Camp Punk

Im bitterkalten März 1995 beschlossen Alexandra, Jan und ich, am Dummersdorfer Ufer zu zelten. Diese hormonelle Mischung war hochexplosiv, deswegen nahmen wir als Entschärfer noch Jans kleine Schwester Yvonne mit. Sie war zwar recht ansehlich und auch seit Ewigkeiten in mich verknallt, aber ich war absolut desinteressiert. 1. war sie ja noch ein Kind (2 Jahre jünger! Mindestens!) und 2. war ich meinerseits seit Jahren in Alexandra verliebt, im Bewusstsein, dass nie etwas laufen würde (Friendzone).

Wir schlugen unser Zelt unweit des Flusses auf, jedoch ausser Sicht der Wasserschutzpolizei, die nachts auf Jagd nach Wildcampern das Ufer abfährt. Erstmal essen! Einer von uns machte Chili con carne. Chili vor dem Zelten? Das war ja eine Furzorgie mit Ankündigung. Wessen Idee war das? Wahrscheinlich blitzten hier noch einmal Jans und meine „Lausejungen“ durch, die eigentlich seit 2 Jahren tot waren. Wir spülten die Töpfe nach dem Essen im Fluss ab, die Mädchen suchten sich im Wald eine Toilette und dann saßen wir im Zelt, wasweissichwas machen.

Einige Zeit später auf einmal Schritte. Wer mochte das sein? „Hallo?“ Die Stimme klang unheimlich. Wie Meerschweinchen blieben wir ruhig in unserem Häuschen. Feiglinge! „Es ziemt sich nicht, einen Besucher so unhöflich zu empfangen.“ Es ziemt sich nicht, was war denn das für einer? ist das so eine Art Landstreicherkodex? „Ich könnte jetzt einfach Benzin auf das Zelt gießen und es anzünden.“ Ohgottohgott, nichts wie raus, das ist ja ein Irrer! Wir huschten hinaus ins Freie und besahen den Mann. Er war ca. 20 und sah ziemlich verranzt aus. Seine Haare waren ein paar bunte Fetzen, die zu besonderen Anlässen („auf Platte gehen“) wohl zu einem Iro geformt werden können. Er war ganz nett, das war natürlich nur ein Scherz, aber man muss aufpassen, sagte er, sowas haben Nazis schon bei ihnen gemacht. Er stellte sich als „P“ vor.

(Jahre später: „P“, dessen Tag auch unseren Stromkasten zierte, war wohl nicht immer nett. Das hübscheste Mädchen der Trave-Realschule seinerzeit, Vanessa, ein blonder, blauäugiger Engel, wurde unter dem Einfluss von „P“ zu einem der fertigsten Menschen, die ich je gesehen habe. Absturz, alles hinschmeissen, von schön zu hässlich in wenigen Wochen, zeltliche Gewalt)

Wir unterhielten uns eine Weile und er fragte irgendwann, ob wir nicht Bock haben, bei ihm und seinen Leuten zu zelten. So brachen wir unser Lager ab. Klamottentechnisch war meine Pubertät geprägt von zahlreichen Versuchen und Fehltritten, sowas wie Stil zu entwickeln und zur Zeit trug ich eine prollige, schwarze Bomberjacke mit organgem Futter. „Aha, bist wohl ein Nazi“ sagte „P“ auf einmal und schnell und devoter als gewollt antwortete ich „Nein, ich bin eigentlich garnichts.“

Das stimmte. Für so einen Quatsch wie Politik oder Subkulturen hatte mein pubertierend nach Liebe gierender Körper keine Zeit und ich hatte nur eine ungefähe Ahnung, was ein Nazi eigentlich sein sollte. Zu der Zeit trug ich auch einen dieser damals sehr beliebten Bundeswehrrucksäcke alter Version, ein Überbleibsel aus der Grunge-Zeit. Wo andere auf ihren Rucksäcken jedoch politische Parolen stehen hatten („Nazis aufs Maul“, „Fuck Chirac“), war mein Rucksack verziert mit sinnlosem Gelaber und einigen Unterschriften. „I love this game“, aber das war Blödsinn, ich hasste Basketball. Hauptmerkmal war eine Comicfigur eines kiffenden Punks, die einzige Comicfigur, die ich damals in der Lage war, zu zeichnen, es gab noch zahlreiche Derivate, kiffender Glatzkopf, kiffender Schwarzer, Lolli lutschender Opa, was weiss ich, die Grundfigur sah aber ungefähr so aus:

