Last night a TV saved my life

Alle paar Wochen bringt mich ein ekelhafter Hustenanfall um meinen Schlaf. Weil ich dann weiss, dass ich die nächste Stunde eh nicht werde schlafen können und ich meine Freundin nicht in diese Tragödie hineinziehen möchte, verziehe ich mich freiwillig in das Wohnzimmer und wärme mich ein wenig am vertraut-heimeligen Licht des Fernsehers. Und da geschehen nachts die merkwürdigsten Dinge (welche aber im Grunde nur Wiederholungen vom Tage sind, nur halt zu den Merkwürdigkeiten zusammengekürzt).

Ein beliebtes Ziel diverser Parodien sind die Teleshopping-Sendungen. Absolut zu recht, wie ich anmerken möchte. Meinen Teil dazu habe ich aber bereits beigetragen, außerdem ist Ricky King irgendwie verschollen. Angepriesen wird zur Zeit „der Wendler“ ein mit einer süßen Zuckerschnute versehener Kirmesschlagersänger, der die Standards des Kirmesschlagergenres perfekt beherrscht (als da wären: eine ewig gleiche musikalische Untermalung mit dem, was ’91 sogar noch als Techno durchging, billigst runtergerissene Videos auf Riesenrädern, Grabkappellentreppen (hier wichtig: die Füße auf verschiedene Stufen stellen, um eine optimale Mitdemtaktwipp-Haltung zu ermöglichen) und Weihnachtsmärkten, also in etwa die Lokalitäten, an denen auch public pornos gedreht werden, unheimlich (im Sinne des Wortes) gut besuchte Konzerte, in denen er vor fleischigen Sachbearbeiterinnen und durchgegelten und übergecremten Steintechnikern in lächerlichen Kostümen seine Discographie zum besten gibt usw.). Der Wendler ist okay, aber an die Klasse eines Ricky King reicht er nicht ran.

Aber: damit habe ich mich nicht aufgehalten. Also habe ich mich weitere 4 male durchs komplette Programm gezappt, bis ich irgendwo hängengeblieben bin. Die Niederungen, die sich da auftun, wurden allesamt schon sehr ausführlich durchdiskutiert, also spar ich mir lange Reden und komme direkt zu eXklusiv Weekend, was für eine Sendung.

Ich frage mich immer, wenn ich Frau Ke-Ludowig sehe, ob sie an Depressionen leidet. Mit welcher Ernsthaftigkeit sie die banalsten Beiträge ankündigt, macht mir große Angst. Sie muss zusammenbrechen, sobald das rote Licht der Kamera erlischt, jeder normale Mensch muss das. Aber dann steht sie soch wieder da, mit der gleichen Ernsthaftigkeit, und ich frage mich: Was? und: Wieviel? Ich will das auch. Aber woran denkte eine Frau Ke-Ludowig, wenn sie nach Hause kommt? Glaubt sie, etwas von Wert geschaffen zu haben? Legt sie sich nach ihrem 2-Stunden Arbeitstag gleich erschöpft ins Bett oder liest sie erst ihren Feedreader oder schaut Arte oderoderoderwas? Existentielle Fragen, aber die Antwort werden wir nie erfahren.

Die Beiträge der Sendung sind perfide. Weil sie funktionieren. Es lief ein Beitrag über eine Veranstaltung der Bussi-Bussi-Gesellschaft von Wien. RTL kennt natürlich seine Zuschauer und dementsprechend ist der Beitrag natürlich auch aufgebaut. Unterschwellig natürlich Neid erweckend, werden die Botoxmumien angekündigt mit einem süffisant-ironischen Ton. „Die Superreichen treffen sich alljährlich in der Kurt-Waldheim-Lounge zum Bussi-Bussi. Man kennt sich in dieser Szene. Feinster Geldadel mit blaublütiger Vergangenheit und Baulöwe mit extra eingeflogener Blondine geben sich hier ein Stelldichein. Über Geld spricht man nicht, man hat es – und zeigt es“ uswusf. Der Ton, in dem der Beitrag verlesen wird, klingt so, als ob man sich über die Gesellschaft unterschwellig lustig macht, auf dass der gemeine Zuseher sich auch lustig machen kann, aber viel unterschwelliger wird dieser Lifestyle als höchte zur erreichende Lebensform gepriesen. Das nennt man Symbiose. Also eigentlich wohl eher Parasitentum, aber ich weiss nicht, welche der beiden Seiten, Charity-Lady oder Fernsehsender, sich bei wem parasitär verhält, darum gestehe ich es beiden zu.

