Robert allein in New York

Spoilerwarnung für alle, die den Film noch sehen wollen: Elementare Teile der Geschichte werden verraten.

Eigentlich wollte ich I AM LEGEND gar keine Chance geben. Was wurde der nicht von vielen Seiten zerrissen: Religionskitsch, miese CGI, tumber Zombiefilm – alles Quatsch. I AM LEGEND ist ein atmosphärischer, schön anzusehender und in großen Teilen ruhig erzählter Endzeitfilm, der das vernachlässigte „Last man on earth“-Genre würdevoll um ein Kapitel erweitert.

Die Prämisse des krebsbesiegenden Killervirus, das die Menschheit nahezu ausrottet, ist natürlich ziemlich hanebüchen, wird aber so schön für den Laien verständlich nahegebracht, wie es nur Hollywood zu tun vermag. Warum können sich echte Forscher nicht auch mal so simpel ausdrücken?

Im Jahr 2012 sind jedenfalls 3 Jahre seit der Vernichtung der Menschheit vergangen, und Robert Neville, gespielt von Will Smith, gehört zu den wenigen Menschen, die gegen das Virus immun sind. Alle anderen sind entweder tot oder wurden zu lichtempfindlichen Mutanten, die scheinbar jegliche Menschlichkeit hinter sich gelassen haben und mit einer unkontrollierbaren Aggression Jagd auf die letzen „normalen“ Menschen machen. So kommt es, dass Neville seit geraumer Zeit alleine durch New York streift (im Sinne von: mit einem Shelby Mustang durch gottverlassene und wunderschön anzusehende Häuserschluchten rast und dabei mit einem Sturmgewehr auf Hirschjagd geht). Sein einziger Begleiter ist die Schäferhünden Samantha, die ihm loyal zur Seite steht. Das leere New York ist eindrucksvoll gestaltet und statt Verkehrlärm ertönt leises Vogelgezwitscher und hier und da mal ein Wildtierschrei, so dass man wirklich ein Gefühl dafür kriegt, wie es sich fühlen muss, alleine in einer Stadt zu leben.

Aber Neville ist mehr als nur ein Überlebenskünstler. Er war als Forscher im Militär an der Entwicklung des Virus beteiligt und nutzt seine reichlich vorhandene Zeit nicht nur zum Golfspielen auf einem Flugzeugträger, sondern auch zur Erforschung eines Gegenmittels, um die Mutanten (und NICHT Zombies und NICHT Vampire) wieder zu Menschen zu machen.

Dabei bleibt es natürlich nicht aus, auch an eben jenen Versuche durchzuführen. Es überrascht ihn, dass sich beim Einfangen eines Mutanten ein anderer ans tödliche Tageslicht wagt, um seinen Artgenossen zu verteidigen.
Dies nicht wahrhaben wollend, verweigert sich Neville in einer wunderbaren Szene dieser Erkenntnis und führt das Verhalten auf die endgültige De-Evolution zurück, eine beginnende Sozialisation schließt er wohl aus.

Dieser Standpunkt ist so stark gefestigt, dass er sogar eher an die Lebendigkeit von Schaufensterpuppen glaubt, als zu akzeptieren, dass jemand anderes eben diese Puppe aufgestellt hat, die sich als Falle entpuppt.

Nachdem Neville dank Samantha der Falle entkommen kann, die sympathische Hündin jedoch gebissen wird, folgt die eindrucksvollste Szene des gesamten Films, und ich möchte sagen, dass ich (der sogar bei AI eine Träne verdrückt hat) selten so einen Kloß im Hals hatte wie in diesem Moment.

Wie verhälst Du Dich, wenn das Wesen, dass Du am meisten liebst auf der Welt und das für Dich sterben würde, sich von einer Sekunde auf die nächste gegen Dich wendet und Dich töten möchte?

Ich hatte vor ein paar Tagen einen Albtraum, in dem sich Steffi vor mir, getrennt durch eine Glasscheibe, in einen Zombie verwandelt hat. Das Schlimme war nicht die Angst vor ihr. Das Schlimme war nicht, dass sie nicht mehr wusste, wer ich bin. Das Schlimme waren die Sekunden davor, in denen wir beide wussten, dass es unsere letzten sein würden. In dem Augenblick, in dem sie verwandelt war, bin ich aufgewacht.

Und es ist eben diese eine Minute beinahe völliger Ruhe, in der Neville Samantha einfach nur im Arm hält, bevor er sie töten muss, die mir so nahe ging. In diesem Augenblick ist es egal, dass er jetzt ganz alleine ist. Was zählt ist, dass Samantha nicht mehr bei ihm ist.

