Alles PrOno?

Neulich hörte ich das Argument, dass ein Freund sich nur deswegen nicht als Sexist sieht, weil er einer „bürgerlichen Defintion“ von Sexismus folgen und sich so aus der Affäre ziehen würde. Es folgte ein klassischer Schlagabtausch, der Begriff „Gestapo-Ausweis“ fiel, linkslinkrotgrünfaschistischschwurbeligdutschkeske (Achtung! Das war nicht ernstgemeint, ich halte PI-Vokabular aber für zu astreine Realsatire, als dass ich sie ungenutzt lassen möchte) Ausrücke wie „Definitionsmacht“ und „Prägung“ sowieso, und irgendwann wurde es mir zu absurd.

Denn was ist Sexismus? Wikipedia legt vor und liefert gleich mehrere Interpretationen und, haha, Stoßrichtungen der Forschung. Wirklich weit hilft mir das aber nicht, wenn ich Sexismus verstehen will (zumal hier eher auf die historischen Hintergründe des Begriffs eingegangen wird). Zu uninteressiert, mich sachlich und intensiv mit der Thematik und weiteren Quellen auseinanderzusetzen, ziehe ich mich auf den Standpunkt zurück, dass Sexismus eine sehr subjektive Angelegenheit ist, die sich nicht an kalten, oder nur wenigen Fakten, messen lässt und lebe mit meiner persönlichen Defintion.

Und zunächst ist es mir ein Bedürfnis, den Begriff „bürgerliche Defintion von Sexismus“ zu zerpflücken. Soweit ich das feststelle, ist die mir fremde, konservativ eingestellte Welt „Bürgertum“ zwar vorne dabei, meine Vorstellung von Sexismus zu praktizieren, verschließt sich aber vor der Beschäftigung mit ihr und trägt wenig zur Diskussion bei. Da zu behaupten, es gibt eine „bürgerliche Definition“ von Sexismus, die darüberhinaus auch noch vorherrschend ist, halte ich für absurd. Soweit ich das verfolgt habe, ist diese Wissenschaft ein eher „linkes“ Metier (andererseits halte ich BILD-Bunny Schwarzer für ziemlich konservativ und festgefahren in ihrer Meinung – wobei meine Meinung über sie auch ziemlich festgefahren ist, seit sie in einem Emma-Editorial, dass ich zufällig mal gelesen habe, die Abu Ghraib-Folterein Jessica Lynch als das eigentliche Opfer der ganzen Geschichte ansah, da ihre Fotos (sie in Uniform mit halbnackten Folteropfern) pornografisierend seien *kotz*).

Tatsächlich halte ich nicht einmal Pornografie für sexistisch, bzw. greift dieser Vorwurf in dieser Absolutheit zu kurz. Nehmen wir als Ausgangssituation ein Bild einer nackten Frau. Ich finde das erst einmal sehr banal. Eine Frau zeigt ihre sexuellen Reize, worauf der Mann geil wird. Ein nachvollziehbarer Vorgang, der meiner Meinung nach nicht sehr viel Spielraum zur sexistischen Interpretation bietet. Die Tatsache, dass sich eine Frau nackt zeigt, um einen Mann zu erregen (oder, mein Gott, halt andersrum), ist wahrscheinlich eine der ältesten und primitivsten Vorgänge, die die Natur hervorgebracht hat und ist nicht einmal kulturell bedingt, in der Tierwelt funktioniert das genau so gut. Ich wage die Behauptung, dass sich sogar Extremfeministinnen, die Spaß an Sex haben, zu eben diesem dazu hinreissen lassen, sich nackig zu machen. Die Interpretationen, dass wenn in Pornos die Frau unten liegt oder die Beine breit macht, dies einfach nur eine Machtstellung symbolisieren soll, halte ich, mit Verlaub für hoffnungslos überinterpretiert und der Tatsache geschuldet, dass die wissenschaftlichen Mitarbeiter bei diesen Untersuchungen ja irgendetwas vorzeigen müssen um ihren Job zu behalten. Dass hier Dinge wissenschaftlich angegangen werden sollen, die so banal sind, dass eine wissenschaftliche Auseinandersetzung eher, naja, „süß“ wirkt, oder passender, bekloppt.

