D. I. S. C. O.

Das kostet mich jetzt wieder 10 Leser, aber ich muss das mal eben aufschreiben, sonst ist es irgendwann ganz weg.

Mein erster Discobesuch war eigentlich kein richtiger. Mit 13 kommt man nämlich in „richtige“ Discos nicht rein. Der Kinderszeneschuppen Abaco war noch ein paar Monate ausser Reichweite, das Queens war uns zu erwachsen und vor der Ziegelei, der größten Großraumdisco oder der größte Technoschuppen S-Hs oder was auch immer hatten wir viel zu viel Respekt. Das hat sich zwar kurze Zeit später alles erledigt, aber jetzt noch nicht. Jetzt waren unsere Alternative kirchlich organisierte Kinderdiscos. Das Platzangebot dort war reichlich, wir konnten auf der Tanzfläche mit einem Tennisball bisschen rumkicken, denn ausser uns waren in der Regel nur noch eine Handvoll anderer Heranwachsender anwesend.

Wer waren eigentlich wir? Naja, mein Plan, eine noch coolere Clique als die meines Bruders zu schaffen, nahm Form an. An diesem Abend waren wir zu dritt. Jan, einige Jahre mein bester Freund, ein hochgewachsener, blonder Junge und Traum einiger Mädchen. Und Alexandra… in sie war ich jahrelang verliebt. So richtig. Das hat angefangen, als ich 12 war und endete erst viele, viele, wirklich viele Jahre später. Auch heute denke ich noch einige male an sie. Sie war ein halbes Jahr älter als ich (ihren Geburtstag weiss ich heute noch), genau so alt wie Jan und in jeder Hinsicht perfekt. Und sie hing mit mir rum. Gut, hin und wieder lief was zwischen ihr und Jan, welches eigene Einträge wert ist, aber im Grunde waren wir eine Dreiergruppe. Auch, wie wir uns kennengelernt haben, muss eines Tages erzählt werden. Wie auch immer.

Jedenfalls, dieser Abend war dann doch etwas anders, weswegen ich ihn als ersten Discobesuch gelten lassen kann, auch wenn ich im ersten Satz sage, dass es keiner war. Aber er war weit näher dran als diese Kirchenspackenveranstaltungen. Es war nämlich brechend voll.
Ausgerichtet wurde diese Festivilität von der allseits bekannten Krankenkasse AOK, die ihre reichlichen Beiträge darauf verwendet, Jugendliche behutsam, aber bestimmt in die Welt der Coolness einzuführen, wobei sie natürlich ihren Namen in unsere unausgebildeten Neurostrukturen einbrennen will. Konsequenterweise gab es natürlich kein Alkohol, oder doch? Das weiss ich garnicht mehr. Wahrscheinlich ’n Sixer von der Tanke.

Aus irgendeinem mir unverständlichem Grund war diese Veranstaltung tatsächlich ein Happening, zu dem alle wollten. Schon in der Schule wurde sich verabredet, alle wollten sie kommen. Dabei ist Lübeck nicht klein, und wir waren Suburb-Kinder, die noch extra in die Stadt fahren mussten. Jedenfalls, am Einlass gab es Stempel (STEMPEL!! woohoo!!) auf die Hand und wir durften rein. Jetzt waren wir wer. So, moment of the evening war, dass ich ja in Begleitung des schönsten Geschöpfes der Erde hereinmarschiert bin, ich, der vorher mit Mädchen nicht wirklich viel am Hut hatte! Neidische Blicke meiner Klassenkameraden, die Frage, ob das meine Schwester sei, was ich mit einem diabolischen Grinsen verneinen konnte, nein, eine Freundin ist sie.

Der Abend bestand im Wesentlichen aus 3 Teilen. Dem Vorgeplänkel, also der Unwohlfühlphase bei Discobesuchen, bei der man sich orientiert und ein wenig zur Chartmusik mit dem Fuss wippelt. Ätzend.
Teil 2 dann der Auftritt der Liveband. Jan und ich haben schon vorher abgemacht, die Band auf jeden Fall scheisse zu finden, egal was da kommt. Was war das überhaupt für ein Konzept? Eine AOK-Disco für Jugendliche von 12-17 mit einer Liveband irgendwann mittendrin und ansonsten Cola. Und vor allem, warum war das jetzt so ein Ereignis, zu dem wir alle wollten? Aus heutiger Sicht unerklärlich.
Die Band nannte sich Gizmolotion, ein Begriff, der bei Google genau 0 Treffer ergibt, Jan und ich hatten also recht. Dabei waren die rein objektiv glaube ich garnicht schlecht. Das war so ein Crossover-Ding, wie es dank den H-Blockx gerade ziemlich in war. Oder kamen die erst im Sommer drauf? Wie auch immer, jedenfalls lange bevor man das ganze Nu Metal nannte und bevor mir das auf den Sack ging. Sie hatten sogar ein DJ-Set, so dass wir schon vor ihrem Auftritt lustige Beatbox- und Scratchpersiflagen performt haben. Gizmolotion, Gizmolotion, Giz Giz Gizmolotion, hehe. Die hatten auch so Plüschklamotten an und kamen auf Steckenpferden auf die Bühne, also Mühe haben sie sich schon gegeben. Aber mach das mal mit Jugendlichen, die alles scheisse finden müssen, um sich selbst zu finden. Den enttäuschten Blick des Sängers, der aussah wie Ali G., habe ich heute noch im Kopf. Und tschüss, ihr Rapwichser! Ihr wollt Ghetto, könnt ihr haben, Schluss mit Kaspermucke.