Zwischendrin durfte sich dann tatsächlich Jo Groebel über irgendetwas echauffieren, weiss ich also endlich auch, wie er aussieht. Er ist wirklich so, wie Stefan sagt, inhaltlich.

Dann aber die Perle: MRR. Er, dessen vollen Namen man nicht ausspricht. MRR wurde die vergangene Woche durchgereicht wie eine alte Hafennutte und tatsächlich wurde er die letzten Tage mehrere male von RTL – eXklusiv besucht (wahrscheinlicher: ein Besuch, der über viele Beiträge gestreckt wurde). Das ist schon keine Ironie mehr, Ironie hat doch immer auch etwas feinsinniges. MRR redet bei RTL – eXklusiv über die Schäbigkeit des deutschen Fernsehens. Das zeigt einmal mehr, dass er nicht wirklich weiss, was in der TV-Welt vor sich geht. Er hat übrigens einen sehr großen Flachbildfernseher, der sein halbes Bücherregal einnimmt. Auch hier: Verdrängung. MRR hat sich ein wenig durch das Programm gezappt und ab und zu „scheusslich, scheusslich“ oder „das ertrage ich nicht“ vor sich hin gemurmelt. Er hat übrigens einen ausgezeichneten Schneider, welcher ihm Sessel passgenau um den Körper schneidert. Also: gemütlich sind diese gutbürgerlichen Wohnungen ja schon. Da will ich auch hin.

Nach diesem Ausflug in die Welt des Glamour und Glitzer noch auf einen Absacker zum ZDF. Hier lief eine Reportage über Schüler, die es nicht wirklich packen. Ein Stuttgarter aus stinkreichem Haus kriegt aber alle Mittel zur Verfügung gestellt und entdeckt die Lust am Lernen neu. Auf ins Internat! Das war übrigens eine sehr, sehr nette Familie und der Junge schwer in Ordnung, auf derlei Vorurteile möchte ich mich garnicht einlassen. Bei RTL hätte der Beitrag aber wahrscheinlich wieder anders geklungen.
Die zweite Episode begleitete einen Lehrer in einem Werkstattprojekt, alles so, wie man es sich vorstellt. Jungs, die jeden Tag verpennen, Lehrer im Karohemd und „cool drauf“ usw. Ich habe ja auch diverse Schulformen hinter mir, ich kenne solche Projekte, die für den Lehrer sicher erfüllend sind, aber auch frustrierend sein müssen. Am Ende sind allesamt sehr engagiert und haben will sie trotzdem keiner.
Als drittes dann natürlich die klassiche Hartz IV-Familie. Eine Gruppe aus ehrenamtlichen bringt Kindern das Lesen bei, weil es zu Hause keine Bücher gibt. 3 Kinder in einem Zimmer mit nur einem Bett, „man hat sich eingerichtet in Hartz IV“, das übliche. Ach, ich wollte zurück in die Welt des Glamour. Also legte ich mich wieder ins Bett. Bussi-Bussi.

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2 Antworten zu Last night a TV saved my life

  1. jufjuf schreibt:

    Frau Ke Ludowig würde ja laut schreien, wenn sie könnte. Aber auch bei ihr haben OPs und Botox jeden Gefühlsausdruck unmöglich gemacht. Und MRR wird von RTL missbraucht? Hat der denn keine berater, die ihm sagen, „Lass das mal lieber?“

  2. Sebastian schreibt:

    Das wären dann die gleichen, die ihn auch zur BILD schicken, wo er TV-Tipps gibt. Oder abnickt oder nicht mal das.

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