[Ein Gedankengang, der mir kam, der vielleicht doch etwas gewagt, mindestens aber schwer zu erklären und missverständlich ist: Letztendlich ist das Leugnen seines Körpers in der Überzeugung, dass es „so etwas wie Geschlechter nicht gibt“ (Zitat), sexistisch, da hier von entgegenkommender Richtung der Mensch als sexuelles Wesen komplett geleugnet wird. Hier werden Mann wie Frau gleichermaßen unterdrückt. Spricht man bei Sexismus von einer Pressung des Menschen in geschlechtsspezifische Normen, ist die Forderung, diese komplett zu ignorieren, meiner Meinung nach auf der sexuellen Ebene auch nicht das Gelbe vom Ei – long story short: Ja, mein Gott, Frauen haben Titten, und ja, ich finde das geil.]

„In 1000 Jahren gibt es keine Männer und Frauen mehr, nur noch Wichser. Und ich finde das super.“ (Renton, Trainspotting)

Für diese Vorstellung zum Beispiel wäre ich viel zu romantisch. Ich fände das wirklich doof, wenn es nur noch Wichser gäbe, das wäre wieder so eine graue Gleichmachung, wo ich doch ein großer Freund der Diversivität bin. Daher halte ich es eher mit der japanischen Weisheit:

„So verschieden, und doch gleich.“ (Mr. Myagi zu Daniel-San und seiner Freundin, Karate Kid)

Und jetzt kommt der Kontext, der oft, aber eben nicht immer, Pornografie sexistisch werden lässt und sich meiner persönlichen Definition annähert. Der erfolgt auf zwei Ebenen: In der BILD wird eben eine nackte Frau auf Seite 1 gezeigt. So weit, so banal. Das ist nicht das Schlimme. Das Schlimme ist der Text, der dann daneben steht: „Huch! Da hat Cindy (23) wohl vergessen, sich was anzuziehen. So ein Dummerle, aber die Männer freuen sich. Und das freut auch Cindy, hihi.“ Und in diesen Sätzen, meine Freunde, steckt meine Definition von Sexismus. Es ist nicht die banale Körperlichkeit der Frau oder des Mannes, die ich nicht nur akzeptiere sondern mir wünsche, es ist nicht das mal das ignorieren der Persönlichkeit, die beim Abbilden einer nackten Person erfolgt (denn beim Sex denke ich tatsächlich selten über die Persönlichkeit nach), es ist sogar die aktive und aggressive Degradierung eben dieser. Finde ich bei einem Porno oder softeren Versionen einen Persönlichkeitswert von >=0 in Ordnung, so wird dieser Wert durch den Kontext, in dem er gezeigt wird, zum Beispiel durch Dummchen-Dialoge auf einen Wert <0 gebracht. Wobei, das muss man sagen, es natürlich beidergeschlechtlich Dummchen gibt und diese selbstverständlich eine Persönlichkeit haben. Aber es ist nicht zu leugnen, dass hier ein allgemeingültiges Bild gezeigt werden soll, dass Dummchen besonders willig sind. Dumm fickt gut, etc. Frauen können in diesen Machwerken nur dann sexuell interessant sein, wenn sie ein wenig dumm und naiv sind. Ich kann sagen, ich habe in meinem Leben schon den ein oder anderen Porno gesehen – am interessantesten waren aber dann doch die, die Menschen einfach beim Sex zeigen, vorzugsweise wenn man ihnen den Spaß dabei ansieht, lachen, etc. Langweilig hingegen die, die mit hilflosen Frauen bei der Reifenpanne beginnen, die sich dankbar zeigen, weil der Mann ihnen zeigen kann, wo der Schraubschlüssel hängt (oder in denen es besonders lieblos zur Sache geht).

