Lieber garnichts sagen… oder?

Immer wieder mal stelle ich mir die Frage, warum ich eigentlich nie oder selten etwas über Politik schreibe. Ich komme dann zu dem Schluss, dass ich den Diskussionen, die in den verschiedenen Blogs stattfinden, einfach nichts mehr hinzuzufügen habe. Da sind diese fantastischen Blogs wie Alarmschrei oder agitpopblog, die das wirklich gut machen. Ich lese ihre Artikel, denke, „ja, genau so ist es“, behalte das auch im Kopf, aber schreibe dann nichts mehr drüber. Weil ich denke, die haben das gemacht, besser geht es nicht. Ich denke dann wie so oft an weise Worte von Sven Regener, der einmal sagte, dass er mit den großen Dingen der Welt nicht viel anfangen kann, weil es letztendlich die kleinen Sachen sind, die entscheidend sind. Was die Welt subjektiv verändert sind die persönlichen Erfahrungen, die man macht, weswegen seine Lieder der Band Element of Crime doch im Grunde immer von Liebe und Abendessen handeln. Doch oft sind es die großen Geschehnisse und „fremde Mächte“, die in die persönliche Welt eingreifen.

Heute hat mich dieser Artikel vom Partoffelpunk darauf aufmerksam gemacht, dass man manchmal garnichts schreiben muss. Dass im Grunde einige Taten so sehr für sich selber stehen, dass jeglicher Kommentar dazu überflüssig ist. Weil die Erkenntnis, die sich aus solchen Taten erschließt, einfach so offensichtlich ist und jeder, der sich dazu nichts weiter denkt, die Einschläge eh nicht mehr hört. Und so sind auch pantoffelpunks Einleitung und Fazit nur Platzhalter für die eigenen Gedanken, die sich einem wie aus der Pistole geschossen sofort aufdrängen, wenn man solche Geschichten liest.

O-Ton: Petra Lindner, Mutter
“Und zwar hat er eine schusssichere Weste angehabt, eine Maschinenpistole und riss jede Türe auf. ‘Toilette gesichert!’, dann nach vorne durch den Gang, die nächste Tür ‘Bad gesichert!’ und immer im Anschlag seine Maschinenpistole, weiter in die Küche ‘Küche gesichert!’.”

Was muss da vorgefallen sein, wenn die bayrische Provinzpolizei ein so großes Rad dreht? Entführung, Mord, Attentat? So ungefähr: Im idyllischen Nachbarort Marktl am Inn steht das Geburtshaus des Papstes. Böse Menschen haben es zwei Tage zuvor, unmittelbar vor dem Papstbesuch, mit blauer Farbe bespritzt.

[…]

O-Ton: Siegfried Lindner, Vater
“Ich wurde in dem Präsidium fünf Stunden festgehalten. Mir wurden Fingerabdrücke abgenommen. Ich hatte einen Speicheltest. Es wurden Fotos gemacht. Ich wurde also komplett erkennungsdienstlich aufgenommen, ich wurde verhört.”

Der einzige Verdachtsmoment gegen den Familienvater: Er hatte im Wartezimmer dieser Arztpraxis zu einem anderen Patienten gesagt, dass die 40 Millionen, die der Papstbesuch kostet, besser hätten verwendet werden können.

Ironischerweise kam es für die Familie in diesem Fall zu dieser Drangsalierung, gerade weil der Vater seinen Mund aufgemacht hat. Weil er sein Recht wahrgenommen hat, seine Meinung zu äußern. Genau dieses Recht wurde ihm jedoch aberkannt. Man kann sich vorstellen, dass Herr Lindner in Arztpraxen nicht mehr so einfach sagen wird, was er denkt. Was nützt einem das Recht auf Meinungsfreiheit, wenn der Staat (oder auch nur der kleine Freistaat) Angst vor Meinungsäußerung schürt?

Wahrscheinlich werde ich auch in Zukunft nicht wirklich oft über Politik schreiben, eben weil meine Prioriäten im Leben woanders liegen (derzeit, in der alles etwas schiefläuft, sowieso) und viele reine Politikblogger abrutschen in eine Agenda, aus der sie nicht mehr herauskommen und dem HASS anheimfallen. Man erkennt diese Blogs daran, dass sie nie über Katzen oder Videospiele schreiben. Ich nenne sie Wutschnaub-Blogger, weil ich mir dann immer vorstelle, wie sie jeden Tag eine neue Tastatur kaufen, weil sie vor Zorn nur noch wirres Zeug in die Tasten hämmern.

Jedoch: Ich werde mir verstärkt im Bewusstsein halten, dass ich das Recht habe eine politische Meinung zu haben und diese auch zu äußern und es gilt, dieses Recht auch zu verteidigen. Dass Vorgehen wie das der bayrischen Polizei eben nicht richtig sind und man dem sich langsam einschleichenden Grundton der Gesellschaft, sich aus wirklich allem rauszuhalten, entgegentreten muss. In einem Nebeneinander mit dem tatsächlichen Leben, dass doch eigentlich nur aus Liebe und Abendessen besteht.