Als ihm eine Schaufensterpuppe, in die er seine Sehnsüchte projeziert hat, ihm eine Antwort verweigert, muss er sich der Erkenntnis stellen.

Sein Hund tot, die Gegenmittel wirken nicht, die Mutanten beginnen sich zu sozialisieren und perfektionieren ihre Jagdmethoden: Neville verlässt jeglicher Lebensmut und in einer Kamikaze-Akton will er sich schließlich das Leben nehmen. Und hier beginnt der bis dahin tadellose Film dann tatsächlich, ein wenig nachzulassen.

Was folgt, ist eine ziemlich plumpe Einführung zwei weiterer Überlebender, einer Frau und einem Jungen (wirklich ihr Sohn?). Zugegeben, man erfährt wenig über die vergangenen 3 Jahre und man weiss nicht, ob Neville nicht bis vor einem Jahr noch mit anderen Survivors gelebt hat, aber die emotionslose Erstbegegnung ließ mich kalt. Übrigens ging es mir auch schon im Meisterwerk Quiet Earth ähnlich: Mit der Einführung weiterer Charaktere verlor auch dieser Film ein wenig.

Nun beginnt eine relativ kurze, aber meiner Meinung nach zu belanglose Hetzjagd á la Kevin allein zu Haus, die im Selbstopfer Nevilles endet, um die beiden anderen und das jetzt zufällig doch wirkende Gegenmittel zu retten. Die Mutanten sind, wie auch in allen vorangegangenen Szenen auch, komplett CGI. Die ist zwar technisch nicht so schlecht, wie ich anhand zahlreicher Reviews befürchtet habe, aber doch zu künstlich, so dass ich mir gut geschminkte Menschen an ihrer Stelle gewünscht hätte. Die Szene unmittelbar vor seiner Opferung ist allerdings wieder sehr schön und folgerichtig ist es die einzige Szene neben Samanthas Tod, in der die ruhige Filmmusik einsetzt. Ein Stilmittel, dass schon in Zemeckis Castaway wunderbar funktioniert hat.

Mit der unnötigen Rettung von Frau und Kind in eine Kolonie von Überlebenden endet der Film und lässt mich tatsächlich nachdenklich zurück. Würde der Film allerdings 5 Minuten eher enden, wäre es ein Schluss gewesen, der zumindest in dieser Hinsicht an den brillanten Children of men herangereicht hätte.

Ein Aspekt, der in der (von mir noch zu lesenden) Buchvorlage angesprochen, hier aber leider völlig außer Acht gelassen wird: I AM LEGEND. Neville ist in der Tat eine Legende, allerdings für die intelligenter werdenen Mutanten. Für die ist er der böse, der tagsüber auf die Jagd nach ihnen geht. Im Film bezieht er seinen Legendenstatus auf die Rettung der Menschheit durch das Gegenmittel. Leider fiel die andere Version wohl dann doch der Vermainstreamisierung Hollywoods zum Opfer.

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12 Antworten zu Robert allein in New York

  1. saripari schreibt:

    Schön geschrieben, ich stimme dir größenteils zu, obwohl ich doch der Meinung bin das I Am Legend noch viel mehr Story zu geben hätte- z.B., was du selbst erwähnst, dieses „Legenden“-Dings.
    Außerdem habe ich unglaublich viele Parallelen zu 28 Days Later entdeckt, mit dem Unterschied dass ich den Film besser fand… hach ja, aber schön gemacht war er wenigstens.

  2. Dennis schreibt:

    Sehr schön beschrieben! Den Anfang fand ich absolut genial (Kulisse!), dann hat der Film aber leider sehr kontinuierlich bis zum (vorhersehbaren) Ende runtergearbeitet. Doch wieder nur Standardkost…

  3. Sebastian schreibt:

    Hm, ich fand es grade gut, dass es in der ersten Hälfte nicht so viel Story gibt. Nur einen Mann und sein Zurechtkommen in einer leeren Welt, und dass er sie mit seinen Routinen füllt (Videothek etc.).
    Die Parallelen zu 28 Days sind ja der Situation geschuldet. Den Teil, in dem Frau und Kind später von den Soldaten in der Kolonie verfrühstückt werden, kann man sich ja selbst dazudenken, hehe. Aber auch bei dem fand ich die Szene am fiesesten, in der sich der Vater infiziert. Aus dem gleichen Grund wie hier bei Sam.

  4. Alexander schreibt:

    Muss ich mir auch noch ansehen , hab nur momentan keinen Zaster fürs Kino.

    Sehr löblich , das du hier betont hast , das die bösen Kerle im Film keine Zombies sind. Mann , wie mich das angekotzt hat , überrall zu lesen , das „Iam Legend“ ein weiterer Zombiefilm sei.

