Absolute Giganten

Die erste Sache, an die ich mich erinnern kann ist, wie ich von meiner Mutter an Silvester eine Wunderkerze bekommen habe. Der Himmel war voll mit Raketen und Feuerwerkskörpern, die sprühten und explodierten, und es war laut! Aber ich hatte keine Angst, sondern habe meine Wunderkerze in den dunklen Himmel gehalten und wie wahnsinnig geschüttelt. Ich habe sie so doll geschüttelt, so wahnsinnig doll wie ich nur konnte, oder noch doller, bis ich nicht mehr konnte und immer weiter, besinnungslos und immer doller. Und ich war klein und die Wunderkerze auch. Aber ich war beim größten und unglaublichsten dabei, was ich je gesehen hatte. Das tollste und größte, was es jemals gab, und ich war dabei. Ohne, dass ich es wusste, ohne dass ich irgendwas wusste.

Ich glaub ich hab‘ in meinem ganzen Leben nie wieder etwas gemacht, so doll und kompromisslos und total. Ich glaube, ich hab‘ noch nie wieder etwas erlebt in meinem Leben, was so groß war. So gigantisch.

Wahrscheinlich hat es für den Erdenker dieser Zeilen nie wieder ein Ereignis gegeben, bei dem die Kluft zwischen dem damals noch kleinen Ereignishorizont und dem tatsächlich Erlebten so groß war wie an diesem Silvester. Es ist ein Geschenk, sich an dieses Gefühl zu erinnern. Es könnten morgen Aliens auf der Erde landen, die Tatsache, dass er das aufgrund seiner Lebenserfahrung ganz gut rezipieren kann, lässt ihn wahrscheinlich nur ein paar Tage staunen, bis er es als selbstverständlich nimmt.

Es ist eben alles eine Sache der Perspektive, und was für Dich unscheinbar scheint, ist für die Person neben Dir wunderschön, und Dein bester Blogeintrag wird von niemandem gelesen. Er ist deswegen aber nicht weniger relevant, man sollte nur die Bezugsgröße zur Relevanz anders setzen. Es sitzen, frei nach Hans Rosenthal, nicht tausende, hunderte oder dutzende Leser vor deinem Artikel, sondern jeweils nur einer. Sehr pathetisch, aber wunderschön, denn ich liebe Pathos, sagt es auch L. Eiseleys Geschichte von den Seesternen:

Vor langer langer Zeit gab es einen Mann, der ging gewöhnlich hinunter zum Meer um zu Schreiben. Eines Tages schaute er hinunter zum Strand und er sah in einiger Entfernung einen Mann, der komische Bewegungen machte. Er lächelte zu sich selbst, stand auf ging näher zu dem Fremden heran. Als er in seiner Nähe stand, erkannte er einen jungen Mann, der etwas vom Strand aufnahm und es vorsichtig wieder in das weite Meer zurückwarf. Er sagte: „Guten Morgen. Was tun sie denn da, wenn ich mal fragen darf?“ Der junge Mann schaute auf und erwiderte: „Sie dürfen. Ich werfe die Seesterne wieder zurück ins Meer. Sonst würden sie in der Sonne vertrocknen und sterben, außerdem geht die Flut zurück.“
„Aber junger Mann,“ meinte der Schreiber mit einem Lächeln auf seinen Lippen. „Sie realisieren anscheinend nicht, dass es hier kilometerweit Millionen von Seesternen gibt, die an den Strand gespült wurden. Das ergibt doch überhaupt keinen Sinn!“ Der junge Mann hörte freundlich zu. Dann bückte er sich, nahm einen Seestern in die Hand und warf ihn in die Wellen.

„Für diesen einen, macht es einen Sinn“.

Also gräme Dich nicht so oft, lieber Taubenvergrämer, dass Dir keiner zuhört. Ich tu’s.

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5 Antworten zu Absolute Giganten

  1. juf schreibt:

    Wow. Und vor allem Danke.

  2. bullion schreibt:

    Schön geschrieben. Einer meiner Lieblingsfilme übrigens. Also „Absolute Giganten“.

  3. sanja schreibt:

    omg! saugeil 😀 danke vielmals für den Link. Seit langer Zeit eines der besten Dinge, die ich je gelesen habe

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