St. Peter Ording

(Disclaimer: Sämtliche minderschweren Ordnungswidrigkeiten in dieser Geschichte sind längst verjährt und würden wohl heute in der Form nicht wieder passieren.)

Schon am ersten Tag wurde mir klar, dass die kommenden 9 Monate verschwendete Zeit sein würden. Ich hatte mich nicht darum gerissen, zum Bund zu kommen, mich auch nicht um eine Verweigerung gekümmert. Ich habe wohl gehofft, einfach durchzurutschen, Pech gehabt. Nach einem Vierteljahr, im Oktober, war eine Art Tiefpunkt erreicht, die Grundausbildung war zwar rum, aber man lebte in einer Tristesse, aufgebrochen an den Wochenenden, die zu jener Zeit einem bestimmten Schema folgten:

Ich ging zu Matt, nur ein paar Straßen weiter, wir hingen ’ne halbe Stunde rum, uns fiel nichts ein. Wir riefen in Neustadt an, Pepe, ob da etwas ging. Nein, natürlich nicht, wir fuhren trotzdem hin. Die Strecke war schön, freie Autobahn, 240 km/h, Mazda MX6, in einer Viertelstunde waren wir da. Das restliche Wochenende bestand im Wesentlichen darin, tagsüber ein wenig rumzufahren, Bier zu trinken (nicht der Fahrer), runter an den Strand zu gehen, wo selbstgedrehte Zigaretten die Runde machten (welche an mir vorübergingen, ich wollte nicht), abends die Bude voll zu haben, weitertrinken, am PC daddeln, Scherzanrufe, Scherzchats (schwule Griechen auf Geschäftsreise sind sehr einsam), einen Film einlegen, zu sechst im breiten Bett einpennen. Routine. Schöne, erinnerungswürdige Routine.

Nicht heute. Matt rief an, es stand mal wieder einer unserer Roadtrips zur Diskussion. Ob ich Bock auf Sylt hätte, egal, wir sind in 5 Minuten da. In Neustadt Planänderung. Autozug, viel zu teuer, Plan B: St. Peter Ording. Die Protagonisten waren Matt, Pepe, Matjes, Tauer und meine Wenigkeit, Sachse. Kein beeindruckender Spitzname, aber Sachse hieß man als Sachse, so war es Tradition seit Generationen.

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Als Verpflegung hatten wir eine Kiste Oettinger dabei, was eigentlich zu wenig erscheint, es müsste mehr gewesen sein, mit einer Kiste kriegt man vier Jungerwachsene nicht besoffen, und, oh ja, das waren wir. Jungerwachsen und besoffen. Und wir hatten Eier im Handschuhfach, damit wir es den reichen Bonzen an der Nordsee mal richtig zeigen konnten (wir aus dem Ostsee-Ghetto). Als Fahrer eingeteilt war Matt, und wie bei jedem Roadtrip der Scherz, dass man echt mal für mich zusammenlegen sollte, damit ich mich nicht immer mangels Lappen vor dem Fahren drücken konnte. Das Partymobil war seinerzeit ein Nissan, Pepes Verschleiss an Autos war enorm, und wahrscheinlich würde auch dieses Auto die Nacht nicht überstehen. Roch die Kupplung nicht in Lübeck schon merkwürdig verkohlt?

Es gab wahrscheinlich keinen Grund, über Kiel zu fahren, wir taten es trotzdem. Kiel ist eine okaye Stadt, ich mag den Hafen, aber letztendlich haben wir dort nur eine Stange Wasser gelassen. Auf dem zu diesem Zweck erwählten Hinterhof fanden wir eine ganze Wagenladung an gebrauchtem und weggeschmissenem PC-Zubehör wie Monitore und Tastaturen und wir nahmen als Trophäe einiges mit.

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Die Fahrt verlief wie üblich laut, wir lachten und tranken zu Klassikern wie Mr. Hankey, the Christmas Poo, System of a down und den größten Hits der 80er (I am the one and only). Unterbrochen wurde die Reise quer durch die norddeutsche Tiefebene immer dann, wenn wir etwas interessantes am Wegesrand sahen, dass wir mitnehmen mussten, waren dabei aber nicht sehr wählerisch, so dass schon ein rumliegener Begrenzungspfahl genügte, um eine Rast einzulegen.