Teil 3 war dann Scooter. Immer und immer wieder. Denn es war definitv ihr Sommer, Stichwort Hyper Hyper. Overhyped and underskilled, aber wir fanden das dermaßen geil und wurden extrem geflashed von diesem Technoohrwurm. Ha! Da fällt mir ein, warum wir alle hinwollten! Angekündigt war ne Lasershow, die wir alle nur vom Henry Maske kannten, die gab es immer vor seinen Kämpfen. Und jetzt halt zu Scooter, bzw. zum DJ, der das in Schleife spielen musste, denn wir brüllten danach. Besonders Annika, die immer wieder nach vorne zum Pult ging um nach Scooter zu fragen.

Annika war eine sehr hübsche Klassenkameradin von mir, aber auch eine ziemliche Schlampe. Sie hatte sich auch kurz darauf von ihrem Freund auf dessen Motorhaube entjungfern lassen und war da auch irgendwie stolz drauf. Also in Gesprächen fand ich das immer billig, aber in meinen Träumen war ich natürlich lumpig wie Spitz und neidisch auf den Glücklichen. Egal.
Von Alexandra kann ich leider nicht viel erzählen, wir haben versucht ein wenig zu tanzen, aber da war kein Rhythmus zwischen uns beiden. Eher zwischen ihr und Jan.

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20 Antworten zu D. I. S. C. O.

  1. zeineku schreibt:

    Abaco Queens Ziegelei

    Diese Namen lese ich im Moment fast täglich in Strafverfahrensakten. Hatte ja ganz vergessen, dass Du Exillübecker bist.

  2. Ich war in meinem ganzen Leben noch nie in einer Disco, in der gerade Betrieb ist. Wir hatten dafür Dorffeste und unsere selbstausgerichteten Jugendclubpartys, auf denen ich, nachdem ich mir das Bier irgendwann übergetrunken hatte, im Wein mit den Mädchen getrunken habe. Ich wünsche mir nur gerade, dass ich damals von dem Wort Dekadenz hätte den Bedeutungsinhalt erfassen und umsetzen können. Obwohl es damals schöne Zeiten waren, aber ich würde nicht sagen, dass damals irgendwer aus dieser Clique ein Freund war. Sowas kam erst mit 14, 15 bei mir an, hat sich aber nie so richtig durchgesetzt; ich bin einfach zu verschlossen.

  3. Sebastian schreibt:

    @zeineku: Scheint also alles beim alten zu sein 🙂

    @Heinz: Andere finden nie in ihrem Leben Freunde. Und das sind oft die, die alles andere als verschlossen sind. Die kennen dann sehr viele Leute, aber deswegen verpassen sie es, mal jemanden richtig kennenzulernen.

  4. Komm schreibt:

    Tschulljung, aber Deine Geschichte passt nicht.

    „das Queens war uns zu erwachsen“

    „Teil 3 war dann Scooter. Immer und immer wieder. Denn es war definitv ihr Sommer, Stichwort Hyper Hyper.“

    „Hyper Hyper“ war 1994 in den Charts und zu dem Zeitpunkt war das „Queens“ noch das Galaxis. Und das Galaxis hat – im wahrsten Sinne des Wortes – gerockt! (Bis zur Prolldisco „Queens“ wurde…)

  5. crunchi87 schreibt:

    wow voll süß geschrieben, echt.
    Ich war das erste mal mit 13 oder 14 in der Disse.

  6. niels | zeineku.de schreibt:

    Mmh. Ich glaube, ich war bis heute höchstens drei bis viermal in solchen Läden, obwohl ich schon die zweite Hälfte der Zwanziger-Jahre erreicht habe. Ist einfach nix für mich. Zu laut, zu türsteherieg, zu drängelig.

    Dann schon lieber ein Pub mit Livemusik oder ein nettes Konzert.

  7. Sebastian schreibt:

    @Komm: Ja, was weiss ich, ’94 ist halt schon 13 Jahre her, da können sich solche Sachen schon reinmogeln. Galaxis war dann ja noch viel erwachsener, wenn das gerockt hat, weil Rock war ja für uns Nachwuchstekker voll unten durch und nix für uns. Die Hauptsache ist, Disco war da noch nicht unsere Welt.

