es pro idyllischem Taldorf genau eine mittelständische Firma gibt, die mit einem übergroßen Lager eben diese Idylle zu zerstören vermag. Der Mittelstand ist das Dorn im Auge Gottes.
Die Autobahnen funktionieren wie ein Uhrwerk, nur ein Zahnrad ist wohl ausgefallen, bevor wir an diese Stelle kamen – es lagen noch Splitter und Scherben rum und die Zeit lief ein wenig langsamer für einige Kilometer. Es ist eine Kunst, durchzurutschen, Weihnachten vor der Mittagszeit ist es sehr voll, und, tick-tack, mit der gleichen Präzision trifft man sich abends auf dem Weg nach Hause wieder. Ich habe das Gefühl, zurück ins Bett und vor den Fernseher geht es ein wenig schneller als hin. Wie der Hund beim Gassigehen, der, sobald er merkt, dass es wieder in Richtung warme Stube geht, viel fröhlicher und schneller voranläuft. Dabei hatte er es eben noch so eilig, raus zu kommen.

Ich glaube nicht an Gott, ich finde es merkwürdig, in die Kirche zu gehen. Ich singe dort nicht mit, bete schon gar nicht. Ich muss mir das Lachen verkneifen, wenn die Kinder vorne ihre „moderne“ Version eines Krippenspiels aufführen („ich wünsche mir eine Musikanlage mit CD-Spieler und Kassettendeck.“ „Und ich wünsche mir einen Computer mit 40 Gigabyte Festplattenspeicher und Internetanschluss.“ – „Kommt, wir spielen den Menschen einen Streich! Einen himmlischen Streich, der die Menschen zum Nachdenken bringt!“). Merkwürdiger fände ich es allerdings, diese 2 Stunden alleine zu Hause zu sein, aus Trotz oder Protest oder wasweissich. Da springe ich lieber einmal im Jahr über meinen Schatten.

Es ist trotzdem so fremd und wird es immer bleiben. Weihnachten, ein- und dasselbe Fest, von dem man, sieht man sich die Autobahnen an, schnell meinen könnte, es läuft überall gleich ab, tick-tack, habe ich aus zwei Perspektiven erlebt, die unterschiedlicher nicht sein könnten.
Die Version mit dem Schreien kam zu früh, die mit dem Singen zu spät, als dass ich mich in einer von ihnen komplett wohl fühlen könnte. Da muss man dann einfach durch. So viele nette und liebe Menschen, aber eben doch – so viele.

Auch dieses Jahr wird zu Weihnachten traditionell der Nahe Osten zerbombt, das ist auch jedes Jahr das gleiche. Bei denen ist das genau so wie hier: Gerade zu Weihnachten will man besonders freundlich sein und strengt sich viel zu sehr an, und am Ende platzt es aus allen raus und es gibt Weihnachtsstreit. Ja, ich glaube, das ist der Grund, warum da jetzt wieder alle sterben, das, oder irgendein anderer Religionsquatsch.

Es ist ganz gut, dass Weihnachten erst einmal wieder rum ist. Vielleicht kommt man ja jetzt zur Ruhe.

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2 Antworten zu ’s rum

  1. Steffi schreibt:

    Man könnte meinen du hasst Weihnachten und damit auch die letzten Tage. Zum Glück weiß ich es besser. Du bist ein sehr depressiver Schreiberling. Ein gut geschriebener Text mit steigerndem Aufbau, nur eben sehr traurig, tief traurig.

  2. meistermochi schreibt:

    ich war ne woche ohne internet und in paris. hatte nur eine schlagzeile in der herald tribune verfolgt. vor weihnachten. anfang letzter woche oder so. irgendwie ging es da um friedenszeichen. und jetzt: krieg. purer wahnsinn…

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