Classic Game Review: Anachronox

Ihr kennt das ja alle: Man geht die Straße entlang und alle paar Meter rempelt Dich einer an und fragt „Ey Digger, warum machst Du eigentlich nie Game-Reviews?“ oder „Ha jo, kannscht net mal e Spielteschtle schreibe‘?“ Ich schüttle dann immer mit dem Kopf, lächle, verpasse der Person eine Kopfnuss und gehe weiter.
Aber jetzt dachte ich mir: Warum eigentlich nicht? Du hast schon soviel gespielt in deinem Leben, schreib doch mal drüber. Alle anderen machen das doch auch.

Dann aber fiel mir auf, dass ich in den letzten Jahren garnicht soo viel gespielt habe. Bzw. ich habe sogar eine Menge gespielt, aber fast kein Spiel konnte mich derart fesseln, dass ich es auch durchzocken wollte. Eine der ganz seltenen Ausnahmen möchte ich an dieser Stelle einmal vorstellen, weil es das wirklich, wirklich verdient hat. Was nur keiner mitbekommen hat.

Anachronox ist, das muss man wohl leider sagen, einer der Sargnägel, die Ion Storm letztendlich in den Ruin geführt haben. Es hat sich bei Erscheinen 2001 schlicht sehr wenig verkauft. Meiner Meinung nach ungerechtfertigterweise, da es nur wenig Spiele gibt, die an Ideenreichtum mit dieser Perle mithalten können.

Genremäßig verbirgt sich hinter Anachronox ein Rollenspiel, dass sich vor allem an Konsolenspielen dieser Gattung orientiert. Das heisst, die Kämpfe laufen wie bei Final Fantasy mit einem Zeitbalken ab. Ist dieser für einen Charakter gefüllt, kann er eine Aktion ausführen, also entweder angreifen, verteidigen, einen Gegensand benutzen etc. Die Kämpfe nehmen zwar viel Zeit des Spiels in Anspruch, sind aber insgesamt einfach gehalten und nehmen nur eine Nebenrolle im Spiel ein. Auch die Charakterentwicklung ist nicht sehr umfangreich. Man bekommt Erfahrungspunkte und steigt ab und zu einen Level auf, neue Fähigkeiten ergeben sich aus der Ausrüstung. Später erlernt man noch die Kunst, mittels Käfern, die es überall zu finden gibt, seine Ausrüstung zu verfeinern und zu verbessern. Ganz ehrlich: Ich habe das System nicht verstanden und es nie benutzt. Aber auch nie gebraucht. Wie gesagt, die Kämpfe treten angesichts der fulminaten Geschichte eh in den Hintergrund.

Das Spiel läuft mit einer aufgebohrten Quake II-Engine, die man an Rollenspielbedürfnisse angepasst hat. So haben die Charaktere zum Beispiel eine umfangreiche Gesichtsmimik. Wunder darf man natürlich nicht erwarten, viele bemängelten schon damals die eher einfache Grafik. Mir genügt sie jedenfalls vollkommen und angesichts der zahlreichen liebevollen Details verzeihe ich auch die etwas grob geratenen Charaktere.

Die Musik ist erstklassig. Jeder Charakter, jedes Setting hat seine eigene Melodie. Es gibt zum Beispiel eine Szene in einer extrem versifften Stripbar, die mit einem sehr stylischen Funkstück unterlegt ist. Oder diese kleinen putzigen Viecher, bei denen man gefundene Sachen gegen andere eintauschen kann und deren Kanalisations-Distrikt mit einer klassischen Tim Burton-Danny Elfman-Glockenmelodie beschallt wird. Und ganz nebenbei sind die einzelnen Lieder bei der Installation als mp3 abgelegt, so dass man sich die Stücke gleich in seinen Videospielmusikordner ziehen kann 😉

Das Spiel beginnt mit einem netten Intro, in dem man die Hauptperson, Sly Boots, kennenlernt. Der klischee-mäßig abgehalfterte Privatdetektiv hat Schulden bei der lokalen Mafia-Größe und wird cineastisch gekonnt aus dem Fenster seines Büros geschmissen. Glücklicherweise befindet sich unter seinem Appartement seine Stammkneipe, so dass er sich gleich seinen Frust wegsaufen kann. Jetzt kann ihn nur noch ein großer Auftrag retten…
Diesen bekommt er sogleich von einem alten, kauzigen Mann zugeteilt, der mit ihm auf die Suche nach alten Relikten gehen will, die in letzter Zeit vermehrt auftauchen. Bei diesen Relikten handelt es sich um MysTech, denen man mysteriöse Kräfte nachsagt.

anachronox screen001

Zunächst spielt das Spiel auf dem Planeten Anachronox, ein sehr cyberpunkig angehauchter, aber auch runtergekommener Planet. Hier erkennt man die Handschrift Ion Storms, die sich auch schon für den Superhit Deus Ex verantwortlich zeichneten. Sly Boots erinnert nicht nur entfernt an JC Denton, der Hauptperson aus eben diesem Spiel. Es gibt den Helden in langem schwarzen Mantel, es gibt gefährliche Seitenstraßen, es gibt massig japanische Werbetafeln in einer dunklen Stadt, eben alles, was das Cyberpunk-Herz höher schlagen lässt.