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7 Antworten zu Lieber garnichts sagen… oder?

  1. Ivy schreibt:

    Sebastian… da stimme ich dir als politische-Themen-Verweigererin zu… ich habe eine politische Ansicht, aber solange andere meine Meinung klarer ausdrücken können als ich, werde ich die Welt nicht mit meiner Meinung behelligen… aber sollte es wirklich nötig sein, dann habe ich ganz sicher etwas zu manchen Dingen zu sagen…

  2. Es gibt ein Schlüsselwort in diesem Text: Bayern. Seit wann gibt es da Demokratie? Na gut, seit der Diktator abgetreten, Beckstein raus aus dem Land und dieser kleine Huber-Marionette an der Macht ist, regt sich dort wieder Hoffnung. Aber diese Geschichte war ja noch so Edmund’s Zeiten.

    Meine Meinung zum Thema „sich über Politik äußern“: Gerne. Nur bitte nicht über 1000 Wörter. Das interessant zu verpacken und packend zu schreiben hat eigentlich bisher kein Author geschafft, jedenfalls erinnere ich mich an keinen Artikel.

    Kurzer Geistesblitz: Wenn Bundestags- und Bundesratsmandate ehrenamtlich währen..würde es dann noch FDP geben? Oder CDU?

  3. Sebastian schreibt:

    Klar, die machen das ja nicht wegen den paar Kröten, die sie vom Bundestag bekommen. Da würden sie in der Wirtschaft mehr kriegen. Finanziell sind die Aufsichtsratsposten etc. attraktiver, die der Beruf mit sich bringt. Und abseits davon traue ich den meisten Politikern schon zu, dass sie eine Agenda haben und diese auch durchbringen wollen. Also dass ihnen das tatsächlich Spaß macht. Jedenfalls war das der Eindruck den ich hatte, als ich mal in meiner Funktion als einfaches SPD-Mitglied hinter die Kulissen in Berlin schauen durfte ^^

    Dass man selber mit den Sachen nicht einverstanden ist, das steht ja auf einem anderen Blatt. Und dass die zunehmende Macht zunehmend korrumpiert, das kommt dann halt noch dazu. Viele fangen engagiert da an, aber man merkt schon, dass sich einige ausruhen, sobald sie ihre Schäfchen im Trockenen haben.

  4. Sanja schreibt:

    auch wenn ich über katzen schreibe, habe ich das recht wütend zu sein 😉

  5. Paul schreibt:

    Ach weißt du… Ich könnte mich zu so vielen Themen äußern. Aber dann fange ich an nachzudenken und sage mir:
    A.) Das ich das Thema nur von einem Standpunkt aus betrachte, nämlich von meinem.
    B.) Das ich selbst gar nicht alle Facetten des Themas kenne, folglich keinen Überblick darüber habe, was dem Beitrag nur schadet, der er dann unvollständig ist und Unvollständigkeit Fehler nach sich zieht.
    c.) Andere Leute sich sowieso besser ausdrücken können und das bereits schon getan haben.

    Thats it.

  6. alarmschrei schreibt:

    Hm… alle Facetten eines Themas zu kennen und dann auch zu verarbeiten, das geht doch gar nicht. Es gibt nur Leute, die über die Infrastruktur und Geschicklichkeit verfügen, überzeugend so zu tun, als ob.

    @Sebastian: Das soll wirklich nicht lehrmeisterhaft klingen… aber das mit dem Gefühl, nichts mehr hinzuzufügen zu haben – ich glaube, das geht allen mal so, mir jedenfalls. Gerade so ein langer, ausführlicher Text ploppt einem ja nicht einfach fertig in den Kopf, sondern fängt mit einem ganz kleinen Gedanken an. Wenn man sich dann Zeit nimmt, den zu formulieren, kommt man auf weitere Gedanken, verwirft auch mal welche usw. Wenn man jedenfalls so einen Anfangsgedanken einem ausgearbeiteten Text gegenüberstellt, den man irgendwo gefunden hat, dann wirkt der Gedanke immer erstmal klein und nicht der Rede wert. Man muss einfach drauflosschreiben und sehen, was daraus wird. Manchmal wird gar nichts draus, aber manchmal eben doch. Ich glaube sowieso, dass Inspiration im Vergleich zur guten alten Arbeit oft überbewertet wird. Und ohne Übung geht sowieso schon mal gar nix.

    Übrigens… beim vorletzten Absatz war ich ja erleichtert, dass bei mir momentan das Thema Videospiele hoch hängt, sonst wär ich ins Grübeln gekommen, was aus mir geworden ist 😉 Katzen hatt ich glaub ich noch nicht, aber neulich einen Makak und eine Taube. Außerdem hab ich so einen Anfangsgedanken, der mit Raben zu tun hat…

  7. Lucky#Slevin schreibt:

    Ich drücke mich auch nicht so gerne über die Politik aus, das liegt aber größtenteils daran, dass ich immer nur die Hälfte von allem weiß, scheisse argumentiere und ja, ich blamiere mich auch so schon oft genug, da brauchen wir uns ja nicht noch als irgendwelche Volldeppen hinzustellen.

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