Das goldene Zeitalter

froschIn meiner Eigenschaft als Vergangenheitsverklärer denke ich manchmal wehmütig an die Zeit vor Web 2.0 zurück. Für mich persönlich war die schönste Zeit im Internet der Zeitraum 1998 bis vielleicht 2001. Was haben wir gelacht. Heute verbringe ich ca. 90 % meiner Internetzeit auf Blogs. Das ist natürlich toll, aber das ist nicht mehr die Spaßmaschine, die es mal war. Heute bin ich in erster Linie online, um mich zu informieren. SO RICHTIG! Politik, Technik, Weltgeschehen, Popkultur. Das kann doch nicht die Intention der Macher gewesen sein.

Jeder weiss, dass das Internet konzipiert wurde, damit Wissenschaftler Pornos austauschen konnten. Klar, in der Werbung hieß es schon immer, „die aktuellsten Nachrichten, jederzeit“, „lerne Menschen aus aller Welt kennen“, aber seien wir ehrlich, das wollte doch keiner. Internet was for porn, das ging doch allen so (grade, wenn man selber erst 18 geworden ist), und wenn man genug davon hatte, sich durch Passwortseiten zu wühlen, bis man was gefunden hatte, ging man zum Kumpel und verschwendete seine Zeit mit dem heissesten Ding, dass es online gab: Frösche im Mixer! Ich glaube, 90 % aller Start-ups waren Online-Comedyformate mit interaktiven Flashcartoons. Und ehrlich gesagt, wundere ich mich auch ein bisschen, dass es joecartoon heute noch gibt. Viel besser fand ich nämlich den einsamen Astronauten. Sowas wird doch heute garnicht mehr gemacht! *Faust in die Luft werf* napster-0349

Das allerallercoolste (der offizielle Fantasteriv von cool, erlernt von jedem Jungen nach einem Kinobesuch einer Comicverfilmung) war aber sicher Napster. Auch wenn das klingt wie ein einestages-Artikel vom Spiegel, aber Napster war halt wirklich cool. Man musste nur ein wenig aufpassen, die Verbindung nicht kappen zu lassen, denn Wiederaufnahme des Downloads eines Blink 182-Songs war noch nicht möglich. Aufgrund der analogen, langsamen Verbindungen haben wir die Schuld dem Großkapital gegenüber eh mehr als abgegolten 🙂

Nebenbei konnte man ja chatten, der Napsterchat war irgendwie immer der beste. Gerüchteweise sollen sich auch mal welche bei uboot.com angemeldet haben, ich habe aber nie so jemanden kennengelernt. Kontakte hielten auch darüberhinaus noch an, denn bei Giga wurde grade ein ziemlich cooles Tool vorgestellt, ICQ. Giga war zu dem Zeitpunkt übrigens eine tolle, ich bin versucht zu sagen die beste, Sendung, das Verhältnis gut aussehender, aber schlecht deutsch sprechender Menschen zu Normalos hielt sich noch die Waage und Miriam Pielhau ist noch nicht in den Schlund schlechter Boulevard-Magazine und peinlicher Panelshows gefallen. Die Miri, erste (echte) Internetikone pickelgesichtiger Raubmordkopiercounterstriker *seufz*

Überhaupt, Counterstrike. Half-Life Deathmatch. Unreal Tournament. You name it. Die großen Online-Spiele dieser Zeit sind auch heute noch die besten und beliebtesten. Und wenn die Rechnung dann doch mal wieder zu hoch war, weil die niegelnagelneue ISDN-Flat in unserem Kaff nicht angeboten wurde, freute (und freut!) man sich, dass man jetzt seine SNES-Spiele auch am Rechner zocken konnte.

giga

Schöne Zeiten waren das, ein sorgloses Internet. 1999 gab es überhaupt nur 2 Sorgen. Eine war der Y2K-Bug. Liebe jüngere Leser, es gab damals wirklich die Angst, dass zum Jahreswechsel ’99 auf ’00 alle Technik aufgrund dieser mathematischen Ungeheuerlichkeit durchdrehen und uns vernichten würde, als ob irgendein Meteor an uns vorbeiziehen würde. Das ist vergleichbar mit den Menschen, die damals vor einem herannahendem Zug auf dem Bildschirm weggerant sind.