    Ich würde die lichtscheuen Gesellen an ehesten mit den Viechern aus „The Descent“ vergleichen ; ich hab zwar bis jetzt nur den Trailer von Iam Legend gesehen , aber was ich da sah war was das Creature – Design betrifft „The Descent“ ziemlich ähnlich.

  5. greezer schreibt:

    was du nicht erwähnt hast, ist, dass das Symbol des Schmetterlings, welcher im gesamten Film immer wieder irgendwie erscheint.
    Das erste Mal schon ziemlich am Anfang, als Robert durch NY heizt, da sieht man nen Schmetterling auf nem Plakat. Danach z.B. auf dem Mais(?)feld mit Sam und auch die gute Dame (die mit dem Jungen) hat sogar nen Schmetterling als Tattoo. Zur Krönung zeigt das zersplitternde Glas am Schluss die Form eines Schmetterlings.
    Wozu das ganze geflattere? Der Schmetterling gilt als Symbol der Verwandlung (Metamorphose) und als altes Symbol des Traumes. Aber auch für Unsterblichkeit, Rastlosigkeit und der Wiedergeburt. googled mal nach Schmetterling und I am legend, da findet ihr noch mehr darüber.

  6. MuGo schreibt:

    Wieso findest du die Idee mit dem genetisch veränderten Killervirus so hanebüchen? Eigentlich ist es das Einzige, was mich an dem Film so sehr reizt, dass ich vielleicht doch noch Geld dafür ausgebe…
    Zur Ähnlichkeit mit 28 Days Later sei gesagt, dass beide meines Wissens nach auf dem selben Buch basieren.
    Was ich aber interessant finde: Nicht mal die berufsmäßigsten kritiker halten sich mit der größten Unlogik der Story auf – die Mutanten ernähren sich von Menschenfleisch. Ergo müssen immer noch Unmengen von Menschen in new York rumlaufen – oder können die Mutanten mehrere Monate ohne Nahrung auskommen?

    Aber wie dem auch sei – noch ein Grund mehr, den Film mal demnächst zu gucken. Da werde ich wohl mal die Filmquelle meines Vertrauens anbetteln müssen.^^

  7. Sebastian schreibt:

    Nee, 28 Days later ist was eigenständiges, die Verfilmunges des Buches sind I am legend mit Vincent Price von ich glaube 1940 und Omega Man mit Charleton Heston aus den 70ern. Und jetzt halt der neue.

    Letztendlich finden sicher alle Filme dieser Gattung einen Ursprung im Buch I am legend, aber direkt darauf beziehen sich jetzt nur diese 3 Filme.

    Es wird auch nirgendwo erwähnt, dass sich die Mutanten nur von Menschenfleisch ernähren. Ich denke, die können alles fressen, was ihnen in die Finger kommt. Und Wildtiere gibt es ja genug.

    Was ich an dem Killervirus so unrealistisch finde? Keine Ahnung, ich halte dieses Szenario halt nicht für wahrscheinlich, aber ich bin ja kein wirklicher Biologe. Das ist aber kein Minuspunkt, ich kann solche Sachen wunderbar ausblenden, im Gegenteil, ich finde sowas immer ganz witzig. Wenn wenigstens nach einer Erklärung gesucht wird und nicht irgendwelche Magie oder göttliche Fügung herhalten muss. Technobabble=steh ich drauf!

  8. Alexander schreibt:

    So wie ich das verstanden habe ist das weniger ein typisches Killervirus. Klar ,ein Grossteil der Bevölkerung geht hopps , aber – so sehe ich das , wenn ich mir das was im Buch „Ich bin Legende“ (also die Originalvorlage) durchlese , scheint es mir eher ein Virus zu sein , der die Menschen zwar körperlich verändert (ich bin jetzt so frech und vergleiche das als alter Sci-Fi Nerd mit dem Retrovirus aus Stargate Atlantis , der Menschen zu Wraith macht) , aber – so hab ich das verstanden – wissen zumindest einige noch ansatzweise was in ihnen vorgeht. Da sie jedoch nun in ewiger Finsterniss hausen müssen und auch psychisch aufgrund ihrers neuen Äusseren angeschlagen sind , begeben sie sich auch geistig auf eine neue Evolutionsstufe ; ihr Animalisches tritt nach aussen um schliesslch ganz von ihnen Besitz zu ergreifen. Ist bei der Tollwut genauso. So sehe ich das zumindest.

