Verzettelts Traum

Manchmal, so alle paar Stunden, packt mich die Lust, den nächsten großen Gegenwartsroman zu schreiben. So weit, so gewöhnlich, denn diesen Wunsch verspürt wahrscheinlich jeder Blogger, und jeder von euch hat auch schon das „erste Kapitel“ in der Schublade, welches in einer langen, heissen Sommernacht geschrieben wurde und auch wirklich gut ist, aber wie es eben so ist, keine Zeit, keine Lust, sich wirklich reinzuknien, ihr wisst es ja selber.
Dieser Wunsch, der sich da so oft abzeichnet, ist meist die Frucht dieses einen Satzes, der einem im Bus einfällt, von dem man denkt, DAS wäre aber jetzt mal ein toller erster Satz für einen Roman, und um ihn spinnt sich schon wage eine Geschichte von epischen Ausmaßen, aber ehe man ihn sich notiert hat, ist er auch schon wieder weg, und statt beim Buch ist man gedanklich schon viel weiter, nämlich zum Beispiel bei der nächsten Mahlzeit oder diesem witzigen youtube-Video mit den Körperzellen auf dem Eso-Trip.
Und so verliert sich dieses unfassbar große Human Creative Capital, weil eigentlich keiner WIRKLICH einen Roman schreiben will, sondern jeder will mal einen Roman GESCHRIEBEN HABEN, denn er ist ein Zeugnis einer tatsächlich erbrachten, langfristen Leistung, welches man sogar in der Hand halten kann, es zeugt auch von Intellekt, bringt manchmal Geld, mindestens aber Ruhm und je nach Verlag kriegt man sogar ein schönes schwarz-weiss-Foto spendiert.

Es ist ja auch toll, da lese ich seit Monaten das schöne Blog von Volker Strübing und *zack* steckt mir mein Quasi-Schwiegervater dessen Buch „Das Paradies am Rande der Stadt“ zu und sagt, das solle ich mal lesen, man erreicht einfach auch ganz andere Menschen als diese ewig mittzwanzigeren Popkulturlangeweiler.

Aber weil man sich der Arbeit bewusst ist, die so ein Roman mit sich bringen würde, schiebt man es dann doch vor sich her, kann sich nicht aufraffen, wirklich loszulegen. Okay, man hat sich schonmal yWriter installiert, weil man sich so einreden kann, jetzt eigentlich schon den halben Roman fertig zu haben, aber es fällt schwer, die erste Seite vollzukriegen, und da man mindestens 600 Seiten schreiben möchte, kriegt man so ein prokrastinatorisches Gefühl, was gleich doppelt zum Kotzen ist, einmal an sich, und weil das Wort Prokrastination aufgrund des inflationären Gebrauchs inzwischen schlimmer konnotiert ist als der Begriff Gutmensch.

Und trotzdem träume ich zur Zeit einmal wieder vor mich hin, wie es wäre, wenn… Komme aber im Moment nicht über die Phase hinaus, zu erdenken, was ich alles nicht schreiben möchte, zum Beispiel Popliteratur mit möglichst vielen Bandnamen oder anderen Wiedererkennungs-Verlockungen, die über mangelnde Substanz hinwegtäuschen sollen. Benjamin von Kürthy-Illies, ich schaue in Deine Richtung.

(Weil ich den Namen Kürthy grade nochmal googlen musste:

Die Heldinnen in Kürthys Romanen „Mondscheintarif'“, „Herzsprung“, „Freizeichen“, „Blaue Wunder“ und „Höhenrausch“ sind moderne junge Frauen, die selbstironisch ihre eigenen Schwächen und die Malheurs im Umgang mit Männern schildern. [Wikipedia]

Ahahahaha *kotz* Sowas meine ich nämlich.)

Jetzt wollte ich schon auf Tommy Jaud rumhacken, habe mich aber eines besseren besonnen (ohoh, Stilblüte, ich weiss, dass das falsch ist, aber nicht warum), weil: das habe ich ja an anderer Stelle bereits getan. Jedenfalls, so „witzigen“ Kram schreibe ich ja sehr gerne, aber ich bin mir bewusst, dass ich selber auch höchst selten über schlechtes Kalauerniveau hinauskomme, ich könnte vor Scham gar nicht schlafen, wenn ich so ein Buch wie „Vollidiot“ abliefern würde.

