Der neunte November

Die Bilder des neunten November 1989 gehören wahrscheinlich zu den beeindruckendsten Filmaufnahmen überhaupt. Aber die Klamotten, ach Du scheisse…

Damals war ich 8, habe das also sehrwohl bewusst mitbekommen, aber es war mir eher egal. Das Feuerwerk fand ich schön, ansonsten hatte ich damals nicht soviel damit am Hut. Dabei wohnten wir ja quasi im Zonenrandgebiet, wer beim Schwimmen in Travemünde einmal falsch abgebogen ist, war praktisch drüben.

Schlimm, beziehungsweise merkwürdig war die Zeit danach. Aus irgendeinem mir unbekannten Grund war das Auto unserer Wahl ein Lada Nova, irgend so eine Russenkiste, die drüben als Luxus galt (8.888 DM). Im Westen nicht (8.888 DM). Nichtsdestotrotz fuhren wir im Laufe der Jahre mehrere dieser Schmuckstücke. Da sich alle paar Tage der Keilriemen verabschiedet hat und uns irgendwann die Strumpfhosen ausgingen, hatten wir mittendrin sogar mal einen Ersatzlada in Sportausführung. Spoiler überall und eine Dachluke. Rot. Style!
Eine Besonderheit war, dass wir immer mit in die Waschanlage mussten. Die Kommunistenkisten waren einen derartigen Luxus nicht gewohnt und die Scheiben haben das nicht ausgehalten, so dass wir hinten sitzen und die Scheiben hochgeschoben halten mussten. Das war immer eine Freude.

Jetzt bin ich abgeschweift, was ich eigentlich sagen wollte: Skurril war die Zeit nach der Wende, denn egal, wo wir hinfuhren, wurden wir für Ossis gehalten und gaaanz herzlich begrüßt. Andauernd gaben uns die entgegenkommenen Autos Lichthupe, haha. Meine Güte, aber Süßigkeiten hinter die Scheibenwischer wollten sie uns dann doch nicht klemmen. Oder doch? Hm…

Jedenfalls, mein Vater hat die Gunst der Stunde genutzt und sich sofort ein Kundennetzwerk in der ehem. DDR aufgebaut („die zahlen nicht viel, aber pünktlich“), so dass wir auch mal drüben gucken konnten. Gruselig war’s am Anfang. Da soll man garnichts beschönigen, es war wirklich gruselig. So, als ob Tim Burton Architekt geworden wäre, windschiefe Häuser, verlassene Ruinen und Menschen mit wirren Haaren überall. Zumindest auf den Dörfern in M-V.

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10 Antworten zu Der neunte November

  1. Paul schreibt:

    Ist doch in Meck-Pom jetzt noch nicht anders.

  2. Ivy schreibt:

    Ich war damals 18 und es war ne richtig aufregende Zeit… meine Mum hat geheult ( warum auch immer ) und es ist ewig viel Schule ausgefallen, weil die Hälfte von uns samt Lehrern mal eben nach Berlin ist um das live zu erleben… linksliberale Schulen ( gabs damals noch ) sehen sowas ja nicht so eng

    Meine Lehrer hatten recht… so nahe ist man selten an der Geschichte, so intensiv werde ich sie vermutlich auch nie wieder erleben und ausserdem war der Alkohol damals billiger und floß in Strömen… Geile Zeit.

  3. Sebastian schreibt:

    Ich kann schon verstehen, warum alle hinwollten. Das war ja schon extrem beeindruckend. Das glaub ich Dir, dass partymäßg gut was ging damals. Jaja, die 80er… ein unterschätztes Jahrzehnt, definitiv.

  4. MuGo schreibt:

    Pff, eher überschätzt. Aber Lada ist cool – wir hatten auch mal einen Samara.

    Zu den neuen Kunden im Osten: Hat dein Vater Versicherungen verkauft oder was konnte man da losschlagen?

  5. Sebastian schreibt:

    Gebrauchtwagen und Immobilien 🙂

    Ne, Quatsch, ist Steuerfachgehilfe oder sowas.

  6. MuGo schreibt:

    Das ist natürlich geschickt – na, die werden sich gefreut haben, als ihnen jemand gesteckt hat, dass man im Westen Steuern zahlen muss…

  7. Sanja schreibt:

    wie haben die autos das nicht ausgehalten? sind die fenster sofort runter sobald ein druck aufkam?! hä? ich checks nicht ganz..

  8. Sebastian schreibt:

    Ja, da kamen halt die Rollen an der Seite runtergeschrubbt und die Scheiben waren halt Mist, muss man so sagen. Die gingen dann runter. Aber wir fanden das schon toll, von daher: It’s not a bug, it’s a feature 🙂

  9. Sanja schreibt:

    yeah, der pool im hauseigenen lada..

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