Durchgezogen

In meiner gesamten Schullaufbahn habe ich nur ein einziges mal gepetzt, und das war in der dritten Klasse. Dann aber auch gleich aus dem dümmsten Grund, mein Sitznachbar, ein echter „Ossi“ (ja nun, damals gab’s das halt nicht so oft und war etwas besonderes), hatte seine Mathehausaufgaben vergessen und ich hatte einen sadistischen Spaß daran, mich zu melden und es dem Lehrer zu sagen. Ich hatte allerdings den Jähzorn des sonst so friedlichen Genossen unterschätzt und irgendwie kam eines zum anderen. Am Ende standen sich auf dem Schulfhof der altehrwürdigen Rangenberg-Schule zwei Gruppen gegenüber: Unsere jeweiligen Homies, eine Art Bloods vs. Cribs auf einem zugegebenermaßen niedrigeren Niveau. Der Klassenkamerad auf der einen Seite, moralisch auf der überlegeneren Position, was ihm Sympathien einbrachte, aber als Neuling noch ohne viele Freunde und Rückhalt. Auf der anderen Seite ich, der Verräter, eigentlich der Böse, aber schon gut vernetzt und mit Kontakten wie Morgan Freeman in Die Verurteilten. Da in der idyllischen Siedlung am Rande des Waldes nie etwas los war, waren natürlich alle vier Klassen beteiligt, was dann doch recht beeindruckend aussah. Es kam allerdings nicht zu einer Massenschlägerei, im Grunde kam es nicht mal zu einer Zwei-Personen-Keilerei, was schade ist, denn so endet die kleine Episode ohne wirkliches Ende. Wir wurden einfach von der Schulfhofaussicht auseinandergescheucht, ich konnte immerhin den kleinen Sieg für mich verbuchen, dass seitens des, pardon, Klassenfeindes Tränen geflossen sind.

In der Pubertät konnte man auf Parties, vor allem den etwas größeren Strandparties, eine interessante Beobachtung machen, die sicher die meisten Leser, die nicht in Pussyland aufgewachsen sind, teilen: Kam es zu Streitereien, wurde sich in der Anzahl der Leute überboten, die man im Fall des Falles anzukarren in der Lage war. Das hörte sich dann in etwa so an:

– „Was denn? Was? Komm doch! Kennst Du Selcuk? Den bring ich.“
– „In meiner Straße wohnen 10 Leute, die ich mitbringen kann.“
– „Ich hab ganz Herrenwyk hinter mir, vala.“
– „Kennst Du die Moislinger? DAS SIND RUSSEN! Ich hab da 40 Leute.“

Das steigerte sich, bis jeder an die 200 Leute hatte, die selbstverständlich rein fiktiv waren, und zu diesen Schlägereien kam es natürlich nie.

Mit dem Aufkommen des Internets tauchte eine neue Form des adoleszenten Bedrohungsszenarios auf. Ähnlich wie das Aufspielen durch Vortäuschung der gefährlicheren Freunde, gab man hier mit vermeintlichen Hackerkünsten an, die einem sowohl erlaubten, den PC des Kontrahenten zu knacken als auch herauszufinden, „wo Du wohnst, und dann komm ich vorbei!“ In Fallout 2 gibt es eine gelungene Persiflage auf diese Situation. In einem altersschwachen Atomreaktor kann man als Easteregg einen Computer hacken und genau dieses Spielchen mit einem Soldaten der feindlichen Fraktion spielen. Das Problem ist, dass er es tatsächlich schafft, den eigenen Aufenthaltsort zu ermitteln und ein Geschwader Kampfhubschrauber schickt.

In der Vergangenheit hatte ich jedenfalls immer viel Spaß mit solchen Zeitgenossen, aber wie es so ist, die Zeiten ändern sich, und was früher rein fiktiv war, wird heutzutage Realität.


(Foto)(CC)

So gibt es heute laut seriösen Nachrichtenmagazinen wie taff und eXplosiv tagtäglich riesige Massenschlägereien zwischen ganzen Stadtteilen, denen die Polizei machtlos gegenübersteht.
Das ist natürlich albern, viel schlimmer als damals dürfte das heute auch nicht sein, aber was passiert eigentlich, wenn man das Zusammentrommeln der Freunde und Internetimponiergehabe fusionieren lässt?

Für ein paar Schmunzler sorgte gestern jedenfalls folgende Meldung:

Am Sonntag hatten sich zwei Mädchen (14 und 13 Jahre alt) im Internet in einem Chatroom getroffen. Da unterhält man sich normalerweise mittels Computer mit Gleichaltrigen, tauscht sich aus, albert rum, macht Scherze und schreibt kurze Nachrichten über alles, was junge Menschen interessiert.

[…]

Die Sache schaukelte sich hoch, soweit, das die beiden – heute sagt man wohl „Zicken“ per Computer ein persönliches Treffen vereinbarten. Aus dem Streit mit Worten sollten ein Streit mit Fäusten werden.
Die beiden Mädchen waren mit ihrem Krach nicht alleine: Viele andere Chatroom-Besuchern waren live dabei, verfolgten den Streit am Rechner. Und eine ganze Horde Jugendlicher aus der Region rund um Saerbeck trafen sich schlussendlich am Sonntagnachmittag auf dem Kindergartenspielplatz am Birkenweg. Die Polizei berichtet, dass rund 40 Kinder und Jugendliche dabei waren.

Der Artikel klingt natürlich grandios, am Ende ist aber wahrscheinlich garnichts passiert. „Mitglieder beider Gruppen haben sich geprügelt“ übersetze ich gewagt mit „je 2 Leute haben sich rumgeschubst“, „ein Mädchen musste im Krankenhaus ambulant behandelt werden“: Ein Mädchen von über 40 Personen hat eine Platzwunde davon getragen. (Krankenhaus klingt natürlich reisserisch, aber es war schließlich Sonntag, da hat keine Praxis offen.)

Als Destillat des gesamten Grundtons dieses Artikels kann man eigentlich einen schönen Satz herausziehen: „Die Sache schaukelte sich hoch, soweit, das die beiden – heute sagt man wohl „Zicken“ per Computer ein persönliches Treffen vereinbarten.“

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8 Antworten zu Durchgezogen

  1. MuGo schreibt:

    Ich liebe es, wie du aus ansich nebensächlichen Sachen grandiose Artikel zauberst.

  2. rollinger schreibt:

    Große Klasse, auch ich erinnerte mich an meine Schulzeit. Da waren es noch die Italiener und die ersten Jugos, die sich so richtig kloppten. Die Griechen sind spießiger als die Deutschen, da ging fast nie was.
    Schön, Daß Sie Fallout 2 erwähnen, steht bei mir ganz oben in der Hitliste.
    Zu Geprotze schauen Sie mal hier. Die Quali ist nicht so der Hit, aber die Story ist gut. Der Rausschmeißer ist in echt deutscher Meister im Kickbox und dazu ein netter und im Interview ein gebildeter und ausgeglicherner Mensch. Schauen Sie was passiert.
    http://de.youtube.com/watch?v=14TM559AaAc

  3. Sebastian schreibt:

    Ja, das Video ist ein Klassiker 🙂

  4. Ivy schreibt:

    Mugo +1

  5. Sebastian schreibt:

    Mugo + unendlich!

  6. saripari schreibt:

    Hach ja. Die Zicken heutzutage.. unerträglich, sowas.

  7. Kaddi schreibt:

    Lass mich raten… Der Ossi ist Steffen M., oder?

  8. Sebastian schreibt:

    Jepp. Seht ihr, die Geschichte ist Folklore.

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