Im weiteren Verlauf der Geschichte verschlägt es die Gruppe, die sich nach und nach um Sly und den Alten sammelt, noch auf einige weitere Planeten und Schauplätze, von denen einer aberwitziger ist als der andere. Da ist der Planet Democratus, der von Bürokraten zu Tode regiert wird, weil selbst die Entscheidung, ob die Atomraketen, die auf den Planeten zusteuern, wirklich feindlich gesinnt sind, ausdiskutiert werden muss. Die Komik, die sich hieraus ergibt, zeigt dieses Video sehr schön:

Aus lauter Dankbarkeit über die Rettung des Planeten schrumpft sich der Planet übrigens zusammen und schließt sich der Truppe an! Nach einem späteren Comiclevel gesellt sich außerdem noch ein ausrangierter Comicheld hinzu, dem man erst wieder Selbstvertrauen einflößen muss. Ich sag es ganz unumwunden: Anachronox ist meiner Meinung nach das lustigste Spiel, das ich je gespielt habe! In der gesamten Spielzeit von rund 30 Stunden gibt es so viel Ideen, dass einem die Spucke wegbleibt.

Da ist zum Beispiel die Szene, nach der unsere Helden aus Versehen einen ganzen Planeten in die Luft gejagt haben. Verschollen im Weltall müssen sie sich jetzt die Zeit vertreiben in der Hoffnung, irgendwann gefunden zu werden. Dabei stoßen sie natürlich an die Grenzen ihrer geistigen Kräfte:

Oder die Spezialfähigkeiten der einzelnen Charaktere. Davon hat jeder eine. Wenn zum Beispiel ein Passant einen Fahrkartenautomaten blockiert, kann man in einem Minispiel die Lunge des alten Grumps mit Luft füllen. Ist diese aufgefüllt, lässt er einen minutenlangen Redeschwall von sich los, der jeden Menschen in die Flucht schlägt und für extreme Heiterkeit beim Spieler sorgt. Oder die Spezialwaffe des Planeten Democratus, der sich einem ja anschließt. Hier gilt es, eine Debatte im Parlament zu führen, bzw. dafür zu sorgen, dass sie in die Puschen kommen, in dem man dem Wortführer, sobald er aufsteht, schnell eins über die Rübe gibt.

Man kann den Humor des Spiels nur unzureichend beschreiben, keines meiner Worte wird dem Spiel wirklich gerecht. Jedenfalls, immer wenn man glaubt, es geht nicht mehr aberwitziger, legt dieses Spiel noch eine Schippe drauf.
Aber das Spiel lebt ja nicht nur von Humor allein. Im weiteren Verlauf der Handlung entwickelt sich eine Geschichte von einer irren Komplexität, die vielleicht nicht ganz mit Deus Ex mithalten kann, aber sich vor keinem Rollenspiel verstecken muss. Der eingangs erwähnte Mafiaboss ist anachronox-4jedenfalls nicht der größte Fisch, weitere Rollen spielen eine uralte Kirche, eine noch ältere Alienrasse, Zeitreisen mit unvorhersehbaren Folgen und auch unser Held Sly Boots hat in seinem Organizer, der uns als Mauszeiger dient, ein altes Geheimnis voller Tragik versteckt, dessen Gänze sich erst kurz vor Schluss erschließt.

Müsste ich mich für 5 Spiele entscheiden, die ich bis an mein Lebensende spielen müsste, Anachronox wäre eines davon. Wer sowieso Konsolenrollenspielfan ist, aber keine Nippon-RPGs mehr sehen mag, wer interessante und komplexe Charaktere mag und eine verdammt witzige und dabei sehr tiefgründige Geschichte erleben will, dem kann ich nur empfehlen, auf ebay oder sonstigen Quellen nach diesem Spiel zu suchen. Es sollte jedenfalls schon sehr billig zu haben sein.

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4 Antworten zu Classic Game Review: Anachronox

  1. MuGo schreibt:

    Hey, vielleicht spiel ich das Mal – es wirkt echt ganz lustig!

  2. Ivy schreibt:

    Jajaja… Spiel toll super lobtätschel… aber was ist mit deinem Layout passiert und wieso änderst du deins während ich drüber nachdenke meins zu ändern ? Huh ?

  3. Sebastian schreibt:

    Ich kann es ja nochmal in den dritten Thread schreiben 🙂
    Also ich ändere mein Theme doch eigentlich alle paar Monate mal. Ich wollte das hier eigentlich schon immer haben, aber weil das so viele nehmen, habe ich davon immer Abstand gehalten. Nur das ist ja irgendwie albern, wenn’s mir gefällt, sollte ich es auch nehmen. Und wenn Du Deins jetzt z. B. eh änderst, passt das doch alles wieder. Außerdem ändert eh grade alle Welt ihr Blogdesign.

  4. Ivy schreibt:

    Ich gebs zu, ich les hier sonst nur über den Reader 😉 Leider steh ich auf Grün… da die Auswahl ist leider sehr eingeschränkt. Aber ich arbeite dran, kann doch net jeder das selbe Theme haben 🙂

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