Was hat Dich bloß so ruiniert?

Dieser Tage erscheint das Buch „Deutschlands sexuelle Tragödie – Wenn Kinder nicht mehr lernen, was Liebe ist“ und ich möchte mal in die Runde fragen, an wen sich dieses Buch eigentlich wenden soll.
Es kommt mir ein wenig so vor wie „Die Gesichter des Todes“, in dem am Anfang verschämt gesagt wird, man wolle mit diesen schockierenden Bildern die Vielfalt des Lebens und des Todes dokumentieren und das alles ist hochseriös (das Ende ist übrigens viel lustiger, hier werden Schmetterlinge und Blumenfelder gezeigt, und man soll bitte daran denken, dass das Leben auch wunderschön sein kann – aber nagelt mich da nicht drauf fest, ich habe den Film zuletzt mit 9 oder so gesehen).

Ich kenne den Inhalt des Buches nicht, aber die PR läuft genau so ab: Am Anfang in diversen Zeitungsartikeln der Disclaimer „Dieses Buch rüttelt auf“ und im übrigen Fallbeispiele von Roflita-Sex (eine geschickte Vermeidung bestimmter Suchbegriffe), 14-jährigen Sexmachos und viel Gangbang. Rund 30 Beispiele sollen in dem Buch aufgezeigt werden und ich frage mich: wozu? Da scheint mir nicht viel Platz zu bleiben für eingehende Analysen und tiefergehenden Gedanken. Das Buch wird sicher weg gehen wie warme Semmeln, aber ein wirklicher Nutzen jenseits einer Wichsvorlage erschließt sich mir nicht.

Wenn man mich fragen würde, welchen Luxus ich mir leiste (was im Übrigen keiner tut, so wie mir auch nie jemand ein Stöckchen zuwirft *schnüff*), ich würde sagen: Dummheit.
Dummheit ist reiner Luxus. Sie ist unnötig, der Allgemeinheit wäre gedient, wenn man sie abläge, aber es ist viel bequemer mit ihr. Und eben diese Dummheit in bestimmten Bereichen trage ich nicht unbedingt mit Stolz, aber mit einer Egal-Haltung vor mir her.

Das lässt ich daran festmachen, dass mich der Boulevard in einer Beziehung gekriegt hat: Eine gewisse Paranoia, was Kirchen und Sex angeht. Es mag sein und ist wahrscheinlich auch so, dass die Arche, ein Kinderhilfswerk, einen guten und wichtigen Job macht. Aber gesetzt den Fall, mein Kind ist sexuell verroht und braucht Hilfe. Ich käme nicht auf die Idee, es zu einer Kirchenorganisation zu schicken, wo ein paar Kerle hocken mit dem Angebot, ihnen doch mal ihre sexuellen Eskapaden zu erzählen, in aller Ausführlichkeit und bitte mit möglichst vielen Details. Diese Daten werden dann im Übrigen zu einem Buch verarbeitet, dessen wissenschaftliche Relevanz angezweifelt wird und eher eine Stimulanz für Pädophile zu sein scheint. Bauchschmerzen.

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9 Antworten zu Was hat Dich bloß so ruiniert?

  1. Alexander schreibt:

    Also ich habe mir zuerst überlegt , ob ich über das Thema bloggen soll , nach reichlichem überlegen bin ich jedoch zur Erkenntniss gekommen , dass ich das schon gemacht habe (zb. in Form meiner „Jamba “ – Kritik) .

    Sendungen wie „Exposed “ , „Next“ , „Flavour of Love “ und vor allem „Hot or not “ (eine Art Fleischbeschau , in der hirnrissige Jugendliche sich von noch hirnrissigeren Z- Promis bewerten lassen ; ein Vergleich mit der NS – Zeit liegt nahe ) vermitteln den Jugendlichen heutzutage Werte , die gefährlicher als jedes noch so vor Innereien triefende Ballerspiel sind.

    Die Peer Group und die Eltern – nicht nur die 68er (Schakkeline ! komm ma da kommt Porno in Fernsehn !) tun ein Übriges , Alk und Drogen geben auch noch Starthilfe.