Ein richtiger Blödelrucksack. Der dümmste und zentralste Spruch von allen komprimierte sehr gut meinen Geschmack zu jener Zeit und war tatsächlich ein wenig provokant. Er lautete, and I shit you not: „Steven Urkel rulez!“ Hammer. Steven Urkel rulez. Mit diesem Spruch konnte ich meinen Ruf als Pausenclown zweiter Garnitur in der Schule verfestigen, zur Kandidatur als Schülersprecher taugter er wenig. Wie gesagt, Politik: nein danke. Die machen ihr Ding, ich mach meins.

Wir folgten „P“ eine Ewigkeit über stockharte (März!) Kartoffeläcker zu einer Burg aus mehreren bunten Bauwagen, einigen Zelten und einer Lagerfeuerstelle, an der wir unser Zelt aufstellten. Wir hingen dann an diesem Abend in größerer Runde am Lagerfeuer und es war sehr gemütlich. Wir tauschten, den Anarchismus lebend, geldlos unsere Waren. Unsere gute Hühnersuppe gegen Holsten. Igitt, Holsten, das widerlichste Gesöff, dass es überhaupt gibt. Wer Holsten trinkt, macht auch im Jahr 2008 noch 90er Jahre-Spaß-Hip Hop, sagte ich mir schon damals. Aus Höflichkeit trank ich trotzdem drei Halbe. Einer der Jungs spielte auf seiner Akkustikgitarre ein Lied, allerdings sehr schlecht und ich verstand nicht viel. Es ging um „scheiss Deutschland“ und klang ein wenig wie Slime unplugged, aber Slime kannte ich da noch garnicht.

Irgendwann waren wir alle duselig und müde, also legten wir uns in unsere Schlafsäcke. Am Rand ich, dann Yvonne, dann Alexandra und am anderen Ende Jan. Physikalisch getrennt wurden wir beiden Pärchen durch eine Stange, in Wirklichkeit trennten uns Welten. Ich konnte überhaupt nicht schlafen, was machte ich überhaupt hier? Es ist arschkalt, ich hätte mich jetzt am liebsten sogar an Yvonne gekuschelt, aber ich habe mich nicht getraut. Außerdem, die anderen beiden, man hörte dauernd irgendwelches Gemurmel und Gefummel, das machte mich noch wahnsinnig. Es wurde langsam ein wenig wärmer und die beiden waren jetzt intensiv dabei. Ohgottohgott, was mache ich nur? Die beiden wollten jetzt richtig loslegen, wenn ich das richtig verstand, es wäre Jans erstes mal, was sollte ich tun? Ein Wahnsinn das alles. Folgender Satz untermauerte meine Hackordnung in unserer Gemeinschaft für den Rest aller Zeiten. Der Satz kam von Alexandra und ging. „Oh mein Gott, da kriegt man ja Angst!“. Das war’s, der Zug Techtelmechtel Richtung Alex war für mich abgefahren.

Die beiden waren mächtig am schwitzen und pumpen und ich lag in Schockstarre daneben und konnte nichts tun. Was waren die Möglichkeiten?

– Ich blieb weiter mucksmäuschenstill. Pervers, den besten Freunden beim bumsen zuzuhören. Aber letztendlich waren sie es doch, die hier rummmachten, es war ihre Verantwortung, für eine intime Atmosphäre zu sorgen. Wenn sie das vor lauter Geilheit nicht konnten: Pech.

– Aufspringen und irgendwas sagen. „Könnte ihr nicht woanders weitermachen, ich versuche zu schlafen, ich habe morgen einen langen Tag“ osä. Nein, das wäre zu peinlich, ich wollte uns allen den Spaß auch nicht verderben. Man musste da auch an Jan denken, sein „erstes Mal“ sollte nicht so enden.

– Subtil zu erkennen geben, dass ich wach war oder im Begriff aufgrund ihres Gestöhnes wachzuwerden. Ein gekünsteltes „Hgnnngääääääääähn“, ein Umdrehen, vielleicht reichte das.