Andere Genrelitaratur interessiert mich ebensowenig, SciFi mag ich gerne, aber schreiben? Nein, danke. Irgendwelche Tentakelsexstories from outer space mit dem blonden Helden „Jimmy Gunnstar“ überlasse ich den Kellerkindern (ohoh… Unwort des Jahres, ick hör Dir trappsen) und anspruchsvolle Literatur aus dem Gebiet ist mir zu…. anspruchsvoll (ihr seht, was ich meine, keine Fantasie der Junge). Krimis sind auch langweilig, Fantasyromane sind doch alles Nazipornos und Sachbücher kann ich auch nicht schreiben, weil ich von keiner Sache Ahnung habe.

Aber kann das sein? Dass jemand gerne ein Buch schreiben würde, aber nur weiss, worüber er alles nicht schreiben mag? Ist das dann nicht der beste Beweis dafür, dass auch ich letztendlich einer von denen bin, die nicht den Drang verspüren, wirklich zu schreiben, sondern einen Roman als Selbstzweck sehen? Ja, nein, ich mein, jein.

Denn auch wenn mir keine Geschichte einfallen will, so grob habe ich natürlich schon eine Vorstellung. Es wäre nichts hochtrabendes, eine eher „bodenständige“ Geschichte, aus dem Leben gegriffen, aber eben nicht ab-gegriffen und auf den Wiedererkennungswert reduziert. Eine Mischung aus Buckowski und Regener schwäbe(?) (???) (!!1) mir vor, ein Populärmusik aus Vittula auf deutsch (nicht vom Titel täuschen lassen, es geht eben NICHT nur eine Aneinanderreihung von Bands), Stichwort: Opa Sebastian erzählt.
Nur liegt hier das Problem, dass solche Bücher einer älteren Generation vorbehalten sind. Hackordnung:

– Historienschinken und Naziromane: alte Männer und Frauen
– Kulturpessimistische Kritik, Agenda-Setting mit schlechten Metaphern und midlifekriselnde Jugenderinnerungen: Männer zwischen 33 und 49
– „Afrikaromane“, Selbstironisches, hoppla-da-bin-ich-Literatur: Frauen zwischen 27 und 39
– „lustige“ Bücher, Selbsterfahrung, Common Sense-Awareness, Sätze mit viel zu vielen Adjektiven (schreiben wie man spricht!) und klugscheisserischem Unterton: ab 19.

Da hänge ich mit 27 also noch fest und muss im Grunde 6 Jahre warten, bis man mich ernst nehmen würde. Am Ende bin also ich gar nicht schuld, sondern alle anderen. Eine eindrucksvolle Beweisführung, danke. Nichtsdestotrotz werde ich wahrscheinlich einfach mal anfangen. Denn schon jetzt merke ich, dass ich viel lahmer schreibe als mit 19, welches ich, wahrscheinlich ziemlich verklärend, als meinen literarsichen Zenit ansehe. Der Stern ist schon am sinken, wenn das so weiter geht, werde ich in 2 Jahren nicht einmal mehr bloggen sondern völlig von der Bildfläche verschwunden sein. Überlegt mal, alle eure Väter haben einst mit 23 auf ihrer Schreibmaschine angefangen, ein Buch zu schreiben, und heute? Da sitzen sie mit Schmerbauch und Sonnenbrand im Schrebergarten. Das ist unausweislich. Also lieber beeilen. Ich werde 100 Word-Seiten seichte Paranoia über die Gesellschaft von mir geben, weil keiner Ahnung hat außer mir, aber das Werk niemals an Verlage schicken. Stattdessen werde ich es als .pdf zum Download stellen und mich als Journalist und Autor bezeichnen.

Ja, so mache ich es. Ans Werk!

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14 Antworten zu Verzettelts Traum

  1. Frank schreibt:

    Ja, das kenne ich auch, hatte auch schon mal „angefangen“. Ich glaube aber nicht, dass der Zenit mit 19 überschritten ist. Meine Freundin schreibt übrigens auch, umfangreich & Prosa, und hat bereits 200 Seiten voll. Das nimmt richtig Gestalt an.