  9. MuGo schreibt:

    Da würde ich doch mal glatt sagen: der Autor hat da in Bio aufgepasst, der Drehbuchautor sich aber verständlicherweise dazu entschieden, das ganze ein bisschen zu straffen. Das sollte auch so in Ordnung gehen.

    Zur Menschenfleischgeschichte: Tja, das kommt davon, wenn man auf den Journalistenschulen beigebracht bekommt, reißerisch zu schreiben und deswegen die tatsachen zu interpretieren…

    Und zur Biologie: Ach, mit Evolution ist das eh so eine Sache – selbst die meisten Bio-LKler (und wohl auch viele Studenten) würden Lamarcks Evolutionstheorie ( http://de.wikipedia.org/wiki/Lamarck#Evolutionstheorie ) zustimmen, wenn sie sie nicht im Vergleich mit Darwins Theorie präsentiert bekommen. Man kann sie sich einfach besser vorstellen!

  10. MuGo schreibt:

    So, einmal mehr habe ich mir einen Film auf deine Empfehlung hin angesehen.

    Tja, ich bin gespalten. Einerseits ist garantiert einiges dadurch kaputt gegangen, dass ich die Story ja schon vorher kannte, andererseits hat es mich jetzt nicht vom Hocker gehauen. Das beste waren schon die Szenen in Manhattan, vor allem, weil sich da anscheinend jemand richtig Gedanken gemacht hat, wie wohl eine Betonwüste nach drei Jahren ohne menschliche Pflege aussieht.

    Immerhin hat es mich auf das Buch neugierig gemacht und ich werde es wohl demnächst mal lesen. Ich mag Untergangsszenarien und ich habe es ja schon in vorherigen Kommentaren angedeutet, dass mich die Virus-Idee durchaus reizt.

    Allerdings muss ich dir in einem Punkt widersprechen: Ich finde die Szene, in der er auf Ana und ihren Zögling (ich denke auch nicht, dass es ihr Sohn ist, eher war sie mal sein Kindermädchen oder so…) stößt, gar nicht so unemotional. Wie soll man darauf reagieren, wenn plötzlich wirklich Leute auf die täglich gesendeten Nachrichten reagieren – genau an dem Tag, an dem man Selbstmord begehen wollte? Ich finde seine seltsamen Ausbrüche durchaus realistisch. Trotzdem – durch Anas dumpfbackige Art geht in der Tat der letzte Rest Atmosphäre den Bach hinunter…

    Und das Ende ist alles, was ich an Amerika hasse. Der ewige Gründungsmythos und der Glaube daran, dass sich alles wieder zum „Guten“ wenden wird. Fast so blöd wie im in meinen Augen theoretisch unterbewerteten Postman, der alleine durch seine letzten Minuten allen Kredit verspielt. Mein Mitbewohner hat es auf den Punkt gebracht als er nach dem Film feststellte: „Und hat irgendjemand die Zombies (entschuldigt diesen Ausdruck…^^) gefragt, ob sie wieder zu menschen werden wollen?“ Das sagt alles über die Botschaft – wo doch der Film gerade aufzeigt, dass es auch mit Mutanten nicht so einfach ist, wie wir glauben, denn auch Humanität erscheint nur Menschen human…

  11. Sebastian schreibt:

    Du bist immer gespalten bei den Filmen, die ich mag. Vielleicht tauge ich nicht als Deine persönliche Film-Empfehlungsreferenz 🙂

    Hier findest Du das alternative Ende vom Film, welches Deinen Erwartungen eher entsprechen dürfte, da hier genau die Fragestellung, ob die „Zombies“ die Heilung überhaupt wollen, beantwortet wird.

    Postman krankt im Übrigen wie alle neueren Costner-Filme an der extremen Selbstdarstellungsattitüde seinerseits. Das hat mich an dem Western von ihm auch so gestört, Open Range oder wie der hieß. Genialer Film, verkommt aber im letzten Drittel zu einer One Man Show.

  12. MuGo schreibt:

    Nee, ich glaube, dass ich einfach nur zu hohe Maßstäbe anlege, wenn ich Filme empfohlen bekommen habe. Andererseits gibt es nicht viele Menschen, denen ich in Filmsachen voll vertraue; eigentlich nur meinem Mitbewohner, der kennt mich inzwischen gut genug, um mir die richtigen Filme zu empfehlen. Darum übrigens meine Empfehlung: Immer mit dem besten Freund zusammenziehen – ist wie ein altes Ehepaar, nur dass man sich weniger misstraut…

    Das Alternate Ending werde ich mir wohl mal angucken. Und ja, Kostner ist mindestens genauso von sich überzeugt wie Shyamalan. Vielleicht das Los von genialen Menschen – sie sind einfach nur zum Kotzen!

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