Die andere Sorge war weniger, wo man den Jahrtausendwechsel verbringt, sondern WANN: Beim Jahreswechsel ’99 auf ’00 mit den hübschen Mädchen oder ’00 auf ’01 mit den Computernerds („Ahnungslose!! Allesamt!!! Ich haue einen Text ins Internet, der sich gewaschen hat!!“ <-wahrscheinlich war das die Geburtsstunde der Blogs).

Ich hatte nie wieder so viel Spaß im Internet wie mit 18. Aber mein Gott, wer hat das schon?

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14 Antworten zu Das goldene Zeitalter

  1. Frank schreibt:

    Ich war ja bei uboot, da hab ich ein paar gute Kumpels kennengelernt, u.A. den OasisUK. Meine Seite existiert heute noch. Ich hab den aber nur deswegen nicht gelöscht, weil ich damals als vermutlich einziger Mensch überhaupt den Paid Content von denen genutzt habe und Fotos (auf Film!!1!) eingesandt habe, die die mir nicht nur entwickelten, sondern sogar einscannten und online stellten (!!!1). War das geil damals, Digicams gab’s ja wenn überhaupt dann nur mit Diskettenlaufwerken. 🙂

    Und MP3s runterladen hab ich ja schon gemacht, da gab’s Napster noch gar nicht, da hat man sich die Dinger von Fakeaccounts bei geocities gezogen. 🙂

  2. Frank schreibt:

    im dritten Satz: den = die Seite bzw. den Account.

    Anhang zum Thema Napster / MP3s: Liebe Kinder, damals (ca. 1999) hat ein Song noch 15 Minuten gebraucht, weil Modem / ISDN höchstens 5 kb/s schafften, meist eher 3 bis 4. Das entspräche heute etwa DSL 40. Damals hat man tatsächlich noch nicht wahllos gezogen, sondern sich Mühe bei der Auswahl gegeben. Z.B. ich: Mein erster Einzelsong war glaub ich Wonderwall von Oasis *stolz*, mein erstes runtergeladenes komplettes Album hingegen „Savage Garden“ von Savage Garden *schäm*. Meine 1,2 GB-HD platzte trotz der begrenzten Bandbreite bald aus allen Nähten. Man brannte sich ja unter Freunden auch MP3-CDs. Für nen Zehner. Also Mark jetzt, das sind etwa fünf Euro und die CD-Rs kosteten damals so viel. Man konnte sich damals aber auch der MP3-Qualität noch nicht sicher sein, weil viele Leute noch nicht LAME zum encoden benutzt haben. Aber ich drifte mal wieder ab … Es waren andere Zeiten damals. WIR HATTEN JA NIX!!1!

  3. bullion schreibt:

    Welch schöner Retroeintrag! Ich erinnere mich nur zu gut an die Anfangszeit im Internet. Dürfte so um 1996/1997 gewesen sein. Mein erstes MP3 hat über eine Stunde geladen – mit einem 33.6er Modem, das andauernd die Verbindung gekappt hat.

    Mit Freude erinnere ich mich auch die ersten kleinen Netzwerksessions mit „Duke Nukem 3D“ und „Quake 1“. Hatte damals noch etwas von Pionierzeit.

    Achja…

  4. Frank schreibt:

    *schleichwerb*: Zum Duke kommt, so ungefähr morgen, was auf 1000ff.de.

  5. Sebastian schreibt:

    Cool 🙂

    Bei meinem Praktikum ’96 oder ’97 bei Vobis (welcher wie jeder Laden, in dem ich je Praktikum gemacht habe, bald pleite ging) durfte ich im Verkaufsraum Duke Nukem daddeln ohne Ende. Kommunikation war aber scheisse da, der eine hat mir erlaubt, ein frisch verpacktes C&C Alarmstufe Rot aufzureissen und zu „testen“, beim nächsten gab’s dafür Mecker.

  6. Sebastian schreibt:

    Ach ja, das mit dem Fotofilm finde ich ja einfach phänomenal 🙂

  7. MuGo schreibt:

    Ich war ja mal wieder voll der Loser und bin erst 2002 so richtig im Internet eingestiegen. Aber Napster und 56k-Modem, das kenn ich auch noch…

  8. Ivy schreibt:

    Hach… es war so anders und alles war so aufregend und so bunt… und man konnte Kaffeekochen und aufs Klo gehen solange das Modem Daten geschaufelt hat… was war schon ne Minute oder zwei beim Seitenaufbau… und gegenseitig CDs rüberschubsen dauerte Stunden Tage, in denen man so schön im Channel rumsitzen konnte und völlig fremde ITler zu Tode nerven konnte, sogar die Pornos waren irgendwie lustiger als heut…

    Schön…

  9. saripari schreibt:

    Sebastian, ich fühle mit dir. Ich fühle, ich empfinde, ich sterbe für diese Zeit, wo man noch im IRC gechattet hat und CSS noch nicht mal eine klare Definition. Oh Gott, da hat man Websiten noch mit Frames aufgebaut und so viele Java Applets wie möglich benutzt!