    Dumm fickt gut , und die Dummen vermehren sich leider immer mehr und vor allen Dingen immer früher in Deutschland , während die intellektuellen Nerds aussterben.

    Wer zur „Unterschicht“ (ich hasse diesen Begriff) gehört und eben nix im Leben hat , dass ihm Sinn gibt , der flüchtet sich eben schon als Kind in die Pornohöhle.

    Wie gesagt – meine Generation mag schon im Arsch sein , aber die Zukünftige wird ja extra so gezüchtet ! Zieht euch warm an …

    ALLERDINGS: Das Buch mag Recht haben , allerdings würde auch ich die Sache lieber selber ausbügeln , als einen Geistlichen Hand anlegen zu lassen.

    Ich habe mir vor einigen Tagen die Spiegel TV – Reportage zum Thema angeschaut , dabei wurde auch der Autor des Buches gezeigt – wie er mit kleinen Kindern auf einer iddylischen grünen Wiese herumsprang , sie festhielt (!) , sich mit ihnen raufte (!) und sie neckisch mit Wasser bespritzte (Zu einem Mädchen : „Hui , jetzt sind ja deine Kleider ganz nass !“ )

    Ein Schelm , wer Arges dabei denkt , aber ich habe es gedacht …

  2. Sebastian schreibt:

    Ja, der macht einem Angst. Und dieser „coole“ Bart sitzt ziemlich schief.

  3. .markus schreibt:

    Wenn ich ein Stöckchen zugeworfen bekomme, werde ich es sofortigst an dich weiterstöckeln. Ich selber bekomme aber auch kein Kleinholz mehr, was vielleicht daran liegt, dass ich mich zu oft abfällig darüber geäußert habe. Wir wäre es mit einem Stock-Revival-Festival, dass wir „Das große Stöckeln“ nennen? 😉

    Zum Thema, zum schwierigen Thema. Das Buch selber ist an mir vorbeigegangen. Dafür bin ich dankbar, denn diese typischen Aufregerbücher, die eine Thematik, die schon lange aktuell ist, plötzlich auf die Titelseiten spült und diese mit kollektiver Konsens-Empörung abhandelt, sind Strohfeuer und nur Trostpflaster auf die Gewissensbisse der „Früher war alles besser“-Fraktion.

    Genauso wie beim Thema Alkopops wird nur Jugendschutz propagiert und pseudoaktionistische Maßnahmenkataloge vorgestellt. Was ist Ursache und was Wirkung? Das ist immer noch die am meisten ignorierteste Frage bei allen gesellschaftlichen Missständen. Dass im Buch rund 30 Beispiele „sexueller Verwahrlosung“ aufgezeigt werden, geschenkt. Für was? Das hatten wir doch schon vor 20 Jahren in der BRAVO.

  4. Sebastian schreibt:

    Das Festival sollte dann schon Woodstock heissen 🙂 Ja, ich habe wohl auch zu oft gesagt, dass Stöckchen dumm sind, kann ja keiner ahnen, dass das jemand ernst nimmt.

    Das Buch steht wohl in der Tradition solcher Schrottliteratur wie Ein Lob der Disziplin oder Warum unsere Kinder Tyrannen werden (o.s.ä.). Aus irgendeinem Grund, den ich aber nicht kenne, haben wir beide Bücher hier liegen. Ganz schlimm.

  5. Irreversibel schreibt:

    Ich bin ebenfalls skeptisch, was den Medienhype um diese Thematik angeht und die entsprechende Berichte dazu in den Boulevardmedien haben in der Tat den Charakter scheinheiligen Voyeurismus. Das Buch habe ich allerdings nicht gelesen und auch wenig über die Forderungen des Autors zur Lösung dieser Problematik gehört (wahrscheinlich weil das eben weniger einschlägiges Publikum vor dem Bildschirm fesselt als die detaillierte Beschreibung von Sexpraktiken) aber wieso es in der Tradition reaktionärer Werke im Stil von Bueb & Co. steht ist mir nicht ganz klar. Natürlich kann man die Art wie das Buch verfasst wurde (Einzelbeispiele) kritisieren aber der Mann von der Arche wird sicherlich nicht vorgehabt haben eine Wichsvorlage zu schreiben.

