Wie der Bürgermeister mir das BKA auf den Hals hetzte (übertrieben gesagt)

Kleine Assoziationskette: Ich nutzte stöbernderweise die Zufallsfunktion auf citronengras.de und landete bei diesem Kleinod, in dem die gute, alte Tradition des „Nach-dem-Weg-fragens“ näher betrachtet wird. Ebenso wie Frank werde ich zum psychischen Wrack, sobald jemand nach dem Weg fragt, das ist alles viel zu spontan, ich stammel dann etwas rum, zeige grob in die ungefähre Richtung und nehme Reissaus. Also abgesehen davon, dass ich meine Wohngegend eh nicht besonders kenne.

Dann widerum erinnerte ich mich, wie ich einmal in der Lübecker Fußgängerzone nach dem Weg zur Schiffergesellschaft gefragt wurde, das beste und traditionsreichste Speisehaus Lübecks, in dem ich folglicherweise noch nie war. Trotzdem kennt jeder Lübecker das Restaurant und seinen Standort. Das Interessante an dieser Begegnung war, dass es sich bei dem Fragesteller um den damaligen Bürgermeisterkandidaten Bernd Saxe (SPD) handelte. Da ich mir nicht vorstellen konnte, dass diese hohe Persönlichkeit diese Lokalität nicht kennt, die sich außerdem fast in Sichtweite unseres Standpunktes befand, nehme ich an, es ist seine Art, im Wahlkampf den Kontakt zum Bürger zu suchen. Er sah mich dann auch erwartungsvoll an und hoffte ich sage etwas wie „Ach, Sie sind doch!“, aber ich war wie gewohnt ein wenig zu perplex. Hätte er mir einfach einen Flyer in die Hand gedrückt, alles wäre in Ordnung gewesen. Ein allzu durchsichtiges fishing for fame im Nachhinein, aber so sind’se halt.

Die Assoziationskette geht weiter: Nun heisse ich selbst mit Nachnamen Sachse. Das ist ein wenig anders geschrieben, aber es reicht. Denn im Telefonbuch stand unsere Nummer unter dem Namen B. Sachse, was dazu führte, dass wir in größeren Abständen Post für eben Bernd Saxe bekamen, als dieser in der Stadt noch nur halbprominent war. Die ließen wir dann selbstverständlich zurückgehen, bzw. beim ersten Mal meldeten wir uns noch telefonisch bei ihm (denn WIR sind ja schlau genug), nannten ihm den Absender und erhielten die Antwort, den Brief können wir wegschmeissen.

Der schönste Augenblick aber, und um ehrlich zu sein, wohl der einzige halbwegs erwähnenstwerte, war dieser: Bernd Saxe war zum Bürgermeister gewählt worden und Jahre später lud Lübeck zur EU-Innenministerkonferenz. Da ist natürlich ein hohes Sicherheitsaufgebot gefahren worden, und auch wir durften ein kleiner Teil sein. Mich persönlich erreichte nämlich ein Anruf des BKA und bevor ich aufklärerisch tätig werden konnte, erzählte mir der liebe Mann, dass es noch einige Dinge zur Sicherheit zu besprechen gäbe, es lägen nämlich Hinweise vor, dass ein Anschlag auf die dänische Innenministerin geplant sei. Oha. Jetzt war ich also Teil des inneren Zirkels der Mitwisser. Leicht überfordert spulte ich mein Standardprogramm ab („Sachse, wie das Volk, ohne x“) und der in Sachen Verbrechensaufklärung sicher hochkompetente Analphabet am anderen Ende der Leitung entschuldigte bzw. verabschiedete sich.

Die Moral ist also: Die Paranoia in den letzten Jahren hat so gigantische Ausmaße angenommen, dass man mittlerweile nicht einmal mehr nach dem Weg fragen kann, ohne beim Thema Terrorismus zu landen.

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5 Antworten zu Wie der Bürgermeister mir das BKA auf den Hals hetzte (übertrieben gesagt)

  1. Dennis schreibt:

    Mit diesem Text bist du wohl dann jetzt gleich mehrfach im Register 🙂

  2. Frank schreibt:

    Kleinod? Toll, jetzt bin ich verlegen. 🙂

  3. Lukas schreibt:

    Warum beunruhigt mich das jetzt, dass BKA-Leute jeden Unbekannten in den Stand ihrer Terror-Ermittlungen einweihen?

    Aber schöner Text!

  4. Niels schreibt:

    Warum hast Du nicht ein bißchen müde geschwiegen und sie weiterplaudern lassen?

  5. Sebastian schreibt:

    Na ich bin Patriot!

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