Die Entscheidung wurde mir Gott sei Dank abgenommen. Die beiden schwitzenden und schnaubenden Schatten erstarrten, als Yvonne den unbeholfensten Satz ausstieß, der einem einfallen konnte: „Alex, wie spät?“ Das saß. Beide hörten auf einmal auf und waren still. Alex antwortete „halb drei“ oder irgendwas, und dann war erstmal Ruhe. Ich tat weiter, als ob ich schliefe. An wirklichen Schlaf war aber mal überhaupt nicht zu denken, die sexuelle Wolke hing immer noch in der Luft und am liebsten hätte ich jetzt einen Rudelbums angezettelt, aber das kam mir doch zu pervers vor, da Jan und Yvonne Geschwister waren. Wenig später haben Alex und Jan von vorne angefangen, das gab’s doch nicht. Diesmal blieb Yvonne still, und ich blieb es auch. Jan musste seine Arbeit gut machen, Alex konnte ihre Freude ob des schönen Abends nur mit Mühe zurückhalten.

Irgendwann erfolgte dann auch folgender Dialog, der diesen Höhepunkt der Nacht keinen werden ließ:
„Lass uns aufhören, ich kann nicht mehr.“ – „Wirklich?“ – „Ja, ich bin schon zweimal gekommen, außerdem drückt meine Blase.“ Zweimal, ein Wahnsinn, ob das stimmte? „Aber ich bin doch noch garnicht fertig.“ – „Egal, ich kann nicht mehr“. Und so nahm diese Aktion ein Ende.

Am nächsten morgen war es noch viel kälter geworden. Wir quälten uns aus dem Zelt in den diesigen Morgennebel und mein erster Blick fiel auf eine junge Frau, die vor ihren Bauwagen pisste, na vielen Dank auch. Wir alle hatten miese Laune. Alex konnte sich eigentlich nicht beschweren, 2 Orgasmen sind doch eigentlich genug. Jan war ein wenig irritiert, einerseits hatte er Sex, andererseits war selbst sein Handbetrieb am Ende befriedigender. Beide wussten, dass Yvonne sie belauscht hatte, was für alle drei peinlich war, ich war mit meinem Geheimnis alleine, eine schwere Last. Es nieselte und wir knüllten das Zelt unbeholfen zu einem großen Klumpen. Ganz zusammenlegen wollten wir es wegen dem Regen nicht (Schimmelgefahr!). Wir verteilten unsere übrigen Dosenmahlzeiten an die nach und nach auftauchenden Punks und verabschiedeten uns. Es war ein schöner Abend, kommt mal wieder vorbei, schlimmer als ein Besuch bei Oma war der Abschied.

Zu zweit trugen Jan und ich das Riesenzelt über die gefrorenen Äcker durch den Nieselregen und Nebel. Irgendwann war um uns herum nur noch Acker, nicht einmal die bunten Bauwagen um uns herum waren zu sehen. In diese Tristesse platzte es aus mir heraus: „Ich habe euch gehört.“ Warum habe ich das jetzt gesagt? Wie ein 7-jähriger Junge, der etwas ganz tolles entdeckt hat, guckmalguckmal, was ich gefunden habe. Wie albern, die beiden waren doch selber dabei. Jan sagte garnichts, er zwinkerte mir in einem geschützten Augenblick zu. Alex war tierisch sauer. „Du hast uns zugehört und nichts gesagt? Wie pervers bist Du eigentlich?“ Sie konnte ganz ruhig sein, sie wusste, dass die Schwester ihres Gespielen zuhörte und konnte sich trotzdem nicht zurückhalten vor sexueller Geilheit. Aber sie hatte grundsätzlich natürlich recht, eine ganz schön perverse Aktion. Ich sagte daher nichts. Außerdem war ich todmüde und damit beschäftigt, uns wieder aus dieser Kartoffelhölle zu führen, bevor wir uns gänzlich verirrten. Da hinten, da war der Weg.

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23 Antworten zu Camp Punk

  1. uli schreibt:

    Hach …!

  2. Frank schreibt:

    Ja, solche Sachen passieren.

  3. Alexander schreibt:

    Stöhn , Ächz , Spritz! Hat der Döner gestern übrigens geschmeckt ?