    Flash war Horror, Napster The King, Google irgendwie unbekannt und Ebay, was ist eigentlich Ebay?!

    Ho man. I miss thee times.

  10. Sebastian schreibt:

    Manchmal gehe ich noch auf alte Beepworld-Seiten. Über die hat man sich damals schon lustig gemacht und das funktioniert auch heute noch.

    Allerdings muss ich gestehen, früher auch so eine Schrottseite bei einem ähnlichen Anbieter gehabt zu haben. Das ist auch noch nicht sooo ewig her, und inhaltlicht war’s auch nicht so schlimm. Aber es ist trotzdem gut, dass sie weg ist.

  11. Dennis schreibt:

    Da hab ich gerade Terranigma gezockt-wegen Sebastian… I-Net? Oder wie heisst das?

  12. causa prima schreibt:

    Tja, und wer hat heute noch eine ISDN-Flat für 80€? Ich. Super. Und Seiten baue ich immernoch mit Frames (siehe blackminded.de), ich weiß nicht, was daran so schlecht sein soll. Irgendwer hat mir mal erklärt, warum das mehr Bandbreite kosten soll, aber bei den Seiten, die ich gemacht habe, kann das nie der Fall gewesen sein. Nur mal als Hint: Die Startseite inkl. Grafiken hat 55-60KB. Unsere alte nur 13KB. Ich kenne kaum Seiten (außer Nur-Text-Seiten), die so klein sind, und wenn ich für die News nicht auf WordPress umgestiegen wäre (was eigentlich unsinnig ist), dann würde der Aufbau wegen weniger Datenbankabfragen noch viel schneller gehen. Aber egal. Worauf ich hinaus wollte: Damals mussten die Webdesigner noch darauf achten, dass Webseiten nicht zu groß werden, weil die sonst so lange laden. Wer macht das heute noch? NIEMAND. Wer sind die leidtragenden? LEUTE WIE ICH. Heute muss man eigentlich nur darauf aufpassen, dass man den IE Designmäßig nicht ausschließt, die olle Krücke hält sich ja an keinen Standard. Mistding.

    Damals bekam man gecrackte Spiele übrigens von den coolen Leuten, die Leute an der Uni kannte, denn die Unis hatten wenigstens Standleitungen.

    Was früher beepworld war, ist heute übrigens myspace. Nur das myspace-Seiten zu gestalten meines Wissens nach viel schwieriger ist als das bei den beepworld-Seiten der Fall war, weswegen auch die meisten einfach nur grottig aussehen oder wenigstens ein „Generated with .. Mypace Generator“ zu stehen haben. Peinlich, peinlich. Aber schön war auch dieser Matrix-Hype im Netz, als alle Welt den dafür typischen herabrieselnden Code als animierte GIF (GIF’s werden ja auch nicht mehr eingesetzt. Heute geht alles nur noch über Flash) auf der Seite hatte.

    UT war was für Weichlinge, wir Mänenr haben Q3A gespielt. Lustig ist auch, dass die ganzen CS-Nerds immer CS:S runtermachen. Ich mein: Es ist doch nur ein Spiel. Früher waren die Spiele sowieso besser. Das war die Zeit, als die Technik gerade gut genug war, um hochwertige Spiele zu liefern. Da war es noch wichtig, ein fehlerfreies, durchdachtes, ausbalanciertes und vor allem mit einer ordentlichen Story versehenes Spiel rauszubringen.

  13. Sven E. schreibt:

    1999: Battle.net-Gefechte, im IRC idlen und schließlich auf die quakenet-Server umziehen, vom IE auf Opera wechseln und meine erste mp3s waren „Morning Glory“ von Oasis und „Zombie“ von den Cranberries.

    Und natürlich ist das Internet hauptsächlich pornografische Tauschbörse: http://chaosradio.ccc.de/ctv039.html

  14. Sanja schreibt:

    boah wie süß… frage mich was ich meinen kindern später von der großen weiten welt des internets erzählen werde… und dass es eine zeit gab, in der nicht jeder ein handy hatte. und internet was ganz exklusives war. und hach….

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