Ich sprach von 2 Ebenen, in der Sexismus auch in der Pornographie entsteht. Die erste war die, die Sexismus beim Zuschauer erzeugen kann, in dem die Akteure nicht einfach Sex haben, sondern „dumm“ gehalten werden, um Spaß an Sex haben zu können. Die zweite ist die konkret schlimmere, die Entstehung der Pornos. Ich bin nicht in der Szene drin, kann nicht viel dazu sagen. Aber es ist offensichtlich schon so, dass es sehr viele Frauen gibt, die im Grunde nicht in diesen Filmen mitspielen wollen, sondern sich gezwungen sehen, oder noch schlimmer, gezwungen werden. Das ist natürlich Sexismus pur, bei dem sich dann auch sämtliche Späßchen verbieten. Hier findet eine sexuelle Erniedrigung der Darstellerin nicht nur im Kopf des Zusehers statt (was, wie gesagt nicht meine Vorstellung von einem guten Porno ist), sondern ganz konkret und für die Frau „erfahrbar“. Die Ursachen, warum Männer glauben, Frauen in dieses Gewerbe drängen zu können, sind dann denke ich tatsächlich kulturell bedingt und haben etwas mit einem mangelndem Aufklärungsgrad zu tun. Ich kann dazu wie gesagt, wenig schreiben und möchte es auch garnicht.

[Ein schönes Beispiel, dass der Mensch nicht perfekt ist und Sexismus wahrscheinlich in so ziemlich allen Menschen verankert ist, ist die Tatsache, dass mir ungewollt der Satz durch den Kopf schoss, dass ich mir ja nur Pornos von freilaufenden Hühnern ansehe – siehste, so schnell steckt man drin in der Falle.]

Abschließend zum Thema Pornographie kann ich aber nur festhalten, dass ich absolute Aussagen wie die, dass Pornographie grundsätzlich böse ist, nicht teilen kann, da diese im besten Fall einfach Menschen zeigt, die Spaß miteinander haben, von Menschen gemacht, die Spaß dabei haben, für Menschen, die auch mal Spaß haben wollen. Und dass die Rolle Frau im Besonderen in diesen Filmen tatsächlich meist darin besteht, ihre sexuellen Reize zu offenbaren, halte ich erst einmal wertfrei für einfach natürlich und naturbedingt.

Der eigentliche Sexismus, der uns alltäglich begegnet (und auf den ich eigentlich hinaus wollte), ist meiner Meinung nach perfider: Er koppelt nicht den Geist vom Körper der Frau, sondern bindet ihn um so fester, degradiert ihn aber als minderwertig. Das Beispiel BILD-Zeitung wurde oben schon gebracht (Dummchen), ist aber auch sonst erfahrbar. Die Klassiker sind eigentlich alle durchdiskutiert und weitere Kommentare erübrigen sich im Grunde (Karrierechancen, Eva Herman, Frau an den Herd, etc.). Es gibt also Menschen beiderlei Geschlechts, die einen ursächlichen Zusammenhang sehen zwischen dem Sein der Frau als solches und ihrer Fähigkeit, Dinge zu vollbringen, und noch schlimmer, die Pflicht, dies zu tun. Und ihr regt euch über Pornos auf…

Mit Diskutanten, die Frauen in einer bestimmten Rolle sehen, habe ich schon garkeine Lust mehr zu reden, da, je nach Gläubigkeit, nur die beiden Argumente „Gottes Wille“ oder „natürliche Fügung, schon in der Höhle blabla“ vorgetragen werden. Da ist die Kultur als solche einfach schon weiter, als dass man sich auf Höhlenmenschen berufen könnte, um Frauen auf ihren Platz zu verweisen. Mit der gleichen Argumentation könnte man auch das Lagerfeuer als Hauptwärmequelle einführen. Es mag für manche eine romantische Vorstellung sein, aber wenn man ein wenig zu weit weg sitzt, friert man schon wieder.