    Die Arche macht hier in Berlin ne verdammt wichtige Arbeit und dass da Geistliche am Werk sind finde ich jetzt auch nicht verwerflich. Schließlich wird mit den Kids in Hellersdorf keine Bibelexegese praktiziert sondern da wird Essen verteilt, Hausaufgabenhilfe gegeben und Jugendtreffs angeboten- alles Dinge, die im chronisch armen Berlin sonst kaum einer mehr macht. Nix mit Mission, eher klassische Sozialarbeit.
    Ich stimme den Positionen dieser Organisation sicher nicht mehrheitlich zu aber dass es die angesprochenen Probleme gibt ist nun mal Fakt und das sollte von den Leuten, die damit praktisch zu tun haben auch thematisiert werden- selbst wenn dabei kein wissenschaftliches Werk rauskommt. Das hat IMO auch Nicht zwangsläufig was mit einer „Früher war alles besser“-Einstellung zu tun.

  6. Sebastian schreibt:

    Ich weiss nicht, was die Intention der Autoren ist. Was mir aber auffällt ist, dass sie auch in diversen Interviews nichts anderes machen als Anekdoten zum Besten zu geben und nichts anderes. Ich halte sie nicht für so naiv, dass sie sich des erzielten Effekts überhaupt nicht bewusst sind.

    Das Buch steht hier nicht in der Tradition des Reaktionismus der anderen Werke, aber, wohl auch dadurch bedingt, dass es ins gleiche Genre fällt, es finden sich zahlreiche Parallelen was den Hype darum angeht, den Anspruch auf Allgemeingültigkeit (die sich in der Erziehung wohl nur sehr schwer feststellen lässt) etc.

    Ach, ich weiss doch auch nicht.

  7. Sanja schreibt:

    habe zwar vom buch gehört, werde es aber vermutlich genausowenig wie du lesen. es ist erschreckend wie leicht es ist mit insbesondere diesem thema aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. journalisten und auch die große masse der zuseher/leser geilen sich eben an diesen infos auf. je dümmer, aggressiver, schockierender und unangenehmer dinge sind und klingen – desto mehr erzählstoff. letztendlich steigert sich diese gier ins unermessliche. was ist heutzutage eine „normale“ vergewaltigung schon für nen bericht wert? muss ekelhafte details haben, wie zB inzest, minderjährige – am besten noch ne gesamte gruppe und je unschuldiger das opfer und je grausamer die täter, desto höher die einschaltquoten bzw. verkaufszahlen. wenn man sich die medienlandschaft anschaut ist es traurig und entsetzlich wozu der journalismus verkommen ist. lediglich mehr eine frage von neuheitswert. zum glück haben wir in österreich mehrere dieser fritzl- und kampusch-fälle, sodass uns nie die grausamkeiten ausgehen werden.

  8. .markus schreibt:

    Mit dem „Früher war alles besser“ meinte ich nicht die Autoren, über die ich nichts weiß und die ich daher nicht beurteilen will. Ich meinte einen gewissen Teil der potentiellen Leser.

  9. Irreversibel schreibt:

    Okay, da stimme ich Dir zu. Ein Teil der Leserschaft wird sicherlich dieser Fraktion angehören (womit sich auch der Kreis zu Bueb schließt) aber die Gefahr, Beifall von der falschen Seite zu bekommen besteht leider immer wenn man sich mit den sozialen Problemen beschäftigt, die gesellschaftlicher Wandel mit sich bringen kann.
    Vielleicht ist es auch so, dass der Autor diese seltsame Lust am Untergangsszenario z.T. bewusst bedient (z.B. mit dem imo bedenklichen Titel, der ja irgendwie impliziert, dass die gesamte Jugend des Landes betroffen sei). Aber maybe wird man als Mensch, der jeden Tag in einem Problem-Milieu arbeitet auch einfach etwas „betriebsblind“ oder man arbeitet mit solchen Zuspitzungen um überhaupt öffentliches Interesse für sein Anliegen zu erreichen.

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