    Jetzt hast du es jedenfalls öffentlich gesagt, dass du was dickeres schreibst, also werde ich dich hin und wieder (ständig) dran erinnern. 🙂

    Tip: Ein gutes Tool zum Schreiben längerer Texte ist noch DarkRoom. Schwarzer Screen, grüne Schrift, keine Formatierungen, keine Taskleiste, kein Browser im Hintergrund, keine Ablenkungen am Bildschirm. Wenn du’s puristisch magst.

  2. Sebastian schreibt:

    Als Spielzeug nett, aber für einen langen Roman? Hm…

    Ja, meine Freundin hat ihren Roman im Prinzip auch fertig, 400 Seiten oder so, ist auch im x-ten Verbesserungsdurchgang, da kommt hoffentlich auch mal was.

    Hach ja…

  3. Jochen Hoff schreibt:

    Das schreiben eines oder mehrerer Bücher ist kein Problem. Das geht relativ leicht. Aber sich dann von all dem Scheiß zu trennen, der da nicht reingehört, blöd geschrieben ist und den verdammten Dreck immer und immer wieder zu überarbeiten kotzt einen an.

    Den Krimi den ich zur Zeit auf meinem Blog jeweils Dienstags und Donnerstags kapitelweise rauslasse haben Elsa Rieger, meine Co-Autorin und ich schon etliche Male überarbeitet. Im Herbst will ich noch einmal richtig daran. Umschreiben, ändern.

    Vielleicht könnte nächstes Jahr zu Weihnachten ein Buch daraus werden.

    http://www.duckhome.de/tb/archives/1680-1.-Die-Wasserleiche.html

    Dazu braucht man dann aber noch einen Verlag. Es ist echte Arbeit. Grausam.

  4. .markus schreibt:

    Da kam mir doch glatt ein „Alter, genau so!“ von den mentalen Lippen, gefolgt von einem „Seufz“. Ich könnte auch Bücher übers Bücherschreiben , bzw. über das Nichtschreiben schreiben. Oh ja. Der Weg zum Schriftsteller ist wohl gepflastert mit Romananfängen. Seid froh, dass wir nur digitale Schubladen haben.
    Den Biss zu besitzen, ein Buch zu Ende zu bringen ist selten, gerade wenn aus dem anfänglichen Spaß harte Arbeit wird. Dass man sich so wunderbar ablenken lassen kann, macht es auch nicht leichter. Ich habe in den letzten Wochen teils gewollt, teils ungewollt meine Internetzeit drastisch verringert und gemerkt, wie sehr dieses Herumgelese und Informationsgeblubber einen doch hindert und hemmt im Schreiben und in der nennen wir es mal „Kreativität“. Jedenfalls geht das mir so. Auch deswegen gehe ich immer mehr ins Fiktive (im Blog) und mein Multimediacenter darf nun öfter zur Schreibmaschine werden und die Seitenzahlen (im Buch) steigen lassen.

    Ach Junge, schreib dein Buch! (Auch ich werde immer mal wieder nach der aktuellen Seitenzahl fragen 😉 )

  5. basti schreibt:

    Pah, ganz ehrlich, ich blogge gelegentlich auch tun, aber der Gedanke einen Roman schreiben zu wollen müssen ist mir tatsächlich noch nie in den Sinn gekommen! Sicherlich würde sich auch kein Verleger finden, welcher genug Mitarbeiter zur Verfügung hätte um meine Rechtschreiblichen Aussetzer zu korrigieren! Aber das ist eine andere Geschichte…

    Ähem eigentlich wollte ich dir nur einen Tip mitgeben auf dem Weg zu deiner gescheiterten Karriere! Kennste das Ding mit dem Burnout Syndrom! Also das wird nix mit dem Romanschreiben und den kreativen Sätzen wenn du das alles hier für dein Blog verschwendest!

    Aber ich bin dankbar für diese lesenswerte Verschwendung!