Tauer hatte den perversen Entschluss gefasst, ein Schaf ficken zu wollen, was wir nicht wirklich verstanden, da Tauer einen Schlag bei den Frauen hatte und jede Saison eine nicht unerhebliche Menge an Touristentöchtern verführte. Er war der klassische Stiffler in unserer Gruppe, der Typ, den keiner so richtig leiden kann, aber der trotzdem irgendwie dazugehört. Er wollte seinen Entschluss, ein Schaf zu ficken, diese Nacht jedenfalls durchziehen (Spoiler: keine Panik, es ist nicht passiert) und freute sich deswegen schon wie Bolle auf die Nordsee, wo es bekanntermaßen die prächtigsten Exemplare der Heidschnucke gibt.

Wir wurden, außer Matt, besoffener und unsere Pausen länger und unwirklicher. Wir gaben uns nicht mehr damit zufrieden, Baulampen zu stibitzen, wir krallten uns besinnungslos an irgendwelche Zäune, die irgendetwas eingrenzten. Dennoch, nach etlichen Mühen standen wir kurz vor St. Peter Ording, welches nur ein wenig außerhalb der realen Welt liegt.

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Die geplante Aktion, Eier an Reichenvillen zu schmeissen, gestaltete sich als unmöglich, da Pepe inzwischen nicht mehr in der Lage war, die Eier heil aus dem Handschuhfach zu holen und sich insgesamt ein wenig griesgrämig, dennoch unterhaltsam gab. Das im Suff entstandene Zitat „Ihr könnt das eh alle viel besser als wie ich“ sollte jedenfalls für spätere Lacher im Hinterkopf behalten werden. Kurzzeitig verschwand er aus unserem Blickfeld, um sich in einem Busch zu erleichtern, wir fuhren eine Runde um den Block, um ihn später auf dem Gehweg liegend wiederzufinden und einzusammeln.

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Und doch, es fehlte ein wenig der Thrill in dieser Nacht. Fast besinnungs- und völlig ziellos rannten wir aus dem Auto runter in ein Schilffeld, rannten immer weiter, die Sicht durch das viele Schilf nur wenige Zentimeter, über uns der sternenklare Himmel zur Orientierung. Wir standen knöcheltief im Wasser, als uns klar wurde, dass wir den Tod nicht finden wollten, noch nicht, aber es wäre ein interessantes Bild geworden später in den Zeitungen: Eine Gruppe junger Männer verirrte sich, offenbar betrunken, in einem Schilffeld und ertrank bei dem Versuch, wieder herauszufinden. Man hätte den Wagen schnell, uns aber erst viel später gefunden, und noch Generationen später würde man Kindern mit unserer Geschichte warnen, nicht in ein Schilffeld zu gehen. Denn nachts würden unsere Geister klagend durch das Feld ziehen, auf der Suche nach ihrem Auto und der Erlösung.

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Aber nicht heute. Wir gingen bibbernd, es war Oktober, ins Auto zurück und taten, was jeder in einem Leben einmal tun sollte: Mit seinem Auto durchs Wattenmeer rauschen. Das Rauschen verwandelte sich alsbald in ein Zischen, das Zischen in ein Röcheln, das Röcheln in Stille. Die ohnehin schon stark dämolierte Kupplung verbaschiedete sich im anspruchsvollen Wattenmeer vollends und nicht mehr ganz so lachend wurde uns bewusst, dass wenn wir hier übernachten, uns die Flut wohl aufs eisige Meer hinaustragen würde.

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(Karte: Google Maps)

Es war unwirklich: Eine kleine Truppe unzurechnungsfähiger aber aufgrund des Adrenalinschubs nur noch halbbesoffener Jungs versucht, einen kaputten Wagen aus dem Wattenmeer, „dem größten Nationalpark der Welt“, zu retten. Der Mensch rettet die Maschine vor der Natur. Und gewann. Erschöpft, müde und ratlos verbrachten wir einige Zeit im Auto und fragten uns, was wir jetzt tun sollten. Gestrandet am Strand. Passiert, wenn man drüber nachdenkt, den allerwenigsten, weswegen diese Redewendung eigentlichen keine Berechtigung hat. Eigentlich müsste es geflughafend heissen, denn die meisten Menschen stranden an irgendwelchen Flughäfen. Wir aber sind am Strand geflughafend.

