Sunnyside of the street

Unsere Straße ist sehr lang und es kann sehr deprimierend sein, sie entlangzugehen. Die Hälfte der Läden steht leer und von der anderen weiss man, dass es bald soweit sein wird.
Als die Besitzerin des Kiosks direkt an der Ecke Anfang des Jahres tot in ihrem Laden aufgefunden wurde, hieß es zunächst in den üblichen Kreisen, dass es evtl. die Leute vom eriträischen Verein, die sich dort abends betrinken, waren, aber es war falscher Alarm. Es befindet sich dort nun ein Geschäft, in dessen einen Hälfte ein alter Herr mit Rauschbart Pflanzen und Gestecke anbietet und in der anderen eine junge schwarze Frau Kosmetika und Wellnesszeug. Wir rätseln manchmal, in welchem Verhältnis das ungleiche Paar zueinander steht und wie es zu dieser Idee kam. Die Ideen reichen von Schwiegervater- und tocher bis zum Kennenlernen auf einem Seminar für Menschen, die sich selbständig machen wollen, aber fragen möchten wir nicht. Es ist traurig anzusehen, wie die beiden den ganzen Tag alleine im Geschäft sitzen und sich langweilen, während sich kaum ein Kunde dort hineinverirrt. Es steckt wirklich sehr viel Mühe in dem Geschäft, aber Mitleidskäufe können wir uns auch nicht leisten (jedenfalls nicht ständig – die einzige Pflanze, die wir dort kauften, überlebte wie alle anderen auch nur eine Woche).

Geht man weiter wird es nur schlimmer. Immerhin, unser direkter Nachbar, der Fernsehservice, hält sich seit einer Ewigkeit tapfer. Das ist um so bewundernswerter, wenn man bedenkt, dass er schon immer die gleichen alten Geräte mit Kunstholzrahmen im Schaufenster stehen hat und dreiviertel des Jahres im Urlaub verbringt. Geldwäscheumschlagplatz, ick hör Dir trappsen.

Will man sich einen Döner kaufen, kommt man vorbei an der ehemaligen Wäscherei, wo jetzt ein Second Hand-Laden ist. Der hat auch oft zu, hinterlässt aber stets lesenswerte Notizen an der Tür á la „Bin Post. Gleich wiederkomme.“ oder „Mondtag zu“.

Fragen wirft das neue Bestattungsinstitut auf, welches sich, den unidentifizierbaren Wörtern nach, entweder an Griechen oder Russen oder sonstwas richtet. Bzw. eigentlich nur eine Frage, nämlich, wer in einem Bestattungsinstitut den Schreibtisch für die Beratung direkt und ohne Sichtschutz an das Schaufenster stellt. Hier kann man dem Meister noch bei der Arbeit zusehen. Möchte ich Menschen weinen sehen, schalte ich Pro7 ein. Hilfe, Titten zu klein o.ä.

Trauriger Tiefpunkt war aber der von leeren Geschäften umrahmte Imbiss, der dieser Tage Eröffnung feierte. Er bietet laut liebevoll gestaltetem und laminiertem DIN A4-Blatt nur eine Mahlzeit an, eine Käse-Gemüse-undsozeug-Tasche, die man sich extra patentieren hat lassen und die wohl der große Hit ist. Bzw. jetzt ja werden soll. Zur Eröffnung hingen ein paar Luftballons traurig im Regen und drinnen steht der Chef und hofft, dass sich irgendjemand hineinveirrt. Wir trauten uns nicht hinein.

Jedesmal, wenn ich die Neckarstraße entlanggehe, wünschte ich mir meine Kamera dabei. Eine Straße in ständigem Wandel, aber es wird nicht besser.

Konstant ist jedoch die andere Straßenseite. Weit genug vom Elend entfernt und durch die Stadtbahnlinie getrennt, reiht sich dort Theater an Auktionshaus an Autohaus an Behörde an Institut. Sunnyside of the street. Wir wohnen auf der falschen Seite.

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8 Antworten zu Sunnyside of the street

  1. causa prima schreibt:

    Sag doch einfach, dass du aus dem Ghetto kommst. Floriert wenigstens der HipHop, die Prostitution und der Drogenhandel auf deiner Straßenseite? Sonst wäre es ja ein sehr trauriges Ghetto.

  2. Sebastian schreibt:

    Nein, alles sehr traurig. Florieren tun hier nur Wettbüros.

  3. Alexander schreibt:

    Gibts den Afgahnenmarkt und den Afroshop eigentlich noch? Ist schon so lange her dass ich durch deine Gegend gecruist bin, mindestens 2 Monate.

    Hier in meiner Noch- Studierstadt gibts übrigens fast nur solche Läden, und ich „verirre“ mich immer in sie rein.

    Kaufe aber nie was.

    So wie ich eigentlich nirgends was kaufe. Die Kassierer im Media Markt werfen mir mittlerweile tödliche Blicke zu wenn ich mich durch die Schlange an der Kasse drängel ohne was gekauft zu haben, aber lieber durch irgendwelche Läden bummeln als über 30 Minuten in der Scheisskälte auf den nächsten Bus zu warten. Ja, die Geschäfte der Welt sind meine Bushaltestellen.

    Scheisse, das war jetzt fast schon genug Stoff für einen eigenen Blog-Post…

  4. Sebastian schreibt:

    Afghanenmarkt ja, Afroshop nein. Da ist jetzt glaube ich der Bestatter drin.

  5. MuGo schreibt:

    Du hast die Cocktail-Bar vergessen, die auf eurer Straßenseite liegt!

  6. Brunhilde schreibt:

    Hallo Basti,
    hab trotz eurer bejammernswerten Lage auf der falschen Straßenseite herzlich gelacht.
    Diese Sichtweise ist wirklich gut.
    Gruß B.

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