    Queens war dann natürlich scheisse, trotzdem war ich da zwischen 16 und 18 immer drin, ab 18 ging’s dann immer ins Body, da war ich dann schon Rock 🙂

  8. MuGo schreibt:

    Oh Mann, ich weiß nicht einmal, wann ich das erste Mal in der Disse war. Wahrscheinlich mit 17!? Naja, auf jeden Fall viel zu selten, aber irjendwie fehlt’s auch an der Tanzpartnerin…

  9. maloXP schreibt:

    Coole Geschichte, was hab ich gelacht. Schade dass sie so abrupt endet, da wäre doch noch eine (erfundene) Pointe dringewesen, oder? Vielleicht sowas wie in Jazzclub, dem Film, wo zum Schluss Rocko Schamoni im Ganzkörperkondom als E.T. verkleidet kommt oder so.

    Mal abgesehen von den üblichen Gemeindedissefesten und Konzerten schlechter Rockbands, die jeden Besucher – selbst mich – brauchten um die Bude vollzukriegen, hat wohl jeder zweite Berliner – so wie ich – seine zappeleventtechnische Sozialisierung im „Rock-it!“ erlitten. Da gab’s mehrere „Floors“ und wer vor vor zehn kam, hatte zwei Freigetränke und eine gute Schangse, dass der Perso nicht gefordert ward. Da kam dann immer Papa Roach und Snap in meiner zerstörten Erinnerung und es war geil. Heute ist mir das eher peinlich, aber was soll’s…

    Scooter war ganz geschickt. Die haben Credibility simuliert, indem bei „Hyper Hyper“ einfach alle angesagten DJs eingeflochten wurde. Gibt’s auch ’nen Craplog-Eintrag vom .markus drüber.

  10. Ich kenne wohl keinen richtig. Und mich kennt erst recht keiner richtig. Aber darum ging es ja auch garnicht , sondern darum, dass es damals okay war, aber ich heute nichtmal weiß, wieso ich dabei war. Ich mochte Partys noch nie und mag sie bis heute nicht. Unproduktive Zusammenkünfte von Menschen sind mir weiterhin suspekt und erscheinen mit sinnlos. Aber damals ware es vielleicht weil die Leute von damals die einzigen Leute außerhalb meiner Familie waren, die ich kannte, da muss man aufgrund gesellschaftlicher Zwänge dabei sein (ist heute nicht anders). Mich hat bisher keiner aus dieser Runde bei Begegnungen auf der Straße zurückgegrüßt, warum auch immer. Irgendwo bin ich auch froh darüber, denn es sind und waren schon immer Idioten und nicht mit ihnen reden zu müssen ist ganz gut eigentlich.

    Ich finde den Schluss diesmal sehr gut. Ich mag solche Schlüsse, die so abrupt kommen und einen dann wegen der unvollendeten Geschichte in den eigenen Gedankenzug einsteigen lassen.

    Bäh, in knapp 24 Stunden muss ich aufstehen und zur Arbeit, bäh. Ich hasse Teildienst. Aber den mag keiner 🙂

  11. Sebastian schreibt:

    Ich mag das Ende, weil’s so einen leicht melancholischen Touch hat. Und ich bin ja kein Helge Schneider, also sowas erfundenes… ne, ich schreib das ja, damit ich das nicht mit 70 machen muss, wenn meine Memoiren gefordert werden, weil ich so geil bin. Jetzt ist das alles noch so halbwegs präsent.

    Apropos Rocko Schamoni, gestern war ich in Immer nie am Meer (da wird Schamoni am Ende gespielt), den müsst ihr ansehen. Hat auch ein cooles Ende.

  12. niels | zeineku.de schreibt:

    Nochmal apropos Rocko Schamoni: Ich bin in „Schmalenstedt“ aufgewachsen, allerdings ein paar Jahre nach Schamoni. Und ich forsche bis heute danach, ob die Rocker-zerlegen-Dorfdisco-Story aus „Dorfpunks“ sich tatsächlich so zugetragen hat.

  13. Sebastian schreibt:

    Weiss ich auch nicht, also der echte Name der Disco ist ja Disco Schröder, aber das weisst Du ja sicher. Ich kenne mich in der Gegend aber nicht aus.

  14. fazzolo schreibt:

    Ja… das hübsche Mädchen mit dem man befreundet ist, das man aber nie kriegen wird… War bei mir auch so, auch in dem Alter. Und damals wars mein Stiefbruder auf den sie abgefahren ist.

  15. Sanja schreibt:

    ich weiß, das klingt so kindisch und so absolut anti-intellektuell – aber ich liebe laute musik, sodass man sich einfach nicht unterhalten kann 🙂
    und eigentlich sollten kinderdiskos endlich eingeführt werden. so ab 12, 13. dann hätte man auch nicht das problem dass die kleinen sich am wochenende irgendwo reinschmuggeln wollen.

  16. Sebastian schreibt:

    Wenn Du Umgebungen liebst, in denen Du Dich nicht unterhalten kannst, solltest Du über die Wahl Deiner Gesprächspartner nachdenken 🙂 Ne, weiss schon, was Du meinst.

    Das mit den Discos stimmt, wenn es sowas gibt, wird das ja meist von Kirchen oder eben Krankenkassen ausgerichtet, oder sonstigen peinlichen Leuten, da will dann meist keiner hin. Ist die gleiche Kategorie wie rappende Polizisten.

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  20. angelika pries schreibt:

    wann genau wurde daas galaxis geschlossen??? gruss geli

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