Unter dem Strich stehe ich also da wie ein müslimampfender Birkenstockfeminist, aber das genau ist der Punkt, auf den, ne Quatsch, über den ich hinaus wollte: Das die Menschen einfach mal den Stock aus ihren Ärschen ziehen, wenn es um das Thema Sexualität (hihi, *handvordenmundhalt*) geht und alles ein bisschen lockerer sehen. Dass Pornos eigentlich ganz okay sein können, und dass Frauen nicht dumm tun/sein müssen, um guten Sex zu haben. Dass sie aber auch nicht randalieren brauchen, wenn Männer es wagen, bei Frauen ans Ficken zu denken und nicht an gemeinsame Zukunft. Dass es zwar viele Schmierlappen auf der Welt gibt, aber dass Radikalisierung beiderseits letztendlich hinderlich ist. Dass Feminismus und Antifeminismus (bezogen auf den sexuellen Bereich) Schwachsinn sind, weil wir doch zueinander gehören, nicht gegeneinander. Dass…. dass…

dass wir uns einfach mal alle umarmen *kuschel*

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8 Antworten zu Alles PrOno?

  1. MuGo schreibt:

    Schöner Text!

    Und zur Alice (die spätestens seit ihrer Kampagne für die BILD-Zeitung jegliche moralische Credibility verspielt hat): Zum Glück scheint ja gerade der Generationenwechsel vollzogen zu werden – auch und gerade in den meinungsbildenden Medien!

    Antwort auf Alice Schwarzer

  2. Alexander schreibt:

    Sexismus rulez! Und: Warum nur wurde ich nicht tausend Jahre später geboren?

  3. saripari schreibt:

    Ich hab’s grad nur Überflogen, aber der Teil, wo Mann das Gefühl kriegt Naiv, Dumm = fickt gut ist der Teil, wo die meisten Frauen beim Paarungsversuch versagen, weil sie NICHT so sind. Oder sie tun so und damit der Gesellschaft keinen Gefallen.

  4. Basti schreibt:

    Interessanter Text mit hochinteressanten Suchwörtern und Tags… 😉

    Wenn wir der handelsübliche Definition von Sexismus folgen wollten, dann hätte das alles eigentlich überhaupt nichts damit zu tun. Sexismus meint ja eigentlich nur, hmm, Herabwürdigung ziemlich allgemein. Das geht so in Richtung Dingenskirchen, wie heißt es noch, na – Antidiskriminierungsgesetz. Hat also, oh mein Gott/bei Allah!, nicht unbedingt etwas mit Sex zu tun.

    Ich finde deine Sichtweise gar nicht so Birkenstockfeministisch. Vor allem die Femistinnen und Feministen werden sich dagegen werden, dass diese deine pseudo-feministinnische Sichtweise als feministinnisch eingepfriemelt, Verzeihung, anerkannt wird.

  5. matt schreibt:

    das fasst das ganze wunderbar zusammen und ich sehe dass wir haargenau die gleiche meinung haben was das angeht. die diskussion hatte auch andere ursachen und sich nur in stundenlangen (ungewollten) diskussionen hochgeschaukelt und ist letztendlich eskaliert. na ja.

    aber das logo rockt mal ohne ende! 🙂 back to the kitchen, ich könnt mich kringeln. 🙂

  6. rollinger schreibt:

    muß ich nichts zu sagen, kann ich unterschreiben. Sehr amüsant.
    Manchmal sagt man auch „Dumm fickt gerne“. Stimmt aber auch nicht.

  7. Ivy schreibt:

    Ich würde Eintritt bezahlen um dich und Alice im Ring zu sehen… Unemanzipierte Grüsse

  8. Pingback: BurnToBeAlive » Zeit

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