  6. Sebastian schreibt:

    Jochen, zum Schreiben eines Buches gehört wohl auch einfach das Nichtschreiben, das ist ja im Prinzip gleichwertig – und deswegen geht das Schreiben eines Romans nicht zwingend einfach von der Hand. Deine Arbeit verfolge ich aber mit Interesse und Du bist eh ein Meister des Gleichnisses und der Metapher manchmal 🙂

    @markus, pardon, .markus (haha), auch bei Dir: Die beiden Kapitel Deiner Abenteuerbande, die bislang zu lesen waren, sind auch einfach zu grandios, als dass ich da nicht auf eine Fortsetung hoffen würde (argh, Zeitreiseduden now!)

    Basti, Verschwendung ist so ein hartes Wort… außerdem spricht nichts dagegen, etwaige Stilschätze, die mir hier einfallen, in einem Buch nochmals schamlos zu verwenden. Im Gegenteil, hätte ich nicht das Blog als Spielwiese, dann würde ich ja nie in die Puschen kommen.

    Danke aber für das, ähm, ausgefallene Lob 🙂

  7. .markus schreibt:

    Oh, vielen Dank. Da wird’s noch viel mehr von geben, you know! Wenn ich nicht den langen Atem habe, dann eben im Blog in hübschen kleinen Episoden.

  8. saripari schreibt:

    Keinen Kopf machen. Einfach weiterbloggen und dann als gesammeltes Werk vermarkten.

  9. matt schreibt:

    mir gehts grade genau so mit unserem drehbuch. *seufz* wir haben jetzt mehrere grundideen, einige die man schon verwirklichen könnte und andere nicht, aber leider fehlen auch zeit und geld und so zeugs. der umzug kam dazwischen und ich muss langsam nen job finden.
    das leben kommt einem manchmal leider doch zu krass dazwischen. grade wenn man so viel zeit haben sollte (als arbeitsloser penner) fällt es oft doch schwer. schade aber thats life.
    ich setz mich aber auch bald wieder ran. nur noch montag das vorstellungsgespräch, nen neuen ausweis, ummelden, stom abmelden, telefon kündigen und DANN kann es losgehen. *seufz* heftig eigentlich…

  10. glasok schreibt:

    Einfach übers Nichtschreiben-können schreiben! Ich find, das klang bisher echt gut! ;o))

  11. MuGo schreibt:

    Ja, ja, ich hab auch den Kopf voll von Ideen. Aber sich hinsetzen, anfangen, Story entwickeln, recherchieren, überarbeiten, schreiben und das alles nur dafür, um es im Internet frei zur Verfügung zu stellen – nee, da bin ich zu faul zu; ich krieg es ja nicht mal hin, regelmäßig auf meinem Blog zu schreiben vor lauter Lustlosigkeit!

    Aber vielleicht sollte ich mich der seichten Muse zuwenden und Pornostories, äh, „erotische Geschichten“ schreiben. Da ist das Niveau wenigstens größtenteils so niedrig, dass man sich wenigstens nicht Schämen muss ob der eigenen Ungelenkigkeit…

    Oh, und meine Phantasie geht bei mir auch inzwischen in den Arsch. Das scheint also normal zu sein. Man ist halt nie wieder 18…

  12. Amenogold schreibt:

    Ein Verleger hat mir mal gesagt, ich soll über das scheiben was mir am nächsten sei… etwas, bei dem ich mich auskenne. Der Rest sei egal.

    p.s.: der Verlag (jenes Verlegers) stand kurz vor der Pleite, weshalb seine wichtigste Frage an mich war, ob ich eine reiche Oma hätte.

  13. Steffi schreibt:

    Stimmt schon, was er da zu dir gesagt hat. Bei deinem Buchentwurf war der Teil aus Mühlheim wirklich sehr eindrucksvoll. Dagegen war es manchmal schwer sich Ko-Bate vorzustellen, wenn gleich ich die Figur trotzdem gelungen fand.
    Ich muss es unbedingt mal noch zu Ende lesen.

  14. Basti schreibt:

    Ein seeehr schöner Beitrag, gefällt mir gut. Ich fühle mich auch teilweise ertappt. Aber nur teilweise. EInen wirklich Anfang habe ich nämlich noch nie gefunden… ich habe da nur so ein Konzept. Aber ich habe nicht mal die Zeit und die Motivation, anzufangen. Und das ist doch schon mal ein schlechtes Zeichen…

    … im nächsten Leben vielleicht. Oder wenn ich mit dem Bloggen aufgehört habe… ^^

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