Matt war glücklicherweise Mitglied in einer Sparversion des ADAC, die Sparabfertigung bestand dann darin, uns in die nächste kleinere Ortschaft, deren Namen ich zu Recht nicht mehr weiss, zu fahren und uns dort unserem Schicksal zu überlassen. Jede halbe Stunde die Heizung einige Minuten laufen lassend, schliefen wir einige Stunden und dachten uns, dass das die beschissenste Übernachtung unseres Lebens war, wir jedoch schon bald drüber lachen würden.

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Reuig, und traurig kein Schaf begattet zu haben, rief Tauer nach einem kleinen Frühstück seinen Vater an. „Ihr seid WO????“ St. Peter Ording. Wir warteten die folgenden Stunden, bis Tauers Vater kam und uns mit einem Abschleppseil die gesamte Strecke von der Nordsee zur Ostsee nach Hause zog. Eher ruhig und wenig euphorisch verabschiedeten wir uns für dieses Wochenende. Es würden einige Kostenfragen zu klären sein und schon am nächsten Tag ging der graue Bundeswehralltag für Matt und mich weiter, glauben würde uns die Geschichte sowieso keiner.

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8 Antworten zu St. Peter Ording

  1. Frank schreibt:

    Har har. Lustige Geschichte.

    „I am the one and only“ von Chesney Hawkes war allerdings, glaub ich, schon 90er-shit. Der ist damit auch mal im Disney Club aufgetreten, die Fönwelle, die blonde.

  2. MuGo schreibt:

    Das Lied ist der letzte Fick…

    Aber nette Geschichte, so was machen auch echt nur Nordis aus SchleHol. Bei uns in Niedersachsen ist am Wochenende entweder Charley-Time oder man wohnt in der Stadt und spielt mondänes Hamburger Nachtleben nach.

    Oh, und Kiel find ich persönlich langweilig und hässlich.

  3. Sebastian schreibt:

    Dass das Lied aus den Neunzigern ist schockiert mich einigermaßen. Aber was ist Charley-Time?

  4. MuGo schreibt:

    Anscheinend sind wir Niedersachsen dank unserer von Heino(!) gesungenen Landeshymne so degeneriert, dass nur wir das ekligste Getränk auf der Welt unter seinem heiligen Namen kennen: Springer-Cola a.k.a. Charley (evtl. auch nur Charlie oder Charly.) Und die Happy Hour für diesen Bauerncocktail heißt dem entsprechend Charley-Time.

    (Mir fällt gerade auf, dass ich zu gebildet für die Dorfjugend bin. Es heißt natürlich IMMER Charlie-Time. Alles andere wäre ja Englisch…)

  5. Dennis schreibt:

    Geht doch nix über einen netten Abend! Und da sagt man immer, man erinnert sich nur an die schönen Dinge…

    Gruss

  6. matt schreibt:

    ich persönlich erinner mich an meherere hundert euro für ne kupplung, nen sauren tauervadder, ne anstrengende rückfahrt (ganz alleine hinten im nissan während vorne im bmw alle party machen).

    aber der 180 im wattenmeer war es FAST wert. 😉
    pepe lag übrigens nicht auf ner straße sondern im vorgarten und krallte sich am zaun fest. *grins*

  7. Sebastian schreibt:

    Ja, meine Erinnerung mag in einigen Detailpunkten getrübt sein, ist ja schon ’ne Weile her. Der saure tauervadder war mir aber Ladde, fand ich eher amüsant. Als ob der Stress, den Tauer evtl. noch hatte, mir nicht am Arsch vorbeigehen würde ^^
    So sehr Party ging vorne dann aber doch nicht…

  8. matt schreibt:

    ihr hattet radio und gesellschaft und konntet euch den spaß machen das mit dem schafen undeutlich an tauers vater heran zu tragen. ich hatte nur die bremse (ohne bremskraftverstärker natürlich) und das lenkrad. ganz schön hart das ein paar stunden durch zu ziehen!

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