  4. Sebastian schreibt:

    Es gab Cheeseburger und Pommes vom Penny Markt, nachts noch CNN und dazu Flips (0,49 €)

  5. Alexander schreibt:

    Dann war das gestern jemand anderes bei der Haltestelle vor diesem Afghanenmarkt in deiner Strasse der den Döner schnabuliert hat .

  6. Sebastian schreibt:

    Ja, das kann sein, dass da manchmal auch andere hingehen. Weiss nicht. Was machst Du da überhaupt? Stalker. Ich habe gestern einen Bericht über Fahrradpolizisten in Kirchheim/Teck gesehen, ist doch eine nette Gegend.

  7. Milo schreibt:

    Nette Geschichte! Ich hätte auch zugehört!

  8. Alexander schreibt:

    Ich hab nur die U 6 (oder U 4 ? Keine Ahnung ) nach Untertürkheim genommen , hatte dort ne Verabredung mit 2 geilen Schnecken ; ich kann auch nichts dafür dass die Strecke an deinem Haus vorbeiführt…

  9. Sebastian schreibt:

    Das war dann die U4. Und man nennt es nicht Verabredung, wenn man dafür bezahlt.

  10. MuGo schreibt:

    „Alex konnte ihre Freude ob des schönen Abends nur mit Mühe zurückhalten.“

    Schreib ein Buch, ich kaufe es – und wenns um Penisverkleinerungen bei Hermaphroditen geht!

  11. niels schreibt:

    Ganz großes Kino, ehrlich.

    Mehr davon bitte.

  12. Alexander schreibt:

    Haben ja nur jede 2 Euro gekostet 🙂

  13. Dennis schreibt:

    Die Alex-Geschichten sind die besten 🙂 Da träumt wohl jeder Teenager von…

  14. Frank schreibt:

    Es gab ja auch diese „Mein 1. Mal“-Stories in der Bravo. Die wirken jetzt im Nachhinein ganz schön weichgespült im Vergleich zu deinen knallharten Schilderungen der Realität.

  15. Sebastian schreibt:

    wie jeden donnerstag, traf ich mich mit meiner clicke in der muffathalle. heute war ein neues gesicht dabei. wir unterhielten uns super. das system gefiehl mir mit seinen dunklen haaren und seinen grünen augen auf anhieb. nach einer weile bot es an mich zu begleiten. gemeinsam marschierten wir zum bahnhof. ich genoss die nähe des systems. zum glück hatte das system sturmfreie bude. in seinem zimmer fing es gleich an mich heftig zu küssen. während wir auf seinem bett lagen und es mich zärtlich streichelte, versicherte mir das system immer wieder wie gern es mich habe. ich hatte mich immer vor dem schmerz beim ersten mal gefürchtet, doch das system war so liebevoll das es garnicht wehtat-als es in mich eindrang. an diesem tage hatte mich das system gefickt. leider hat es sich danach nie wieder bei mir gemeldet.

    Blumentopf – Das schönste Gefühl

  16. Alexander schreibt:

    Mein System fickt mich jeden Tag , Scheiss Windows

  17. Sanja schreibt:

    ich habe meiner ehemaligen mitbewohnerin gesagt, das nächste mal solle sie mir diese art von aktionen mitteilen. für die eine nacht hätte ich mir schon ne bleibe gefunden.
    mittendrin was zu kommentieren, wenn die beiden mittendrin sind, wäre auch noch viel weirder gewesen

  18. MuGo schreibt:

    @Sanja:

    Auf jeden Fall! „Meint ihr nicht, dass es Zeit für einen Stellungswechsel wird?“ könnte die Situation nicht wirklich retten…^^

  19. Sebastian schreibt:

    Wäre auszuprobieren. Habt ihr Lust auf einen Campingausflug? Ich bringe Chili mit.

  20. MuGo schreibt:

    Was eine elegante Überleitung ist, um darauf hinzuweisen, dass ich höchstwahrscheinlich am 30. und/oder 31. Oktober in Stuttgart sein werde. Bist du da zufälligerweise anwesend zwecks kennenlernen im „Real Life“?

  21. Sebastian schreibt:

    Gehe stark davon aus, dass ich hier sein werde. Ja, das wäre cool. Können den Rest ja per Mail bequatschen, wenn’s soweit ist.

  22. MuGo schreibt:

    Nu, geht klar.

    Muss nur noch ne Mitfahrgelegenheit klarmachen und dann geht’s ab!

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